Als Vincenzo Montella 2023 die türkische Nationalmannschaft übernahm, war das Team dabei die EM-Qualifikation zu verspielen. Seitdem jedoch hat der mittlerweile 51-jährige Italiener die Türkei zu zwei Endrunden geführt und bei der EM 2024 direkt mit dem Viertelfinaleinzug für eine Überraschung gesorgt. Daher wollen wir uns seine Personalie hinsichtlich der anstehenden WM 2026 im dritten Teil unserer WM-Vorschau in Zusammenarbeit mit GazeteFutbol genauer anschauen. (Bild: IMAGO / Anadolu Agency)
Als Vincenzo Montella im September 2023 die türkische Nationalmannschaft übernahm, war das Land fußballerisch in einer Phase der Ernüchterung. Der Italiener folgte auf Stefan Kuntz, der nach einer durchwachsenden Amtszeit und Auseinandersetzungen mit der Mannschaft entlassen worden war.
Rund zweieinhalb Jahre später hat Montella das Team nicht nur zur Europameisterschaft 2024 geführt und dort das Viertelfinale erreicht, sondern auch die Rückkehr zur Weltmeisterschaft 2026 geschafft – erstmals seit dem legendären dritten Platz 2002.
Montella, einst als „Aeroplanino“ (dt. “Das kleine Flugzeug”) bekannt, brachte aus seiner Zeit bei Adana Demirspor fundierte Kenntnisse der türkischen Liga mit. Er setzt auf einen eher reaktiven Stil, der italienische taktische Disziplin und schnelle Umschaltmomente verbindet. Im Zentrum stehen kreative Offensivkräfte wie Can Uzun, Arda Güler, Kenan Yıldız und Hakan Çalhanoğlu.
Die Mannschaft wirkt emotional aufgeladen, zeigt Kampfgeist und profitiert von einer gelungenen Mischung aus erfahrener Routine und einer aufstrebenden hochtalentierten jungen Generation, was beim Erreichen des Viertelfinales bei der EM 2024 deutlich wurde.
„Ich habe heute türkisches Herz gesehen! Das ist es, was ich an diesem Land liebe. Es gibt Leidenschaft, es gibt Liebe, es ist visceral“, lobte Montella nach dem dramatischen Achtelfinal-Sieg gegen Geheimfavorit Österreich bei der EM 2024.
Vincenzo Montella: "Dünya Kupası çok büyük bir organizasyon. EURO'dan çok daha farklı duygular yaşarsınız. Önce oraya adapte olmamız gerekiyor." pic.twitter.com/tPKUvGtI6J
— Nexus Sports (@nexustransfer) June 3, 2026
Die Baustellen
Trotz dieser Fortschritte zeigen sich auch Schwächen. Montellas Truppe besitzt gelegentliche defensive Anfälligkeiten, vor allem bei hohen Bällen oder gegen stark organisierte Teams. Die Mannschaft bleibt zudem stark von den Leistungen einzelner Stars abhängig, da Montella noch nie der Trainer war, der eine Mannschaft so ausbilden kann, dass sie eine herausragende Spielidee besitzt und schwierige Situationen im Kollektiv lösen kann.
Im direkten Vergleich zu Stefan Kuntz wird jedoch ein Unterschied deutlich. Kuntz fehlte die emotionale Bindung zum Team und zum türkischen Publikum. Montella hingegen schaffte es, Akzeptanz und Identifikation herzustellen. Er wird von Spielern und Fans als einer der ihren wahrgenommen, der „100 Prozent türkisch“ fühlt.
“Ich mag ein Ausländer sein, aber Teil der Türkei zu sein, ist eine Quelle des Stolzes. Ich esse wie ein Türke, ich denke wie ein Türke.“
Ein frühes Statement, das ihm große Sympathie in der Türkei einbrachte und ihn unter den Fans zu einem der beliebtesten Nationaltrainer der letzten Dekaden machte.
