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Kickfieber Sascha
Lovis Bierschenk von Waldhof Mannheim im August 2026

(IMAGO / STEINSIEK.CH)

Waldhofs Lovis Bierschenk (21) im Fokus von Gladbach und Paderborn

Drittliga-Youngster Lovis Bierschenk spielt bisher eine auffällige Saison für den SV Waldhof Mannheim, was Begehrlichkeiten einiger Erstligavereine aus dem In-und Ausland geweckt hat. Daher wollen wir für euch in diesem Artikel die Gerüchte um ihn einordnen und herausfinden, wer es wirklich ernst meint und bei welchem Verein er am besten aufgehoben wäre.
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Veröffentlicht: 9 Oktober 2026, 10:45

Lovis Bierschenk ist gerade so etwas wie das teuerste Versprechen des SV Waldhof Mannheim. Der 21-Jährige aus Mainz kostete den Drittligisten im Januar 2026 rund 400 Tausend Euro, nach Medienberichten die höchste Ablöse der Vereinsgeschichte. Ein Pflichtspiel für die Profis von Mainz 05 hat er nie bestritten.

Trotzdem lag im vergangenen Sommer bereits eine konkrete Offerte über 1,3 Millionen Euro des FC Groningen auf dem Tisch, die mit Boni noch deutlich hätte steigen können. Laut Transfermarkt.de sind mit Borussia Mönchengladbach und dem SC Paderborn zwei weitere Interessenten an dem Drittliga-Youngster dran. 

Doch wie konkret ist das Interesse der beiden Bundesligisten und macht ein Transfer in die höchste deutsche Spielklasse jetzt schon Sinn für Bierschenk? 

Was er auf dem Platz kann

Der 21-jährige gebürtige Mainzer ist 1,80 Meter groß und linksfüßig. Er kommt bevorzugt über die rechte Seite, zieht in die Halbräume und sucht den Abschluss mit dem starken Fuß. Linksaußen und die Spitze sind weitere Nebenpositionen die er bekleiden kann.

Bei der Vertragsunterzeichnung beschrieb Zuber genau dieses Profil: Er vereint Dribbelstärke, Geschwindigkeit und Abschlussqualität – Eigenschaften, die uns dabei helfen sollen, erfolgreichen Fußball zu spielen.

Bierschenk ist ein antrittsstarker Flügelstürmer, der mutig Lösungen im Eins gegen Eins sucht, aber schwierige Situationen auch dank eines soliden Passspiels über mittlere und kurze Distanzen spielerisch lösen kann.

Zwar bereitet Bierschenk kaum Tore vor, dennoch besitzt er ein ungeheures Flankenspiel, das mit 36 Prozent sogar präziser ist, als das von Bayern-Star Michael Olise (32%). Daher wäre es vielleicht sogar klüger ihn auf der linken Außenbahn stürmen zu lassen, auf der er mit seinem starken Linken flanken kann. 

Darüber hinaus ist sich Mannheims Offensivmann nicht zu schade gegen den Ball mitzuarbeiten, was er auch solide macht, allerdings konnte er beim hohen Anpressen des Gegners erst einen einzigen Ballgewinn in dieser Spielzeit feiern. 

Die Entwicklungsfelder

Doch in diesem Alter gibt es auch Entwicklungsfelder, an denen er noch arbeiten muss. Denn beim ersten Blick auf sein Tm-Profil sucht man vergebens nach starken Scorerpunkten. In 26 Pflichtspielen war er lediglich an fünf Treffern direkt beteiligt. Die Abschlussquote hinkt der Optik hinterher, das Kopfballspiel und das hohe Anpressen sind nicht seine Kernkompetenz, und die Physis reicht noch nicht für jeden Zweikampf auf Profiebene.

Zudem kämpfte er in Mainz lange mit Verletzungspech; in Teilen der Hinrunde 2025/26 kam er deshalb nur zu sechs Einsätzen. Dass er jetzt wieder auffällt, hat einen schlichten Grund: Er ist über einen längeren Zeitraum schmerz- und verletzungsfrei. Je besser der körperliche Zustand, desto besser seine Leistung.

Werdegang & Mentalität

Öffentlich ist über das Privatleben wenig bekannt. Der Fußballweg beginnt beim SV Gonsenheim, 2017 folgt der Wechsel ins Nachwuchsleistungszentrum von Mainz 05. Neun Jahre Akademie, U17 und U18 des DFB (zwölf Länderspiele, zwei Tore), dann der Abend, der seinen Namen über die Region hinaustrug:

Im Finale der A-Junioren-Meisterschaft 2023 erzielte er gegen Borussia Dortmund die 1:0-Führung, Mainz gewann 4:2 nach Verlängerung. Neben ihm im Angriff standen Brajan Gruda (RB Leipzig) und Nelson Weiper (Sturm Graz). Für die zweite Mannschaft folgten 34 Regionalligaspiele mit sechs Toren – zu wenig für einen Sprung in den Bundesligakader.

Die Haltung lässt sich an der Entscheidung ablesen, nicht an Interviews. Nachwuchsdirektor Meikel Schönweitz sagte beim Abgang, Bierschenk sei „mit dem Wunsch auf uns zugekommen, bereits jetzt den nächsten Schritt in den Profifußball zu gehen und zu einem etablierten Klub in der 3. Liga zu wechseln“.

Sportdirektor Mathias Schober nannte ihn „im Nachwuchsbereich stets einer der auffälligsten Spieler seines Jahrgangs“. Bierschenk selbst formulierte es bei der Unterschrift so: 

Nach neun Jahren im Nachwuchs des FSV Mainz 05 bin ich sehr dankbar für meine fußballerische Ausbildung. Nun gilt es, den Schritt in den Profifußball zu gehen und in einem neuen Umfeld meine Leistung auf den Platz zu bringen. Ich werde alles dafür tun, erfolgreichen Fußball beim Waldhof zu ermöglichen.

Das ist keine große Geste, eher die Ansage eines Spielers, der den Umweg über die dritte Liga dem Warten auf der Bank vorzieht. Sein Profidebüt folgte am 25. Januar 2026 bei der 0:4-Niederlage gegen Hansa Rostock, das erste Drittligator beim Heimsieg gegen Aue.

Welcher Verein bietet Perspektive und will ihn wirklich?

Sascha Baharian
Sascha Baharian

Die Torquote, die Robustheit und die Konstanz über 90 Minuten entscheiden, ob aus dem Interesse von Paderborn und Gladbach im Winter mehr wird als nur eine Anfrage. Am konkretesten ist für mich das Interesse des FC Groningen, da diese bereits ein konkretes Angebot im Sommer auf den Tisch gelegt haben und den Spieler sicherlich weiterverfolgen werden.

Bierschenk ist für mich aktuell ein potenzieller Zweitligaspieler, jedoch noch kein Bundesligatransfer, der einer abstiegsbedrohten Gladbacher oder Paderborner Mannschaft ad hoc weiterhelfen wird. Er ist aktuell ein linker Fuß mit Tempo, der in der dritten Liga schon Spiele drehen kann, und in Liga 2 eine Rotationsrolle zuzutrauen ist.

