Wer hat an der Uhr gedreht..?

Wer hat an der Uhr gedreht..?

Nach 54 Jahren ununterbrochener Ligazugehörigkeit ist es nun soweit: Die Stadionuhr des Hamburger SV hat ausgedient. Trotz Millioneninvestitionen in den Kader und einer nicht mehr erwarteten Aufholjagd, die beinahe zur erneuten Rettung geführt hätte. Ein Abstieg an dem viele Personen mitgewirkt haben. Im Vordergrund und im Hintergrund. Wir haben einen genaueren Blick auf die internen Reibereien der vergangenen Jahre geworfen.

Der Rauch in der Nordkurve ist verflogen. 12. Mai 2018, 17:31. Abpfiff. Der HSV gewinnt sein letztes Heimspiel der Saison mit 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach. Da der VFL Wolfsburg parallel jedoch sein Heimspiel gegen den bereits vorher feststehenden Absteiger aus Köln ebenfalls gewonnen hat, steht der erstmalige Abstieg des Hamburger SV aus der 1. Bundesliga fest. Dass dies passieren könnte, war bei 2 Punkten Rückstand, einem deutlich schlechteren Torverhältnis und der Tatsache, dass die Wolfsburger das schlechteste Auswärtsteam der Saison empfangen, trotz der positiven Auftritte der letzten Wochen, abschätzbar. Unsicher war man sich über die aufkommenden Reaktionen des Publikums. Das, was sich ereignete, war dann an Emotionalität jedoch kaum zu überbieten. Nachdem bereits 10 Minuten vor Schluss allen klar war, dass es mit dem Wunder nichts mehr wird, nutzten ein paar Dutzend sogenannter Fans die Gunst der Stunde. Unter einem schwarzen Transparent maskieren sie sich, um anschließend die Nordtribüne in eine große schwarze Wolke zu tauchen. Feuerwerkskörper flogen aufs Spielfeld. Eine Hundertschaft von Polizisten muss sich als Wand diesem Szenario gegenüberstellen. Gerade als man befürchtete, die Situation könnte auf sehr traurige Weise ausufern, stemmen sich die 55.000 restlichen Hamburger Zuschauer gegen die schwarze Meute. Mit Pfiffen und Parolen - „Wir sind Hamburger und ihr nicht“ - distanziert sich das gesamte Stadion von der Gruppe, die scheinbar nur auf den feststehenden Abstieg gewartet hat. Als sich das Schauspiel auflöst und der Rauch sich legt, verschwinden die Verursacher in den Gängen des Stadions. Zurück bleibt nur ein Transparent, das in der allgemeinen Wahrnehmung unbeachtet bleibt.  „Mit HSVPlus wäre das nicht passiert“ ist hierauf zu lesen.
So sehr sich die Anhängerschaft auch von diesem Bruchteil ihrerseits abgrenzen und nicht repräsentieren lassen will, symbolisieren jedoch genau diese unrühmlichen Minuten im Volksparkstadion die Grabenkämpfe im eigenen Verein, die nach langen erfolglosen Jahren nun tatsächlich im erstmaligen Abstieg des Bundesliga-Urgesteins geendet haben.

Was nun aber soll dieses Plakat aussagen?