🎤🇹🇷 Vincenzo Montella : « Je ne suis pas du genre à vouloir jouer sans attaquant. Mais s'il y en avait un, je voudrais bien sûr en tirer parti. »
— Actu Foot Turquie 🇹🇷 (@ActuFootTurquie) June 3, 2026
Une chance à saisir pour Deniz Gül lors de ce mondial ? 👀
(conf. de presse) pic.twitter.com/rweZPu0hR7
Wird Gül Montellas Gamechanger?
Mit der Qualifikation über die Play-Offs hat Montella bewiesen, dass er in entscheidenden Momenten pragmatisch und mental stark agieren kann. Die Türkei geht als eine der interessantesten Underdog-Mannschaften in die WM 2026. Für die Endrunde in Nordamerika setzt Montella auf Kontinuität und taktische Weiterentwicklung, zumal er mit Talent Deniz Gül (21, FC Porto) den langersehnten physischen Stoßstürmer nominiert hat, der auch mit dem Rücken zum Tor agieren kann.
Denn in der Vergangenheit setzte der gebürtige “Pomeglianeso” mangels Alternativen auf eine falsche Neun die meist von einem Flügelstürmer wie beispielsweise Kenan Yildiz besetzt wurde. Daher waren die Türken meist nach Kontern am gefährlichsten, hatten jedoch Probleme gegen tiefstehende Gegner, da es keinen Fixpunkt in der Box gab, oder jemanden der physisch stark genug war, um mit dem Rücken zum Tor den Ball zu behaupten.
"Ich bin eigentlich nicht der Typ-Trainer der ohne einen richtigen Mittelstürmer spielen möchte, hätten wir jemanden gehabt, hätte ich ihn natürlich aufgestellt", betonte Montella.
Der türkische Nationaltrainer scheint bereit dem Porto-Talent auf der größten Schwachstelle des Teams zu vertrauen, wie man beim 4:0-Erfolg gegen Nordmazedonien sehen konnte. Gül ist in der Lage Bälle zu halten, Mitspieler aufrücken zu lassen, um sie dann wieder ins Spiel einzubinden.
Vor allem gewinnt er viele Bälle per Kopf und ist daher ein gefährlicher Zielspieler bei Flanken und Standards. Diese Eigenschaften könnten somit das ganze Offensivspiel der Türken zusammen mit dem neuen Zehner Can Uzun auf ein höheres Level als bei der EM 2024 heben.
Turquía GOLEA a Macedonia (4-0) en el último partido preparatorio en casa antes de poner rumbo a Estados Unidos. Lo hace con tantos de Can Uzun y Deniz Gül, quienes hasta el último momento no se sabe si entrarán en la lista final.
— Alejandro (@AleParra__) June 1, 2026
El trabajo top de Vincenzo Montella llegará a… pic.twitter.com/beRTTsPsoU
Stärkstes Mittelfeld der WM?
Die Mannschaft verfügt über enormes Offensivpotenzial und eine wachsende mentale Stärke. Montella hat die Türkei nach 24 Jahren Abstinenz zurück ins WM-Licht geführt und eine der talentiertesten Mannschaften der letzten Jahrzehnte unter seiner Regie. Ob Achtel- oder gar Viertelfinale – die “Ay-Yıldızlılar (dt. “die Mond-Sterne") unter seiner Leitung haben das Zeug zum “Dark Horse” dieses Turniers.
Jetzt gilt es für den Süditaliener abzuliefern, denn mit dieser ungeheuren Qualität, vor allem im Mittelfeld, wächst auch die Erwartungshaltung der stolzen türkischen Nation. Ein Aus in der Vorrunde könnte ihn sicherlich schon den Job kosten, da sich die Mannschaft vor keinem Gegner verstecken “muss” respektive “darf”!
Die Türken reisen offensiv schwerbewaffnet zur WM-Endrunde an und Vincenzo Montella muss nun den Sprung in eine aktivere Spielidee schaffen, um das ungeheure Potenzial der neuen goldenen Generation komplett aufs Feld zu bekommen.
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