Die Eredivisie sehe ich gleichermaßen als sinnvolle Destination, da die Liga vom Niveau her zwischen der ersten und zweiten deutschen Bundesliga wandelt und jungen Talenten optimale Entwicklungsbedingungen bietet. Daher würde ich mich auf den FC Groningen als sinnvollsten Verein bei einem Wechsel festlegen.

Der vernünftigste Weg für Lovis Bierschenk wäre jedoch erst einmal mit Mannheim, um den Aufstieg zu kämpfen, effizienter zu werden, und seine Leistungen bis zum Sommer zu bestätigen. Sollten diese konstant bleiben, würde ein Transfer in die zweite Liga oder die Eredivisie Sinn machen – ob das mit Waldhof gelingt, oder ein neuer Club wie Groningen ihm diese Möglichkeit bietet, wird die Zukunft zeigen.

JJ Gabriel von Manchester United im September 2026

(IMAGO / Crystal Pix)

Darum macht der FC Bayern ernst bei JJ Gabriel

Der FC Bayern buhlt um eines der aufregendsten Talente Europas. JJ Gabriel von Manchester Uniteds U21 hat sich mit den Red Devils überworfen und forciert einen Abgang. Laut Sky hat der FC Bayern dank sportlicher Perspektive die besten Karten für den Rohdiamanten. Doch was macht Gabriel so attraktiv für den FCB? Welche Stärken und Schwächen besitzt er? Diese Fragen klären wir für euch in unserer Spieleranalyse.
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Veröffentlicht: 7 Oktober 2026, 23:22

Joseph Junior Andreou O’Cearuill, bekannt als “JJ Gabriel”, ist am 6. Oktober 2010 in Enfield geboren und gerade 16 geworden. Er spielt im Jugendbereich von Manchester United als Flügel, Zehner oder falsche Neun und gilt dort als bester englischer Spieler des Jahrgangs 2010.

Ein Pflichtspiel im Profibereich hat er bislang noch nicht absolviert, weshalb das Talent einen Wechsel forcieren möchte. Der Kern ist ein gebrochenes Vertrauen: Gabriels Umfeld behauptet, United habe Versprechen über seinen Weg in die erste Mannschaft nicht gehalten.

Der Auslöser war die Nicht-Nominierung für die Champions-League-Partie gegen Sabah am 10. September — das war laut der BBC der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Davor kam schon Frust über die Vorbereitung: Er reiste mit, bekam aber nur acht Minuten gegen Atletico Madrid, und gegen Rosenborg in Norwegen saß er trotz elf Auswechslungen nur auf der Bank.

Doch dieses Drama interessiert die Verantwortlichen des FC Bayern herzlich wenig. Sie haben mit dem englischen Talent einen Perspektivspieler ausgemacht, der in Zukunft für den deutschen Rekordmeister auf Torejagd gehen soll. 

Hohes Handgeld als Hürde

Weil Gabriel noch keinen Profivertrag hat, wäre bei einem Weggang vor allem eine Ausbildungsentschädigung fällig, keine klassische Ablöse. Sky Sport nennt als Hürde an der Säbener Straße die Forderungen nach Handgeld und einem Gehalt im siebenstelligen Bereich pro Jahr. 

Andere Klubs sollen bereit sein, tiefer in die Tasche zu greifen; Bayern will eher mit der sportlichen Perspektive überzeugen und soll daher die Nase vorne haben. Doch was genau macht ihn so attraktiv für den FCB? Dieser Frage gehen wir für euch in dieser Spieleranalyse auf den Grund.

Werdegang – Ein Weg voller Rekorde

Gabriel wuchs in London auf und durchlief Stationen bei Chelsea, Arsenal und West Ham, bevor die Familie nach Manchester zog. United hatte ihn schon mit etwa sieben Jahren bei einem Turnier gesichtet. Der feste Wechsel folgte 2022.

Mit neun wurde er durch ein Skills-Video über Youtube bekannt, das inzwischen rund 29 Millionen Aufrufe hat und ihm den Spitznamen „Kid Messi“ einbrachte. Den mag er selbst nicht. Parallel trainierte er früh Futsal, unter anderem bei Alfie Brooks von Ole Futsal. 

Mit 14 debütierte er am 5. April 2025 als jüngster Spieler der United-U18 und traf doppelt gegen Leeds. In der Saison 2025/26 spielte er durchgehend zwei bis drei Jahrgänge über seinem Alter und wurde Torschützenkönig der U18 Premier League, mit 23 Toren in ebenso vielen Spielen, dazu Uniteds “Young-Player-of-the-Year".

Über alle Jugendwettbewerbe kamen rund 28 Tore in 35 Spielen zusammen. Markant waren ein Hattrick beim 7:0 gegen Liverpool und, mit 15, der jüngste Hattrick der Klubgeschichte in der UEFA Youth League gegen Sabah. Im FA Youth Cup war er der jüngste United-Torschütze in Old Trafford.

In der Vorbereitung 2026 stand er zeitweise im Profikader und trainierte regelmäßig mit den Senioren. Für England spielte er in der U15, U16 und U17. Eine U16-Nominierung lehnte er 2025 ab, um bei der United-U18 zu bleiben. Über den Vater ist er auch für Irland spielberechtigt, und über die Mutter für Zypern.

Privater Hintergrund & Charakter

Der Vater Joe O’Cearuill ist ehemaliger Innenverteidiger. Er kam über Leyton Orient und Watford zu Arsenal, stand sogar im Kader von Dennis Bergkamps Abschiedsspiel, spielte leihweise für Brighton und später unter anderem bei Barnet und St. Patricks Athletic. 2007 lief er zweimal für Irlands A-Nationalmannschaft auf.

Die Mutter hat griechisch-zypriotische Wurzeln und bleibt öffentlich eher im Hintergrund. Der Familienname wurde von O'Cearuill zu Gabriel geändert. Berichte führen das auf religiöse Gründe und auf bessere Vermarktbarkeit zurück. Der Vater coacht und vertritt den Sohn eng, während die Familie den Filius regelmäßig von der Tribüne aus unterstützt.

Trainer beschreiben ihn übereinstimmend als höflich und lernwillig. Ein früherer United-Jugendtrainer sagte gegenüber The Athletic:

Er hat scharfe Drehungen drauf, ist zwar nicht überragend schnell, aber ein guter Abschlussspieler. Er kann aus allen Lagen und mit beiden Füßen abschließen. Er hat immer nach dem Training um ein Extra-Abschluss-Training gebeten. Er liebt es, Tore zu schießen. In und um den Strafraum herum ist er am gefährlichsten. Er spielt seit langem ein oder zwei Jahrgänge höher. Er will lernen. Er stellt Fragen. Immer ein Lächeln. Ein netter Junge.Ein weiterer Jugendtrainer ergänzte: „Er ist ein Generationentalent. So gut ist er.“

Die mentale Härte ist ebenfalls belegt. Im Oktober 2024 kugelte er sich gegen Blackburn in der siebten Minute die Schulter aus, renkte sie selbst wieder ein, spielte durch, und erzielte einen Hattrick. Danach war eine Operation nötig, er fehlte rund fünfeinhalb Monate.