Unter dem Titel HSVPlus wurde 2014 ein Konzept für die seit langen Jahren angestrebte Ausgliederung der Fußballabteilung des HSV vorgestellt, salonfähig gemacht und letztendlich auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung auch von der Mehrheit der HSV-Mitglieder bewilligt. Der HSV lag in diesen Tagen bereits am Boden. Nach einer katastrophalen Saison, die man trotz gerade mal 27 Punkten und grausamer fußballerischer Darbietungen, durch zwei schmeichelhafte Unentschieden in der Relegation gerade so rettete, war der Stolz des Vereins und seiner Anhänger tief verletzt. Die gesamte Fußballnation fing an den HSV als Klassenclown des Fußball-Oberhauses anzusehen. Von HSVPlus versprach man sich viel. Neue finanzielle Möglichkeiten, eine Professionalisierung der Vereinsstrukturen und mehr Fachkompetenz in den entscheidenden Gremien. „Auf nach Europa!“ war der Slogan - „Mit HSVPlus wäre das nicht passiert“ der Tenor seiner Befürworter. Den Standpunkt Hamburg besser nutzen. Das Maximum aus den vorhandenen Ressourcen herausholen. Ein Plan, der soweit so gut klingt. Doch es gibt Gegner. Einige sogar. Dass der HSV seine Unabhängigkeit an einen Geldgeber abtrete, behaupten sie. Dass der Verein durch das Mitspracherecht der Fans das Herz seiner Identität verliere. Dass gerade diese Geisteshaltung den HSV erst in diese sportliche und wirtschaftliche Misslage gebracht habe. 

Doch woher kommen diese Stimmen?

Es sind die Personen, die zum damaligen Zeitpunkt den Verein vorder- und hintergründig führen. Im Präsidium und im Aufsichtsrat. Und auch in den Fanabteilungen, die wissen, durch HSVPlus massiv an Einfluss verlieren zu würden.

Damals stellt der „Supporters Club“, der größte Hamburger Fanklub, jeweils ein Mitglied des 12-köpfigen Aufsichtsrates. Auch die anderen Räte werden auf der jährlichen Mitgliederversammlung gewählt. Ein übliches Verfahren, das auf den ersten Blick demokratisch und vernünftig erscheint. Was sich auf diesen Versammlungen dann jedoch tatsächlich abspielt, ist an Abstrusität und Unprofessionalität kaum zu überbieten. Durch unzählige überlange Redebeiträge der Alteingesessenen wird die Veranstaltung künstlich derart in die Länge gezogen, dass den meisten Besuchern nach stundenlangem Sitzen irgendwann die Luft ausgeht und sie diese verlassen, bevor die Wahl begonnen hat. Übrig bleiben immer die gleichen Gesichter, die schlussendlich die Personen wählen, die ihre Interessen am meisten vertreten. Das Endprodukt ist ein Aufsichtsrat, in dem nicht, wie sonst üblich, Fachleute aus Sport und Finanzen sitzen, sondern Journalisten, Schauspieler und Ultras. Die dann die Geschicke des Vereins beaufsichtigen und leiten sollen. Ein Zustand, der jedem Laien katastrophal erscheinen sollte. Jedoch schaffen diese Leute es, durch Vermarktung des Feindbildes der Kommerzialisierung ihres Vereines, sich immer wieder im Sattel zu halten.

Allen voran stehen hier zwei Personen. Der erste von ihnen ist Jürgen Hunke, ein Hamburger Unternehmer, der zu Beginn der 90er Jahre Präsident des Vereins war und ihn durch, wohlwollend formuliert, unaufgeregte Jahre leitet. Unter dem Strich steht nach den großen Erfolgen der 80er, mit dem Gewinn von 3 deutschen Meisterschaften, dem DFB-Pokal und dem damaligen Europapokal der Landesmeister, eine Ära ohne Titel im Niemandsland der Liga. Er verliert seinen Posten, doch seinen Einfluss im Verein hat er sich, durch Klüngeleien und strategischer Diffamierungen seiner Gegner, immer beibehalten. Immer weder schafft er es die nötigen Stimmen zu generieren um in den Aufsichtsrat einzuziehen. Zu ihm gesellt sich Manfred Ertel, ein ehemaliger Journalist für den Spiegel. 2013 wird er zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates gewählt. Der kurze Draht zu den Zeitungen ist schnell zu erkennen, in der Medienstadt Hamburg ein strategischer Vorteil. Aufmerksam auf sich macht er in seiner Amtszeit vor allem mit einem Post im Zuge des Steuerskandals um Uli Hoeneß. „FC Bayern vor nächstem Hammer-Transfer: Hoeness zu JVA München.“ schrieb der selbst ernannte Verfechter Repräsentant der Tradition und Erfolge des Hamburger SV damals auf seiner Facebook-Seite. 

