Baustelle Bremen. Wo liegen die Werder-Probleme?

Baustelle Bremen. Wo liegen die Werder-Probleme?

25 Spiele, 18 Punkte, 28 Tore, 59 Gegentore, Tabellenplatz 17. Das sind die miserablen Zahlen von Werder Bremen in der Spielzeit 2019/2020. Der Traditionsverein rast ungebremst auf Liga 2 zu. Im Moment scheinen nur wenige Werder-Spieler die Handbremse ziehen zu wollen. Auch die zweimonatige Pause hat nichts geändert. Am Montag wurde man von Bayer Leverkusen vorgeführt. 1:4 endete die Partie im eigenen Stadion. Zumindest den Fans blieb durch die Geisterspielregelung das Debakel vor Ort erspart.

Wenn Werder erstklassig bleiben will, müssen sie jetzt die Kurve bekommen. Es ist nahezu die letzte Chance. Mit dem SC Freiburg folgt am Wochenende ein Gegner, gegen den der SVW dreifach punkten muss. Insgesamt stehen für Kohfeldt-Jungs noch neun Spiele auf dem Programm. Gegen Freiburg, Paderbon, Köln und Mainz müssen Siege her. Denn gegen Bayern und Borussia Mönchengladbach wird Grün-Weiß leer ausgehen. Gegen Schalke 04, VFL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt wird es ebenfalls schwer.

Am Samstag steht aber schon eines der wichtigen Spiele gegen Freiburg an, in dem Grün-Weiß dreifach punkten muss. Doch dafür müssen binnen weniger Tage die großen Baustellen beseitigt werden. Die folgenden Problemzonen muss Bauleiter Florian Kohfeldt bis zur Partie beheben.

Geschwindigkeit: Werder fehlt in vielen Situationen die Geschwindigkeit. Insbesondere beim Umschaltspiel vertrödeln sie zu viel Zeit. Statt schnelle, drückende Konter einzuleiten, verharren die Grün-Weißen zu lange in der eigenen Hälfte. Leverkusen hatte in vielen Situationen genug Zeit sich neu zu sortieren. Doch wenigstens ein paar Konter sind geglückt.

Selbstsicherheit: Eines der größten Probleme. Dass Werder nicht mit breiter Brust aufläuft, ist angesichts der schlechten Leistungen, verständlich. Dennoch müssen die Grün-Weißen selbstsicherer ins Spiel gehen. Gerade in der Offensive fehlt die Leichtigkeit im Abschluss, oder einfach Pässe landen nicht beim Mitspieler.

Koordination/Kommunikation: Eine der wohl größten Schwachstellen ist die Koordination. Damit ist sowohl die jedes einzelnen Spielers, aber auch das Zusammenspiel der Akteure gemeint. Es gibt Absprache-Probleme in der Abwehr, wie beim 1:3 Kopfball-Treffer von Mitchell Weiser. Verteidiger Kevin Vogt reagierte erst spät, um den Leverkusener zu stellen, zu spät. Er wurde aber auch zu spät von seinen Kollegen gewarnt. Den von hinten heran laufenden Weiser konnte er kaum sehen.

Ähnliche Koordinationsschwierigkeiten gab es auch beim 1:0 von Bayer. Veljkovic steht sinnlos im Strafraum rum. Kai Havertz steht völlig frei und kann zum Führungstreffer einnicken. Aber auch zur Flanke hätte es nicht kommen dürfen. Marco Friedl steht von Diaby viel zu weit weg. Statt in den Zweikampf zu gehen, läuft er ihm lieber verzweifelt hinterher. Ein fataler Fehler. Zumal sich Diaby soweit lösen konnte, dass er die Flanke druckbefreit schlagen konnte.

Generell sind hohe Bälle ein großes Problem bei Werder. Kommt ein hoher Ball in den Strafraum, bricht Chaos aus. Stürmer stehen plötzlich komplett frei und können abschließen. Nicht umsonst hat Werder gleich drei Kopfballgegentore kassiert gegen B04.

2. Halbzeit: Auffällig beim Bremer Spiel ist der Einbruch in Halbzeit zwei. In der Rückrunde hat Werder nur fünf Gegentore in den ersten 45 Minuten kassiert. Doch in der zweiten Hälfte 13, damit fast die dreifache Zahl. Es ist ein ganz anderes Spiel, was sie nach dem Pausenpfiff zeigen. Hinten werden sie instabiler, die Angriffe werden weniger. Sie wirken müde und unkonzentriert. Kaum eigene Angriffsszenen, dafür umso mehr im eigenen Strafraum. Werder muss es schaffen über 90 Minuten wach zu bleiben und eigene Akzente setzen. Sonst geben sie die Kontrolle komplett ihrem Gegner, was die Folge hat, dass sie noch unsicherer spielen und den Gegner stärker machen.