Mit sechs lernte er innerhalb einer Woche 1.000-Mal den Ball hochzuhalten, später schaffte er gar 10.000 am Stück. Bryan Mbeumo, der mit ihm trainierte, sagte: 

Er ist stark, der Kleine ist stark. Man denkt, er sei eben ein kleines Kind, aber er trainiert ziemlich oft mit uns, und man spürt, dass der Kleine etwas Besonderes hat.

Das Bild ist also nicht das eines reinen YouTube-Tricksters wie Hachim Mastour damals, sondern eines ehrgeizigen, familiengeführten Talents mit früher Medienpräsenz. Der aktuelle Bruch mit United passt in dieses Muster: hohe Ansprüche, geringe Geduld mit dem Entwicklungspfad.

Spielertyp - Der abschlussstärkere Phil Foden

Der Kern von JJ Gabriels Talent ist die Kombination aus exzellenter Technik, Ballkontrolle, Balance und Abschluss, das kombiniert mit einer hohen Aufnahmefähigkeit, Intelligenz und einer „erstaunlichen Persönlichkeit. Er ist rechtsfüßig, schießt und passt aber mit links ebenfalls auf hohem Niveau. Enge Räume löst er über Gewichtsverlagerung und kurze Haken.

Intern wird er mit Phil Foden verglichen, und zwar in der Art, wie er den Ball in der Drehung annimmt. Sein eigenes Vorbild ist jedoch Neymar. Die Messi-Parallele aus dem Kinder-Video ist pures Marketing, können wir aber nicht bestätigen.

Oft reicht ein kleiner Schritt, um den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sein Abschluss ist außergewöhnlich, weil er den Ball auch mit links und aus ungünstigen Positionen optimal trifft. Genau das erklärt die Torquote gegen ältere Jahrgänge. Darren Fletcher stellte ihn deshalb auch als Neuner nah am Strafraum auf, dort, wo die Technik auf engem Raum am stärksten wirkt. Langfristig wird eher die Zehnerposition erwartet.

Brooks formulierte den technischen Kern so: 

Er ist wirklich beidfüßig und kann in beide Richtungen dribbeln, was ihn unberechenbar macht. Es gab Vergleiche mit anderen Spielern, aber JJ ist ein einzigartiges Talent und anders als alles, was dieses Land bisher gesehen hat.

Er sucht mutig das Duell, auch gegen mehrere Gegner, und schirmt das Leder mit seiner engen Ballführung erfolgreich ab. Der Futsal-Hintergrund zeigt sich in der Kontaktfrequenz. Kurze Kombinationen um den Sechzehner kann er, das Profil entspricht jedoch eher dem eines Instinktstürmers als eines Spielmachers. Am natürlichsten wirkt er dort, wo er den Ball zwischen den Linien bekommt und selbst zum Abschluss kommen kann.

Die Entwicklungsfelder

Die Physis ist die größte offene Frage. Er ist schmächtig und noch klein gewachsen. Inoffizielle Angaben liegen um 174 cm und rund 60 Kilogramm. Gegen physisch starke Verteidiger wird er daher noch zu leicht vom Ball getrennt.  Genau das macht den Unterschied, zum Profibereich. Zudem litt er wiederkehrend unter Kniebeschwerden im Wachstum. Ob er körperlich noch deutlich zulegt, bleibt offen. Ein früher Sprung in den Männerfußball ist daher nicht zu erwarten.

Dazu kommt die Entscheidungsfindung im letzten Drittel. Er sucht oft selbst den Weg zum Tor. Das erklärt die Quote, kostet aber Vorlagen und kann gegen organisiertes Pressing in Ballverluste enden. Hier sehen wir den zentralen Entwicklungspunkt: die individuelle Qualität nutzen, ohne das Spiel zu egozentrisch zu gestalten.

Darüber hinaus ist die Effizienz über neunzig Minuten noch nicht konstant genug. Gegenpressing und die Arbeit gegen den Ball sind im Jugendbereich ansatzweise da, im Seniorenfußball jedoch noch ungetestet. Adam Lawrence, sein Jugendtrainer, sagte nach dem Sabah-Hattrick, es sei seine Aufgabe, ihn nicht zu verderben, und Freiheit im letzten Drittel müsse mit Pflichten ohne Ball zusammengehen. Genau diese Balance ist noch nicht belastbar.

Kopfballspiel spielt bei der Statur keine Rolle. Das ist kein Makel für sein Profil, begrenzt aber die Positionsoptionen. Ein zweites Risiko liegt außerhalb des Platzes. Ein Unruheherd von Vater, frühe Viralität, der Nike-Vertrag, die Namensänderung, der öffentliche Bruch mit United und die genannten siebenstelligen Gehaltsforderungen mit 16 sind kein fußballerisches Defizit, aber ein Faktor, an dem Rohdiamanten öfter scheitern als am Talent.

Potenzialeinschätzung: 8,5/10

Sascha Baharian
Sascha Baharian

Das Potenzial liegt für mich bei einer 8,5 von 10. Die Skala meint die Obergrenze, nicht den Ist-Zustand. Eine 10 wäre ein nahezu sicherer Weg in die absolute Weltspitze. Gabriel hat dafür das seltenste Paket: Abschluss und Eins-gegen-eins auf Jahrgangs-Elite-Niveau, belegt gegen ältere Gegner, plus Arbeitsmoral. Abzug gibt es für fehlende Seniorenminuten, die offene Körperentwicklung und die Entscheidungsschwäche.

Realistisch ist eine Spannweite vom sehr guten Bundesliga-Offensivspieler bis zu einem Spieler, der in einem passenden System international oben mitspielt. Der Vergleich mit Musiala ist verführerisch, aber nichtzutreffend. Musiala kam mit 16 bereits mit einem klareren Pass- und Pressing-Profil, deutlich mehr Geschwindigkeit und einem ruhigeren Entwicklungsweg.

Bei Bayern hätte er sportlich eine Perspektive, aber nur als Langzeitprojekt. Vincent Kompany gilt als Fan, und der Klub hat mit Musiala den Beweis, dass ein 16-Jähriger aus einer Premier-League-Akademie in München zum Stammspieler avancieren kann. Gabriels Profil passt zu einem Team, das im letzten Drittel individuelle Lösungen sucht, als Linksaußen mit Zug zum Tor, oder als Zehner hinter einem echten Neuner. Der sinnvollste Weg wäre die U19 beziehungsweise die zweite Mannschaft und gezielte Profiminuten ab dem 17. oder 18. Lebensjahr, und nicht der sofortige Profi-Kaderplatz. 

Genau da liegt das Risiko. Die Offensive ist dicht, und frühere Verpflichtungen haben gezeigt, dass Ruhm ohne Spielpraxis verpufft. Die Gehalts- und Handgeldforderungen passen schlecht zu einem Spieler ohne Pflichtspiel im Profibereich. Andere Klubs sollen zahlungsbereiter sein.

Die Bayern müssten mit Spielzeit und Trainervertrauen überzeugen, nicht mit dem Vertrag. Fußballerisch ist er einer der spannendsten 16-jährigen Ausnahmetalente Europas. Bei Bayern ist er nur sinnvoll, wenn der Klub drei Jahre Entwicklung einkalkuliert und dessen Vater denselben Zeithorizont akzeptiert. Denn sonst könnte es dasselbe Drama wie bei den Red Devils geben.