An vorderster Front kämpfen beide unter dem Deckmantel der Entfremdung von den Fans, gegen jeden, der versucht ihnen ihre Position und ihren Einfluss streitig zu machen.
Das große Gesicht dieses Feindbilds, das sie erfolgreich in die Köpfe zahlreicher HSV-Anhänger einpflanzen, ist Bernd Hoffmann. 

Bernd Hoffmann übernimmt 2003 das Amt des Vorstandsvorsitzenden des HSV. Er ist ein Mann der Wirtschaft ohne fußballerische Vergangenheit. Ein Ruf, der ihm oft negativ vorauseilt. Nach den mageren 90er Jahre, auch unter Hunkes Führung, ruft er bei seiner Wahl den Angriff auf Europas Spitze aus.
Das Stadion ist komplett modernisiert, die Kompetenz das Maximum aus dem Standort Hamburg heraus zu holen besitzt er. „In 5 Jahren unter die Top 20, in 10 Jahren unter die Top 10 Europas.“ ist seine berühmte damals vorgegebene Marschroute.

Ein Sprung in die Zukunft: Das Jahr 2010. Der HSV ist in den letzten Jahren ständiger Vertreter im internationalen Geschäft. Zwischenzeitlich mausert man sich sogar zum Bayern-Jäger, schafft es als erster Verein diese in der neuen Allianz-Arena zu schlagen. Zusammen mit Sportchef Dietmar Beiersdorfer gestaltet er den Aufschwung. Er selbst leitet den Verein kompromisslos wie ein Unternehmen. Beiersdorer sorgt sowohl mit seinem guten Auge, als auch menschlicher Wärme, gepaart mit enormen Verhandlungsgeschick, dafür, außergewöhnliche Juwelen an die Elbe zu locken. Rafael van der Vaart, Vincent Kompany, Daniel van Buyten, Ivica Olic, Nigel de Jong, Jerome Boateng. Sie alle machen ihre ersten großen Schritte hin zu einer erfolgreichen Karriere während dieser Zeit beim HSV. Im April 2010 steht man im Europa-League Halbfinale. Das Finale findet kurze Zeit später im eigenen Stadion statt. Man ist zwei Spiele davon entfernt sich endlich wieder zumindest auf den kleinen Fußballthron Europas zu setzen. Und das zuhause. Gegner im Halbfinale ist der FC Fulham. Eine Hürde, dessen Überwindung auf dem Weg zum großen Ziel als Formsache erscheint.

Der lange ausgearbeitete Plan scheint aufzugehen. Doch das Konstrukt zeigt inzwischen Risse. Hoffmann und Beiersdorfer geraten vor der Saison in einen Machtkampf. Hoffmann hinterfragt Beiersdorfers Entscheidungen der jüngeren Vergangenheit, die vermehrt auch teure Missverständnisse beinhalten. Beiersdorfer empfindet dies als Eindringen in seinen Kompetenzbereich. Es kommt zum Bruch. Eine konstruktive Zusammenarbeit ist nicht mehr möglich. Beiersdorfer muss noch vor Saisonbeginn seinen Hut nehmen. Es ist ein Riss im Erfolgskonstrukt, der eine nicht mehr aufzuhaltende Kettenreaktion auslöst. Hoffmann verpasst es, einen adäquaten Nachfolger zu präsentieren. Die Unruhe in der Führungsebene überträgt sich auch auf die Mannschaft. Der HSV unterliegt dem FC Fulham schließlich nach einem 0:0 und 1:2. Es wird der bis heute letzte internationale Auftritt der Hamburger sein.