Spielsystem: Ein weiterer Kritikpunkt ist das Spielsystem. Weniger gemeint ist damit die Formation, sondern, wie die Spieler das System umsetzen. Die Rollenverteilung scheint nicht klar zu sein. Auch das Positionsspiel ist fragwürdig. So kommt es oft zu Spielsituationen, in denen keine Anspielstationen da sind, mit der Folge, dass der Ball zurück zu Keeper Jiri Pavlenka gespielt wird, der den langen hohen Ball spielen muss und der Ball dabei leicht auf den gegnerischen Reihen landet. Von Aufbauspiel fehlt da in vielen Situationen jegliche Spur.

Ideenlosigkeit: Wenn ein Aufbauspiel gelungen ist, fehlt in der gegnerischen Gefahrenzone die Abgezocktheit beim Abschluss, oder der letzte Pass geht nicht dahin, wo er hin soll. Von dem kreativen und mutigen Offensiv-Fußball, für den Werder eigentlich steht, haben wir schon lange nichts mehr gesehen. Keine schnellen Passkombinationen, raffinierte Flügelwechsel, oder selbstsichere Schüsse aus der zweiten Reihe. Stattdessen fährt man sich vorne fest, bis die gegnerische Abwehrreihe sich wieder sortieren konnte.

Spielführer: Ein wesentlicher Grund für die offensive Flaute ist der Abgang von Max Kruse. Er war nicht nur ein guter Kapitän, der sowohl hinten wie auch vorne das Team zusammengeschrien hat. Er hat die Mannschaft koordiniert. Kruse war das Zentrum im Werder-Spiel. Um ihn haben alle herum gespielt. Jedem war seine Aufgabe und Rolle im Team klar und wenn nicht hat die ehemalige Nummer 10 noch einmal nachgebrüllt. Er dirigierte aber nicht nur seine Mitspieler, sondern brachte Werder mit Zuckerpässen und Schlitzohr-Spielzügen oft auf die Siegerstraße. Seit dem Abgang von Kruse, der letzte Saison auf 21 Scorer-Punkte kam, fehlt im Offensivspiel der Führungsspieler. Jeder werkelt vor sich hin. Und wenn sich Bremen Chancen rausspielt, wirken sie fast zufällig, statt einstudiert. Werder braucht wieder einen Dirigenten, wie Kruse, Diego, Özil oder Micoud. Ansonsten spielen die Akteure zwar ihre Instrumente, aber jeder ein anderes Lied.

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Schafft Werder noch den Klassenerhalt?

Alle Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen aus der Welt schaffen. Insbesondere der Punkt, dass sie ohne Leader in der Offensive spielen, lässt sich bis zum Saisonende nicht beheben. Aber dennoch glaube ich, dass Werder es schaffen kann. Zwar sind es viele Problemzonen, doch wenn eine behoben wird, kann eine Kettenreaktion ausgelöst werden. Wenn ein einstudierter Spielaufbau klappt, gewinnen sie an Selbstsicherheit, sie werden wieder Abschluss-stärker und trauen sich auch mal mutige Pässe zu spielen. Damit wird dann auch die Baustelle Koordination verkleinert.

Im Pokalspiel gegen Dortmund haben sie gezeigt, dass sie es können. Und wie schnell all diese Baustellen aufgehoben werden können. Das macht den Sport auch so unberechenbar. Dennoch braucht Werder viel mehr von diesen Leistungen und sie müssen Konstanz in ihr Spiel bringen. Fünfmal gut verteidigen ist nur gut, wenn man nicht im gleichen Spiel fünfmal fahrlässig verteidigt und Gegentore kassiert. Vor allem in Halbzeit zwei müssen die Spieler mehr an ihr Pflichtgefühl appellieren. Das Problem dabei ist nicht nur, dass Bremen offensiv keine Akzente setzt. Die Abwehr wird kaum entlastet, da nur noch in der Werder-Hälfte gespielt wird.

Werder wird es nicht leicht haben, aber ich glaube, dass sie die Klasse halten können über die Relegation. Das Restprogramm von Düsseldorf ist ähnlich schwer. Und Werder hat noch das Nachholspiel gegen Frankfurt. Sollten sie das gewinnen, sind sie nur noch zwei Zähler hinter der Fortuna. Den werden sie aufholen können, aber nur, wenn die Baustellen dicht gemacht werden.

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