Philipp Treu vom DFB im Oktober 2026

(IMAGO / Sportfoto Rudel)

Die Gewinner und Verlierer unter Klopp

Vier Spiele, fünf Punkte, und eine offene Tabellensituation: Jürgen Klopps erste Länderspielphase hat die Hierarchie im DFB-Team ordentlich durcheinandergewirbelt. Mehrere Spieler haben sich nach vorn gespielt, andere wiederum weniger überzeugt. Daher wollen wir euch die Gewinner und Verlierer unter dem neuen Nationaltrainer präsentieren.
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Veröffentlicht: 7 Oktober 2026, 15:19

Jürgen Klopp wollte in seiner ersten Länderspielphase möglichst viele Kandidaten sehen. Herausgekommen ist eine Zwischenbilanz, die sportlich durchwachsen, jedoch personell aufschlussreich ist. Ein Remis in Amsterdam, eine Heimniederlage gegen Griechenland, der erste Sieg gegen Serbien, und ein torloses Rückspiel in Thessaloniki.

Fünf Punkte aus vier Nations-League-Partien, Platz drei in der Gruppe hinter Niederlande und Griechenland. Der 44-Mann-Kader, auf zwei Blöcke verteilt, war als Casting gedacht. Nach elf Tagen steht fest, wer die Tür aufgestoßen hat und wem sie gerade wieder zufällt.

Die Gewinner

Philipp Treu, 25, SC Freiburg

Philipp Treu ist der klarste Aufsteiger dieser zwei Wochen. Der 25-jährige Rechtsverteidiger des SC Freiburg stand als einziger Spieler aus dem 44er-Pool in drei Partien von Beginn an, jeweils über 90 Minuten in der Startelf. In Amsterdam gab er die Vorlage zum Führungstor, gegen Serbien und in Thessaloniki bestätigte er den Eindruck. 

Klopp sagte hinterher, er habe nicht den Eindruck gehabt, einen Neuling vor sich zu haben: Treu habe „hinten rechts rotzfrech rausgespielt“. Joshua Kimmich, der ihm nach dem Debüt lobte, und an die eigene Kicker-Note 5,5 bei seinem ersten Länderspiel erinnerte und freute sich, dass Treu besser gewesen sei.

Für eine Position, die seit Jahren vakant ist, war das mehr als ein nettes Debüt. Treu hat sich in den engeren Kader für November gespielt, und zwar nicht als Lückenfüller, sondern als offensiver Initiator von der Außenbahn, der mit taktischer Disziplin, Zweikampfstärke und enger Manndeckung zu überzeugen wusste.

Derry Scherhant, 23, SC Freiburg

SC-Vereinskollege Derry Scherhant kam als Überraschung und ging als Argument. Der 23-jährige Linksaußen des SC Freiburg spielte vor etwas mehr als einem Jahr noch für Hertha BSC in der 2. Liga. Gegen Serbien rückte er völlig unerwartet in die Startelf, links neben Serge Gnabry und Nick Woltemade, und behielt den Platz auch in Thessaloniki.

Im internen Duell mit Saïd El Mala setzte er sich schon im Training durch. Auf dem Platz war er der Aktivposten der deutschen Nationalelf: die meisten Torschüsse und Flanken aus dem Spiel heraus unter Klopp, Eins-gegen-eins mit Tempo, der direkte Weg zum Tor. Einen Scorerpunkt gab es leider nicht, aufgrund einer harten Entscheidung des Unparteiischen – die Vorarbeit hinterließ trotzdem ein Lächeln bei Klopp:

Gegen die Griechen spielte ihm Tom Bischof den Ball in den Lauf, Scherhant zog bis zur Grundlinie und legte perfekt auf Jonathan Burkardt ab, der das Runde über die Linie drückte. Der VAR nahm das Tor wegen eines Handspiels im Aufbau zurück. Die Szene gehörte trotzdem Scherhant.

In Freiburg stehen in dieser Saison bereits neun Torbeteiligungen in sieben Pflichtspielen auf dem Konto des gebürtigen Berliners. Klopp durfte sehen, dass Scherhant dieses geballte Selbstvertrauen mit zur Nationalmannschaft gebracht hat. Wenn der Kader im November auf 23 oder 24 Spieler schrumpft, ist der Freiburger keine Anekdote mehr, sondern eine echte Option auf der Außenbahn.

Jonas Urbig, 23, FC Bayern München

Jonas Urbig hat die unauffälligste und zugleich eindeutigste Bewerbung abgegeben. Der 23-jährige Bayern-Keeper, im Verein nur die Nummer zwei hinter Manuel Neuer, stand in beiden Spielen des zweiten Kaders im Tor und blieb beide Male ohne Gegentor. Gegen Serbien hatte er zugegebenermaßen wenig zu tun, ein ungenaues Zuspiel in der 56. Minute blieb unbestraft.

In Thessaloniki wurde daraus eine Leistung. Nach nicht einmal 90 Sekunden köpfte Giorgos Masouras frei am Fünfmeterraum, Urbig war da. Kurz vor Schluss rettete er erneut. Nach dem Spiel sagte er, er sei „wach in der Sekunde“ gewesen, obwohl die Partie spät gelegen habe. Klopp hatte bewusst nicht rotiert und ihn durchspielen lassen, obwohl bei Ajax Marc-André ter Stegen und bei Besiktas Alexander Nübel regelmäßig spielen.

„Bei Jonas ist das anders“, sagte der Bundestrainer, und trennte die Entscheidung ausdrücklich vom Status der Nummer eins. Die Statistik ist trotzdem selten: Laut Opta ist Urbig erst der zweite DFB-Torhüter seit 1977, der in seinen ersten beiden Länderspielen zu Null spielte. Neuer und ter Stegen schafften das nicht. Für einen Keeper, der in München kaum Pflichtspiele sieht, ist das mehr als ein gelungenes Debüt. Die Konkurrenz im deutschen Tor ist nach diesen zwei Abenden enger geworden. 

Tom Bischof, 21, FC Bayern München

Tom Bischof hat aus einem Einsatzfenster ein Argument gemacht. Der 21-Jährige vom FC Bayern traf bei seinem ersten Start in der Allianz Arena zum 1:0 gegen Serbien, nachdem Wirtz den Pfosten getroffen hatte. Drei Tage später in Griechenland dirigierte er neben Aleksandar Pavlovic das Mittelfeld und spielte den Pass, der zum aberkannten Burkardt-Tor führte.

Klopp lobte die Doppel-Sechs, Alexander Pavlovic bezeichnete er als den Maschinenraum der Mannschaft. Bischof war der andere Teil dieser Achse: abschlussbereit aus der zweiten Reihe, vertikal im Passspiel, ohne dabei die Spielkontrolle zu verlieren.

Dass Deutschland mit diesem Trio ansehnlicher aussah als mit der etablierten Zentrale der ersten beiden Spiele, ist der eigentliche Befund dieser ersten Test-Phase. Bischof hat sich nicht nur ein Tor gesichert, sondern eine Rolle, die vor zwei Wochen noch Kimmich gehörte.