Nun beginnt der Abwärtsstrudel. Hoffmann übernimmt sich und leitet die sportlichen Geschicke zunächst eigenverantwortlich. Aufgrund fehlender Alternativen wird letztlich nach zäher Suche der ehemalige HSV-Spieler und Neuling in diesem Bereich Bastian Reinhardt als neuer Sportchef installiert. Der sportliche Abstieg nimmt Formen an. Das internationale Geschäft wird verpasst. Mit einem Kader der finanziell auf die Teilnahme an den europäischen Wettbewerben ausgelegt ist. Immer konzeptloser werden teure Notkäufe getätigt um die Minimalziele zu erreichen. Hoffmann wird nun der Status des Hamburger Sonnenkönigs angedichtet, der sich selbst überschätzt und als Alleinherrscher jede sportliche Kontinuität zunichte macht. Was unter den Teppich gekehrt wird, ist die Linie hinter Hoffmanns Handlungen. Er war es, der vor ihrer letzten gemeinsamen Saison Beiersdorfer den damals jungen Trainer Jürgen Klopp ans Herz gelegt hat. Dieser entschied sich jedoch für Martin Jol, der nach einer Saison bereits wieder das Weite suchte. Bis heute rechtfertigt sich Beiersfdorfer damit unter Jol die erfolgreichste Saison seit 20 Jahren gespielt zu haben. Mit Blick auf die Erfolgsgeschichte Klopps beim BVB wird deutlich wie schwer die Differenzen in dieser Frage wohl schon gewogen haben. In einem Interview kurz nach Beiersdorfers Demission erklärt Hoffmann, vor allem auch die nötige Entwicklung im Nachwuchs des HSV zu vermisst zu haben und äußert sich kritisch über die Transferausgaben von über 70 Millionen Euro der Jahre zuvor, von denen sich nur sehr wenige als Leistungsträger in der Mannschaft etablieren konnten. Er kritisiert genau die Punkte, für die er im Nachhinein verantwortlich gemacht wird. Doch seine Gegner bringen sich in Stellung. In Tenor der Medien ist er bereits als isolierter Mann an der Spitze etabliert worden und langsam kippt auch die Unterstützung innerhalb des Vereins, vor allem im Aufsichtsrat. Durch den ausbleibenden sportlichen Erfolg und den dadurch wachsenden finanziellen Herausforderungen bekommen die Revolutionäre immer mehr Rückenwind und die Stimmenverhältnisse auf den Mitgliederversammlungen wandeln sich zu ihren Gunsten. Der bereits anfangs erwähnte Ablauf im Vorfeld der Wahlen findet statt. Im Frühjahr 2012 ist es dann soweit. Die Hoffmann-Gegner um Jürgen Hunke haben die Mehrheit im Aufsichtsrat erlangt und seine Entlassung wird umgehend beschlossen.

Ab jetzt beginnt der sportliche Abwärtsstrudel ganz neue Fahrt aufzunehmen. Hoffmanns Gegner haben ihr Ziel erreicht und die Macht im Verein zurückgewonnen, ihre nun folgenden Entscheidungen verdeutlichen ihre sportliche Kompetenzlosigkeit jedoch auf ganzer Linie. Als neuer Vorstandschef wird Carl Edgar Jarchow vorgestellt. Ein Hamburger FDP-Politiker, dessen Qualifikationen für diesen Posten bis heute ungeklärt bleiben. Unter seiner Führung wird mit Michael Oenning ein Trainer installiert, der die Spielkultur der Mannschaft bis auf die Grundsteine erschüttert und bei jeder Möglichkeit betont, dass man eben nicht mehr Qualität habe und nicht zu viel erwarten sollte. Das letzte Überbleibsel aus der Hoffmann-Ära ist der neue Sportchef Frank Arnesen. Ein Mann, der einst Ronaldo und Ruud van Nistelrooy entdeckte und zum Durchbruch in Europa verhalf. Der auch der letzte in Hamburg war, der mit Spielern wie Hakan Calhanoglu, Gökhan Töre oder Rene Adler, Personal verpflichtete, das zu finanziellen Einnahmen verhalf oder dauerhaft die Mannschaft stärken konnte. Für den neuen Aufsichtsrat war er aufgrund seiner Verbindung zu Hoffmann natürlich nicht tragbar. So wurde auch ihm das Leben schwer gemacht, finanzielle Mittel verweigert, die ihm vorher versprochen wurden und ihm schließlich aufgrund der zwangsläufig stagnierenden sportlichen Entwicklung die Türen verschlossen und er musste seine Koffer packen. Das HSV Fanlager spaltet sich zu dieser Zeit in zwei Gruppen auf. Diejenigen, die froh waren mit Hoffmann die Wurzel allen Übels los zu sein, und diejenigen, die sahen, was sich dort wirklich abspielte. Das Konzept von HSVPlus trat ans Tageslicht.

Durch die Öffnung für Investoren sollte es finanziell wieder bergauf gehen und im Aufsichtsrat sollten zukünftig nur noch Experten aus den Teilbereichen der Wirtschaft, Sport und Marketing sitzen um den HSV wieder professionell aufzustellen. Es entwickelte sich eine Schlammschlacht zwischen den noch handelnden Personen und den Initiatoren von HSVPlus. Eine Auseinandersetzung, die sich wie gesagt bis in die Tiefen der Anhängerschaft mitzog. Es gab nur eine Seite auf der man stehen konnte. HSVPlus setze sich durch. Nun sollte wieder alles besser werden.
An der Spitze von HSVPlus steht ein alter Bekannter. Dietmar Beiersdorfer. In neuer Funktion als nun Vorstandsvorsitzender der neuen Fußball AG sollte er an alte Erfolgszeiten anknüpfen und den HSV zurück dorthin bringen wo man sich selbst sieht, die nationale Spitze. Die verantwortlichen Selbstdarsteller der Jahre zuvor schien man losgeworden zu sein. Dem neuen Aufbruch stand eigentlich nichts mehr im Wege. Doch warum ist der HSV vier Jahre später doch in der Zweiten Liga gestrandet?

Die Arbeit Beiersdorfers in seiner zweiten Amtszeit ist schwer eindeutig zu bewerten. Auf finanzieller und infrastruktueller Ebene sorgte er für sehr entscheidende Fortschritte. Das HSV Nachwuchszentrum wurde neu errichtet und mit Bernhard Peters wurde aus Hoffenheim ein Fachmann für diesen Bereich eingestellt. Die Früchte seiner Arbeit sind mittlerweile an Spielern wie Ito, Arp oder Steinmann zu erkennen. Den umstrittenen Investor Klaus-Michael Kühne vermochte er von einem überraschend risikobehafteten Investment zu überzeugen. Bis zu 30 Millionen Euro Darlehen sind aus seiner Tasche an den HSV geflossen. Um eine mögliche Abhängigkeit zu vermeiden, schaffte Beiersdorer es eine Klausel zu verankern, die dem HSV zusichert, das Geld nur im Erfolgsfall wieder zurückzahlen zu müssen. Hinzu kommt das Sponsoring des Hamburger Stadions, das nun wieder unter dem Namen Volksparkstadion läuft und für das der HSV von Kühne trotzdem mehr Geld erhält als von den bisherigen Namensgebern. Er erkennt die Zeichen der Zeit und zeigt Kreativität und Durchsetzungsvermögen bei der Umsetzung seiner Ideen.