Die Verlierer

Joshua Kimmich, 31, FC Bayern München

Joshua Kimmich bleibt Kapitän auf dem Papier und ist dennoch der größte Verlierer der Tage. Klopp schob ihn vom Rechtsverteidiger ins Zentrum, genau dorthin, wo der 31-Jährige sich selbst sieht. Gegen die Niederlande und in Augsburg fehlten der Mannschaft Tempo und klare Abläufe; der Ausgleich in Amsterdam fiel in der Nachspielzeit, das Gegentor in Augsburg ging über Kimmich. Danach reiste er ab, der zweite Kader spielte ohne ihn deutlich dominanter und progressiver.

Pavlovic übernahm die tiefe Sechs, Bischof und Wirtz die Räume davor, und plötzlich stimmten Pressing und Passwege. Klopp lobte Kimmichs Eindruck im Team, ließ aber durchblicken, dass auch ein großer Kopf fehlen können muss. Flapsige Sätze zur Kapitänsfrage taten das Übrige. Niemand hat Kimmich aus dem Kader geschrieben. Aber die Annahme, die Zentrale sei ohne ihn nicht zu besetzen, hat diese Länderspielphase ganz klar widerlegt!

Jamal Musiala, 23, FC Bayern München

Jamal Musiala ist Verlierer ohne eigenes Zutun, und gerade das macht die Lage unbequem. Er sollte in Amsterdam beginnen, verletzte sich beim Aufwärmen am Oberschenkel und sah die ersten Klopp-Tage nur von außen. Havertz erging es ähnlich, nur wenige Minuten später. Für einen Spieler, der nach durchwachsener WM-Phase beim FC Bayern wieder Tore schoss, war das Fenster die Gelegenheit, sich dem neuen Trainer als Fixpunkt anzubieten.

Stattdessen besetzten andere die kreativen Räume, und Scherhant demonstrierte auf der Außenbahn, dass auch Namen ohne Länderspielerfahrung Druck erzeugen können. Musiala fehlt nicht die Qualität, ihm fehlt der Nachweis unter diesem Trainer. Im November muss er sich einen Platz zurückerobern, den die Länderspielphase ohne ihn neu verteilt hat.

Jonathan Burkardt, 26, Eintracht Frankfurt

Jonathan Burkardt bekam die Minuten, die ein Stürmer braucht, und nutzte sie nicht. Der Frankfurter startete in Thessaloniki, hatte nach gut 100 Minuten in drei Spielen einen Abschluss aufs Tor und keinen Kontakt im gegnerischen Strafraum, der zählte. Das Tor, das er nach Scherhants Flanke schon gefeiert hatte, nahm der VAR wegen eines Handspiels im Aufbau zurück.

Danach blieb die Spitze harmlos, Klopp wechselte ihn in der 63. Minute aus. Younes Ebnoutalib hatte gegen Virgil van Dijk wenigstens ein Duell bestanden und gute Ansätze gezeigt, während Nick Woltemade nur eine Randfigur blieb – einzig Florian Wirtz wusste im Sturm zu überzeugen. Burkardt war als Neuner eingeplant und lieferte weder Abschlüsse, noch fungierte er als Anspielstation. In einem Kader, in dem Klopp ausdrücklich jeden gesehen haben will, ist Unsichtbarkeit die schlechteste Visitenkarte. 

Welche Erkenntnis bleibt?

Klopp wird im November auf 23 oder 24 Spieler kürzen. Die Tür, sagte er, stehe weit offen, aber nicht für alle gleich weit. Treu, Scherhant, Urbig und Bischof haben Argumente geliefert, die sich in Aufstellungen übersetzen lassen: ein Rechtsverteidiger, der nicht wie ein Debütant wirkte, ein dominanter Torhüter ohne Spielpraxis, ein selbstbewusster Linksaußen, der direkt in die Startelf sprang, und ein Mittelfeldspieler mit dem ersten Tor im eigenen Stadion.

Kimmich muss seine Rolle neu behaupten, Musiala erst wieder gesund werden, Burkardt braucht Tore auch in der Nationalelf, bevor der nächste Blick auf ihn fällt. Fünf Punkte sind zu wenig für eine Gruppe, in der Niederlande und Griechenland schon bei acht stehen, wenngleich noch alles für den vierfachen Weltmeister möglich bleibt.

Für eine Mannschaft, die sich neu aufstellen will, war die Bestandsaufnahme selbst der Ertrag. Der erste Sieg kam ohne die großen Namen. Das ist die unbequeme Nachricht für die Etablierten dieser Länderspielphase, aber die Gute für alle neuen Herausforderer. Wie Klopp betonte - die Tür der Nationalmannschaft steht weit offen und die der Positionen ebenfalls.

Matteo Palma beim DFB im Oktober 2024

(IMAGO / DeFodi)

Deutschland, Italien oder Österreich? | Verbände reißen sich um Matteo Palma

Es gibt Spieler, deren Namen man kennt, bevor man ihr Spiel gesehen hat. Matteo Palma gehört zum umgekehrten Typ. In Berlin geboren, mit vierzehn nach Italien gegangen, hat er als 16-Jähriger seine ersten Profiminuten in einer Liga gesammelt, die Teenager eher verschluckt als fördert. Daher wollen wir euch in dieser Spieleranalyse erklären, warum dieses außergewöhnliche Talent trotz seiner vielfältigen Wurzeln für Deutschland spielen muss.
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Veröffentlicht: 7 Oktober 2026, 10:59

Mit sechzehn Jahren und sechs Monaten kam Matteo Palma in der Coppa Italia gegen Salernitana, mit siebzehn in der Serie A unter Kosta Runjaić zum Einsatz, dazwischen lernte er bei Weltmeister Fabio Cannavaro die hohe Kunst des Verteidigens, als andere seines Jahrgangs noch in der A-Jugend um Stammplätze stritten.

Was ihn ausmacht, ist nicht nur seine Statur. Es ist die Biografie dazwischen: die Mutter in Berlin, der italienisch-österreichische Vater in Italien, der ältere Bruder Léonard, der in Deutschland blieb, die U15-Trikots der Azzurrini und danach die DFB-Junioren, in denen er mit Lennart Karl ein Zimmer teilte. Palma selbst sagt dazu nur, als Kind habe er gerne beide Trikots getragen.

Die Frage, die diese Spieleranalyse beantworten muss, lautet deshalb nicht, ob Matteo Palma Talent hat. Die Frage lautet, welches Spielerprofil und welcher Charakter aus diesem Talent geworden sind – und für welche Fußballnation er es am Ende einsetzen wird.

Werdegang - Von Wedding ins Friaul

Palma wuchs zunächst bei seiner Mutter in Berlin auf und begann in der U9 von Hertha BSC. Der Vater, italienisch-österreichischer Herkunft, lebte in Italien; die Mutter besitzt deutsch-kamerunische Wurzeln. Mit 14 Jahren zog er zum Vater, während der ältere Bruder Léonard, ebenfalls Innenverteidiger, länger in Berlin blieb und später über die Hertha den Weg in den Profifußball suchte. 

Dieser Schnitt durch die Familie ist mehr als eine biografische Fußnote. Wer mit vierzehn Sprache, Schule, Freunde und den vertrauten Verein wechselt, lernt früh, dass Talent allein nicht trägt. Palma selbst hat das nüchtern beschrieben: 

Ich habe in der U9 bei Hertha angefangen, bei meiner Mutter in Berlin gewohnt und bin dann zu meinem Vater nach Italien gezogen, wo sich der Wechsel zu Udinese ergeben hat.