Doch bei seiner Amtsübernahme 2014 ist die Hamburger Mannschaft ein Trümmerhaufen. Das Missmanagement hat sowohl im Gehaltsgefüge als auch in der Kaderzusammenstellung ein riesiges Ungleichgewicht hinterlassen. Mit den neuen finanziellen Möglichkeiten werden neue Spieler geholt, die der Mannschaft frischen Wind und neue Spielkultur einimpfen sollen. Doch kein Lasogga, Holtby oder Rückkehrer Van der Vaart schaffen es dem Spiel des HSV in den kommenden Jahren wirkliche Struktur zu verleihen. Den brachliegenden Kader von 2014 wieder zu reaktivieren entwickelt sich zu einer Sisyphus-Arbeit, die , begleitet von der nun ständig schwelenden Abstiegsangst, dazu führt, dass man es verpasst dem HSV ein, auf langfristigen Erfolg angelegtes, neues Gesicht zu verpassen. Und er macht Fehler. Obwohl man sowohl bei Mirko Slomka, als auch Bruno Labbadia, nach der jeweils spektakulären Rettung Zweifel hegte, dass sie die Mannschaft wirklich weiter entwickeln können, war man mehr oder weniger gezwungen sie aus Dankbarkeit im Amt zu halten, um sie schließlich im Laufe der kommenden Saison doch zu beurlauben. Trainerentlassung reiht sich an Trainerentlassung, Sportdirektor Peter Knäbel entmachtet sich durch die legendäre Rucksackaffäre und seiner eigenen Inthronisierung als Interimstrainer selbst und wird unhaltbar.

Beiersdorfer erkennt, dass ihm die Kontrolle über das Geschehen entgleitet. Peter Knäbel muss gehen und Beiersdorfer begeht den Fehler, der Bernd Hoffmann einst sein Amt gekostet hat, nun selbst und übt sowohl den Posten des Vorstandsvorstizenden als auch des Sportdirektors gleichermaßen aus. Seine Transfers sind keinesfalls Totalausfälle, jedoch hat es immer mehr den Anschein, als versuche er auf Gedeih und Verderb einen neuen Superstar a la Van der Vaart aus dem Ärmel zu zaubern. Teure Spieler wie Olympiasieger Walace oder Douglas Santos, die beide über beachtliche fußballerische Fähigkeiten verfügen, sich mit dem Bundesliga-Absteigskampf jedoch nur schwer arrangieren können, sind zwei sehr prägnante Beispiele. Es kommt, wie es kommen muss.
Die treibende Kraft im Aufsichtsrat ist mittlerweile Jens Meier. Auch ein Vertreter der alten HSV-Riege um Jürgen Hunke. Er schafft es die Stimmung im gesamten Aufsichtsrat gegen Beiersdorfer zu kippen und im Winter 2017 wird er schließlich entlassen. Die Geschichte wiederholt sich nun. Beiersdorfer als Vertreter des Kapitalismus, der den HSV zugrunde gerichtet hat und sich an Klaus-Michael Kühne verkauft hat wird aus reinem Aktionismus beurlaubt. Einen wirklich nachhaltigen Plan in der Hinterhand hat man dabei nicht.

Heribert Bruchhagen, der nach seinem Ende bei Eintracht Frankfurt eigentlich seinen Rückzug aus dem Profifußball verkündet hat, wird plötzlich Vorstandsvorsitzender. Jens Todt vom Karlsruher SC wird neuer Sportvorstand. Das einzige was von der Idee HSV Plus zu diesem Zeitpunkt noch übrig ist, ist der Name. Über die Arbeit des Duos Bruchhagen/Todt ist es schwer etwas wirklich konstruktives zu sagen. Bruchhagen verweigert die Zusammenarbeit mit Kühne und Todts Transfers beruhen wie im Fall Andre Hahn mehr auf persönlichen Beziehungen zu einzelnen Spielerberatern als auf einer fußballerischen Vision. Unter dem Strich muss man sagen, dass sie nach den turbulenten Vorjahren den Abstieg des HSV nur noch verwalten und zu Ende bringen. In der Winterpause dieses Jahres wird der Kader trotz alarmierender Leistungen, im Gegensatz zu Konkurrenten wie dem VFB Stuttgart unverändert gelassen um den Austausch mit Geldgebern zu vermeiden. Bereits im Herbst soll Bruchhagen auch die frühzeitige Beförderung von Christian Titz zum Cheftrainer abgelehnt haben. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Nach 54 Jahren 261 Tagen 0 Stunden und 36 Minuten ist es soweit. Das letzte Bundesliga-Urgestein ist abgestiegen. Ein Produkt vieler handelnder Personen.