Die Trennung der Wege, die doppelte Heimat, das frühe Alleinsein in einer fremden Liga – das erklärt viel von der Ruhe, die Trainer an ihm rühmen. 

Kosta Runjaić, der ihn in die Profimannschaft beförderte, nannte ihn einen Jungen mit imposanter Präsenz, der auf dem Platz keinen Druck spüre und älter wirke als er sei. Fabio Cannavaro, der Palma in dessen ersten Profimonaten trainierte, hinterließ einen bleibenden Eindruck bei unserem Protagonisten:

Es war natürlich etwas Besonderes, von einem Ballon-d’Or-Gewinner trainiert zu werden“, sagte Palma. “Cannavaro hat den Verteidigern Distanz zum Angreifer, Gegneranalyse und Kopfballspiel beigebracht – „fast alles, was ein Innenverteidiger braucht.

Dass ein Berliner Teenager bei Udinese von einem Weltmeister der italienischen Schule geformt wird und gleichzeitig beim DFB Zimmerkamerad von Lennart Karl war, beschreibt ziemlich genau die kulturelle Kerbe, in der Palma steckt.

Das Spielerprofil - Ein agiler Abwehr-Turm

Palma ist in erster Linie ein raum- und luftdominanter Spieler. In Vergleichen mit anderen Innenverteidigern seiner Alters- und Einsatzklasse gewinnt er Luftzweikämpfe in einem hohen Prozentbereich (über 60% in der Serie B), blockt und fängt überdurchschnittlich viele Bälle durch sein kluges Stellungsspiel ab.

Darüber hinaus macht die 195 cm Statur ihn in der eigenen und gegnerischen Box schwer zu überspielen; gleichzeitig ist er für diese Größe überraschend beweglich und besitzt eine gute Geschwindigkeit.

Palma ist ein athletischer Innenverteidiger, der seine Größe in der Luft optimal nutzt, dank seiner Agilität schnell Räume schließt, anspruchsvolle progressive Bälle riskiert und dadurch auch im Spielaufbau überzeugt. 

Der Vergleich mit Giorgio Scalvini von Atalanta Bergamo liegt daher nahe: früher Durchbruch, Körperlichkeit, und Persönlichkeit am Ball.
Auf der anderen Seite erinnert er gleichermaßen an den früheren Radu Drăgușin – einem Innenverteidiger, der in der Viererkette oder zentral in der Dreierkette am stärksten ist, weil er in der direkten Manndeckung glänzt.

Das bekam auch der 17-Tore-Stürmer Anastasios Douvikas vom FC Como beim 1:1-Remis gegen Udinese Calcio zu spüren. Palma dominierte den Griechen körperlich, zeigte perfektes Timing in seinem Positionsspiel und im Zweikampf. Zudem bewies der Berliner Mut, wenn er nach vorne ging, um den Gegner anzupressen und den Lombarden den Schwung zu nehmen.

Die Entwicklungsfelder

Natürlich gibt es bei einem Rohdiamanten Ecken und Kanten, die man bei einem 18-Jährigen erwarten darf und die man trotzdem benennen muss. Der linke Fuß ist klar schwächer als der rechte; das erhöht seine Berechenbarkeit im Aufbau und in der Verlagerung des Spiels. Generell wirkt sein Umgang mit dem Ball steif und nicht sehr flüssig.

Die Disziplin schwankte bei der Leihe für Sampdoria, wo auf elf Ligaeinsätze drei Gelbe und eine Rote kamen und damit unterstreichen, dass das Talent der "Zebras" sich häufig mit unfairen Mitteln helfen musste.

Zwei Muskelverletzungen innerhalb eines Jahres – zuletzt eine Oberschenkelverletzung ab Ende August dieses Jahres – erinnern daran, dass der Körper bei dieser Größe und diesem frühen Belastungssprung nicht automatisch mitwächst. Und trotz des Hypes bleiben die reinen Minuten überschaubar:

Debüt in der Coppa Italia am 25. September 2024 beim 3:1 gegen Salernitana als einer der jüngsten Udinese-Profis der Klubgeschichte, Serie-A-Einstand am 25. Mai 2025 in der 86. Minute gegen Fiorenz, dann bei Sampdoria elf Serie-B-Spiele und das erste Tor am 22. März 2026 gegen Avellino, danach die Rückkehr nach Udine.

Das ist eine steile, aber noch dünne Datenlage. Palma selbst formuliert das Ziel unspektakulär: erst Leistung für den Verein, Verletzungsfreiheit, Entwicklung mit Spaß. Champions League und WM nennt er als ferne Träume, „die man sich hart erarbeiten muss“.

Sein eigenes Leitbild ist bezeichnend. Nicht nur Cannavaro, sondern Sergio Ramos, Virgil van Dijk und vor allem Nico Schlotterbeck:

Schlotterbeck ist nicht nur physisch sehr gut, sondern auch am Ball. Das ist im modernen Fußball auch für Innenverteidiger extrem wichtig. Diesen Mix will ich ebenfalls haben, daran arbeite ich. 

Wer Schlotterbeck als Referenz wählt, will nicht nur gewinnen, sondern das Spiel von hinten mitprägen. Das trennt Palma von klassischen Abwehrspielern und erklärt, warum Runjaić und später die Sampdoria-Verantwortlichen ihm trotz des Alters Verantwortung gaben.

Wie seine Herkunft den Charakter formte

Die private Geschichte ist kein Beiwerk, sondern der eigentliche Resonanzraum seines Spiels. Aufgewachsen zwischen Berliner Alltag und italienischem Vaterhaus, zwischen Hertha-Jugend und Primavera, zwischen der Mutter in Deutschland und dem Bruder, der den anderen Weg ging, hat Palma früh gelernt, Zugehörigkeit nicht als Besitz, sondern als Entscheidung zu begreifen. 

Als Kind trug er beide Trikots. Diese Selbstverständlichkeit im Wechsel erklärt die fehlende Lampenfieber-Attitüde, die Runjaić auffiel, und die Bereitschaft, Risiken im Aufbau einzugehen. Wer mit vierzehn ein Land wechselt, fürchtet sich weniger vor einem frühen Pass in die Spitze.

Zugleich bleibt eine leise Unentschiedenheit. Theoretisch wäre Palma für Deutschland, Italien, Österreich und über die mütterliche Linie sogar für Kamerun spielberechtigt. Nach Einsätzen für Italiens U15 – acht Spiele, darunter ein Tor – holte der DFB ihn in die U16 und U17. Im September 2026, noch verletzt, sagte er Gianluca Di Marzio: 

Ich stehe mit Italien, Deutschland und Österreich in Kontakt, habe aber noch keine Entscheidung getroffen; zuerst muss ich zurückkommen und spielen.

Warum er für Deutschland spielen sollte

Deutschland sollte ihn nicht nur wollen, weil er 1,95 Meter misst und Luftzweikämpfe gewinnt. Die Nationalmannschaft braucht Innenverteidiger, die körperlich dominieren und trotzdem mit dem Ball etwas kreieren können – genau den Mix, den Palma bei Schlotterbeck studiert. Geboren in Berlin, sozialisiert in der Hertha-Jugend, bereits in den DFB-Jahrgängen verankert und von einem deutschen Trainer in der Serie A debütiert, ist seine deutsche Prägung tiefer als nur sein Pass. 