In der öffentlichen Wahrnehmung sind die Sündenböcke leicht auszumachen.
Klaus-Michael Kühne, der sich alle paar Monate mit einem Rundumschlag per Interview in die Geschehnisse einmischt. Er wird als unfähiger Investor stilisiert, der blind seine Millionen in den Verein pumpt und dann noch für Unruhe sorgt, wenn der gewünschte Erfolg ausbleibt. Über Kühnes sportliche Fachkompetenz ist bei einigen seiner Aussagen wohl wirklich zu streiten, wer jedoch sollte es ihm, bei genauerer Betrachtung der Konditionen, zu denen er dem HSV unter die Arme greift, verübeln, dass das Gemüt mit ihm, bei den mittlerweile verbrannten Millionen seines Privatvermögens, durchgeht.
Auch die großen Figuren wie Beiersdorfer und Hoffmann haben Fehler gemacht. Ganz entscheidende, die ihnen im Nachhinein ihren Job gekostet haben. Ihnen wird ebenfalls Unvermögen über die Führung des Vereins vorgeworfen. Doch Fehler in der sportlichen Führungsebene, von Fehleinkäufen bis zu persönlichen Fehltritten, gibt es bei jedem anderen Verein auch. Egal ob es der SC Freiburg oder der FC Bayern ist. 

n Hamburg jedoch schaffen es im vergangenen Jahrzehnt immer wieder mit Hunke und Ertel Personen im Hintergrund, von der Öffentlichkeit unbeobachtet, die Arbeit der Verantwortlichen, die mit Sicherheit nicht perfekt war, jedoch immer auch sehr entscheidende Früchte getragen hat, aus persönlichen Eitelkeiten und Machtstreben zu torpedieren und diskreditieren. Durch ihren Einfluss auf die Hamburger Presselandschaft, sind diese Schattenmänner eine nicht auszumerzende Gefahrenquelle. Ein genauerer Blick auf die Darstellungsweise von Hoffmann und Beiersdorfer auch in den großen deutschen Zeitungen, lässt eine erschreckende Einseitigkeit und Negativität erkennen. Die sportliche Inkonstanz die den beiden vorgeworfen wird ist jedoch vor allem durch diese immer wieder kehrenden Störfeuer begründet. Der Kampf gegen die sportliche Erfolgslosigkeit ist in Hamburg, trotz der derzeitigen Schieflage, noch immer zu gewinnen. Solange man jedoch auch gegen die Feinde im eigenen Verein kämpfen muss, wird nach jedem Aufschwung immer wieder der Absturz kommen. Gerade deshalb ist die Szene nach dem letzten Spiel im Volksparkstadion so symbolisch. Der Großteil der Hamburger erkennt die Zeichen der Zeit und ist gewillt vom Image der vergangenen Jahre, das von überzogenen Gehältern, internen Schlammschlachten und grausamem Fußball geprägt war, wegzukommen. Doch noch immer gibt es einen kleinen Teil unter ihnen, der aufgrund seines eigenen Geltungsdrang, das Bild des HSV in der gesamten Nation negativ prägt und die interne Arbeit immer wieder bremst und zunichte macht.

Seit dem Frühjahr ist Bernd Hoffmann wieder zurück beim HSV. Er hat die alten Zöpfe um Bruchhagen und Todt in der sportlichen Leitung abgeschnitten und stellt den Verein an den entscheidenden Posten sportlich wieder neu auf. Trotz des nicht mehr zu vermeiden gewesenen Abstiegs, scheint die Entwicklung dabei unter Trainer Christian Titz mit seinem neuen System zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich nach oben zu zeigen. Doch es zeichnen sich bereits neuer Gewitterwolken in der Ferne am Himmel ab. In den kommenden Wochen werden wir deshalb einen Ausblick in die Zukunft des HSV wagen, wie es sowohl sportlich mit der Mannschaft, als auch auf der Führungsebene weiter gehen könnte und ob man es schafft die alten Machenschaften hinter sich zu lassen und endlich wieder nur aufgrund von Erfolgen in die Schlagzeilen zu geraten.




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