Die Entscheidung für die U16 und U17 war keine Zufallsnote; sie war eine erste Bindung. Italien kann die Cannavaro-Schule und die tägliche Serie-A-Härte anbieten, Österreich die familiäre Linie des Vaters. Aber Palmas erster Fußball, seine erste Sprache auf dem Platz und der Verein, der ihn als Kind formte, liegen in Deutschland.

Für den DFB wäre er mehr als ein weiteres großes Talent. Er wäre ein Spieler, der die heutige deutsche Mannschaft spiegelt: multikulturell, früh gereift durch einen Ortswechsel, defensiv robust und offensiv lernwillig. Wenn Palma sagt, er fühle sich beim DFB „super“, aber erst die Leistungen für Udinese zählen müssten, dann ist das keine Absage, sondern eine Einladung: 

Wer ihn binden will, muss ihm den Weg in die A-Mannschaft glaubwürdig machen, sobald der Körper verletzungsfrei bleibt. Ein Berliner, der in Udine unter Cannavaro und Runjaić gelernt hat und trotzdem Schlotterbeck als Maßstab nimmt, gehört in Schwarz-Rot-Gold nicht trotz, sondern wegen dieser Courage diese Umwege zu gehen.

Finn Jeltsch beim DFB im September 2026

(IMAGO / Eibner)

Zwei Typen für Klopps neue DFB-Elf | Warum Jeltsch und Janelt ins Bild passen

Im Rahmen der Nations League soll am Donnerstag in München gegen Serbien das zweite Aufgebot der Nationalelf zum Einsatz kommen. Darunter zwei Spieler die unterschiedlicher nicht sein können und die niemand auf der Rechnung hatte. Finn Jeltsch (20) und Vitaly Janelt (27), der eine ein aufregendes Buli-Talent, der andere ein unterschätzter Sechser aus der Premier League. Wir erklären euch, was Jürgen Klopp sich von beiden verspricht.
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Veröffentlicht: 1 Oktober 2026, 15:35

Als Jürgen Klopp seinen ersten Kader als Bundestrainer vorstellte, wirkte vieles nach einem bewussten Bruch. Nicht nur die Aufteilung in zwei Aufgebote, nicht nur die schiere Zahl von 44 Namen. Vor allem die Mischung aus sehr jungen Debütanten und einem 28-jährigen Premier-League-Arbeiter ließ erkennen, wonach der Trainer sucht: 

Intensität, Robustheit und Spieler, die sein Fußballverständnis nicht erst erklärt bekommen müssen. Finn Jeltsch vom VfB Stuttgart und Vitaly Janelt vom FC Brentford stehen für zwei Seiten derselben Idee.

Am Donnerstag trifft Deutschland in München auf Serbien, drei Tage später folgt das Rückspiel gegen Griechenland in Thessaloniki. Für beide könnte es das A-Länderspieldebüt werden. Doch was verspricht sich der ehemalige Liverpool-Coach eigentlich von beiden Protagonisten?

Finn Jeltsch (20) - Der Verteidiger, der Klopp zuerst auffiel

Finn Jeltsch ist 20 Jahre jung, Innenverteidiger beim VfB Stuttgart und bereits U17-Welt- und Europameister. Trotzdem war er Klopp wie vielen anderen Fußballfans anfangs kein geläufiger Name. Genau das macht die Begründung des Bundestrainers so aufschlussreich.

Von den Spielern, die mir nicht sofort geläufig waren, ist er mir als Erster aufgefallen“, sagte Klopp bei der Kaderpräsentation. Der Blick auf die Statistik habe gereicht: Alter, Einsätze, Belastung. „Dann guckt man ein bisschen genauer hin und stellt fest: außergewöhnlicher Verteidiger, der es sehr gut macht, eine außergewöhnliche Athletik hat und kicken kann.

Das ist kein bloßes Talentlob. Klopp beschreibt damit ein Profil, das zu seinem Spiel passt. Jeltsch gilt als abgeklärt, zweikampfstark und ballsicher. Vor allem seine Passquote von über 90 Prozent, progressive Pässe ins letzte Drittel und die Fähigkeit, den Ball selbst nach vorne zu tragen, zeichnen ihn aus. Defensiv punktet er weniger durch grobe Härte als durch Timing: Er antizipiert Pässe, unterbindet Konter früh und foult vergleichsweise selten.

Genau das braucht ein Team, das unter Klopp wieder höher stehen, früher pressen und nach Ballgewinn schnell umschalten soll. Ein Innenverteidiger, der nur absichert, reicht dafür nicht. Einer, der den ersten Pass nach vorne wagt und im Aufbau mitspielt, schon.

Jeltsch selbst sieht die Schnittmenge

Ich würde sagen, ich bin ein aggressiver Verteidiger, mutig, auch offensiv denkend“, erklärte er vor dem zweiten Block. „Ich hoffe, dass ich mich zeigen kann und dass ihm das gefallen wird.“ 

Die Nationalmannschaft ist das Größte, was es gibt. Zuerst will ich im Camp in Herzogenaurach das Trainerteam von meinen Qualitäten überzeugen.

Dass Klopp den Stuttgarter trotz dessen Jugend direkt in den A-Kreis holt, fügt sich in seine Linie: „Wir wollen bei der Entwicklung dabei sein.“ Nach dem frühen WM-Aus wollte er nicht länger darüber sprechen, was fehlt – sondern sichtbar machen, was da ist. Jeltsch, Fritz-Walter-Medaillengewinner in Gold, steht für diese Generation. Er kann zentral, rechts und notfalls sogar im defensiven Mittelfeld spielen. Für einen Trainer, der Systeme flexibel denkt, ist das Gold wert.

Vitaly Janelt (27) - Der unauffällige Arbeiter aus der Premier League

Vitaly Janelt ist der Gegenpol zum Wunderkind – und trotzdem kein Zufall. Der Hamburger, einst HSV-Talent, später bei RB Leipzig und Bochum, hat sich seit 2020 beim FC Brentford in der Premier League festgespielt. Über 160 Einsätze in Englands höchster Spielklasse, oft von Beginn, selten verletzt, selten spektakulär, jedoch oftmals solide – und genau deshalb interessant für Klopp.

Janelt selbst formuliert seine Rolle ohne Umschweife: „Ich bin ein Teamspieler. Ich mache die Drecksarbeit für die Jungs vor mir.“ Mit 28 Jahren sieht er die Nominierung als späte, vielleicht letzte große Chance. „Das ist wohl die letzte Chance für mich, bei dem einen oder anderen großen Turnier dabei zu sein.“ Die EM 2028 in Großbritannien und Irland wäre für den Legionär fast ein Heimturnier.

Warum gerade jetzt? Weil Klopp den englischen Fußball kennt. Brentford spielt unter Keith Andrews einen direkten, laufintensiven Stil mit aggressivem Pressing – näher an Klopps Liverpool-Jahren als mancher Bundesliga-Klub. Janelt gewinnt Bälle, unterbricht Angriffe, schiebt Räume zu und bleibt dabei sicher und ruhig am Ball. Statistisch gilt er als einer der besten “Pass-Abfänger” seiner Mannschaft, mit hoher Passsicherheit und der Bereitschaft, links in die Kette zu fallen, damit Außenverteidiger aufrücken können.

Genau solche Sechser braucht ein DFB-Team, das nach dem 1:1 gegen die Niederlande und der 0:1-Niederlage gegen Griechenland noch nach Balance sucht und wiederkehrende Konzentrationsaussetzer, beispielsweise von Nmecha, nicht mehr tragen kann. 

Florian Wirtz, Lennart Karl oder Said El Mala können kreativ sein. Dafür braucht es jemanden, der hinter ihnen aufräumt, ohne dass die Nationalelf bei einem Konter blank steht. 

Janelt hat lange nicht mehr über eine mögliche Nominierung gesprochen. „Wenn der Trainer Bock hat auf mich, hat er Bock. Wenn nicht, dann nicht.“ 

Dass ausgerechnet Klopp diesen Bock hat, ist kein Zufall. Der Bundestrainer wollte nach der WM nicht nur Stars recyceln, sondern Spielertypen finden, die zu seiner Idee passen – auch wenn sie nicht bei Bayern, Dortmund oder Liverpool spielen.

Was beide verbindet

Auf den ersten Blick könnten die Unterschiede größer kaum sein: 20 gegen 28 Jahre, Bundesliga-Nachwuchstalent gegen unauffälligen Premier-League-Arbeiter, Innenverteidiger gegen Sechser. Taktisch passen sie trotzdem in Klopps Spielidee.

Klopp denkt Fußball von der Intensität her. Wer den Ball früh erobern will, braucht Verteidiger, die mutig herausrücken, und Mittelfeldspieler, die den ersten Zweikampf führen, bevor der Gegner sortiert ist. Jeltsch bringt Athletik, Spieleröffnung und Entwicklungspotenzial. Janelt bringt Erfahrung im englischen Tempo, britische Zweikampfhärte und das Selbstverständnis, unsichtbar zu bleiben, solange das Team funktioniert.

Beide sind zudem belastbar. Jeltsch hat in jungen Jahren bereits Dutzende Pflichtspiele in Liga, Pokal und Europapokal absolviert. Janelt ist bei Brentford über Jahre der zuverlässigste Mittelfeldspieler gewesen – der Mann, der da ist, wenn andere fehlen.

Ob einer von beiden am Donnerstag von Beginn an spielt, ist offen. Klopp hat angekündigt, dass die Nominierung allein nicht reicht: „Ihre Chance nutzen müssen sie selbst.“ Genau das macht die Berufung so typisch für seinen Start. Er öffnet die Tür weit – und schaut dann, wer sie mit dem richtigen Tempo durchläuft.

Für Jeltsch wäre ein Debüt der nächste logische Schritt einer steilen Kurve. Für Janelt wäre es die Bestätigung, dass jahrelange harte Arbeit in der zweiten Reihe der Premier League am Ende doch noch ins Trikot der Nationalelf führt. Für Klopp sind beide Belege dafür, dass sein Blick nicht nur auf Namen, sondern auf Spielertypen gerichtet ist.

Tobias Rau im Juli 2019

(IMAGO / Hübner)

Was macht eigentlich Tobias Rau?

Er stand mit Oliver Kahn und Michael Ballack in einer Kabine, war deutscher Nationalspieler und gewann mit dem FC Bayern das Double. Mit 27 Jahren beendete Tobias Rau überraschend seine Profikarriere. Heute, 17 Jahre später, hat der 44-Jährige in einer Klasse in Ostwestfalen sein Glück gefunden, welches er bis zu seiner Pension halten möchte.
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Veröffentlicht: 30 September 2026, 15:49

Das klingt nach der glatten Variante einer „Was macht eigentlich“-Geschichte. Es ist aber die unbequemere: Rau ist nicht Trainer geworden, nicht Experte, nicht Spielerberater. Er ist Studienrat für Biologie und Sport an der Peter-August-Böckstiegel-Gesamtschule in Werther und Borgholzhausen im Kreis Gütersloh. Eine Zweidrittel-Stelle, bewusst so gewählt, damit Raum für Familie bleibt – etwas, das ihm als Profi „so gut wie gar nicht möglich“ war.

Geboren am 31. Dezember 1981 in Braunschweig, durchlief Rau die Jugend der Eintracht, spielte Regionalliga, wechselte 2001 zum VfL Wolfsburg. Innerhalb von zwei Jahren wurde aus dem flinken Linksverteidiger ein Nationalspieler. Am 1. Juni 2003, im ersten Länderspiel der DFB-Elf in Wolfsburg, traf er in der 90. Minute zum 4:1 gegen Kanada. Es blieb sein einziges Tor im Nationaltrikot – und eines der Bilder, an die er sich bis heute zuerst erinnert.

Kurz darauf holte der FC Bayern ihn. Uli Hoeneß hatte ihm ein Lehrjahr versprochen, danach sollte er Bixente Lizarazu beerben. Es kam anders: Verletzungen, Reservistenrolle, 13 Bundesligaspiele in zwei Jahren. Meister und Pokalsieger 2005 war er trotzdem, dazu drei Einsätze in der Champions League. In der Kabine der Stars fühlte er sich trotzdem fehl am Platz. Ihm sei immer wieder gesagt worden, er solle die Ellbogen ausfahren. 

Aber das bin ich nicht, so will ich nicht sein.

Die letzten 4 Jahre im Profifußball

Vier Jahre Arminia Bielefeld folgten, weiter geprägt von Verletzungen. Im Juli 2009, lief sein Vertrag aus, und der Abstieg der Arminen war besiegelt - Rau machte Schluss. Nach 93 Bundesligaspielen, sieben Länderspiele im Alter von 27 Jahren.

Am Ende habe ich den Fußball nicht mehr geliebt.

Die Begründung war damals so ungewöhnlich wie der Schnitt selbst. Rau sprach nicht nur von kaputten Sehnen, sondern von einem System, das ihm die Freude genommen hatte.

Das Fußballgeschäft ist ein Wochengeschäft. Es geht ratzfatz, dann fliegst du. Menschlichkeit”, sagte er später, “hat in dieser Branche wenig zu suchen.

Rudi Völler, sein damaliger Bundestrainer, urteilte über frühe Rücktritte einmal hart: Wer so etwas mache, habe den Fußball nie geliebt. Rau, der sich mit Völler darüber austauschte, widerspricht nur zur Hälfte. Am Ende habe er den Fußball nicht mehr geliebt. Den Kindheitstraum, das Ja. Das Geschäft, das daraus geworden war, nicht.

Wochen später schrieb er sich an der Universität Bielefeld ein: Sport, Pädagogik, Biologie. Das Abitur hatte er. Den Traum vom Lehrerberuf ebenfalls – schon vor der Bundesliga. Hätte er später angefangen, sagte er 2024, wäre der Altersunterschied zu den Kommilitonen zu groß gewesen. 

Hinter der Entscheidung stehe ich auch heute noch zu 100 Prozent.

Der Alltag danach

Referendariat ab 2016 an genau jener Gesamtschule, an der er bis heute unterrichtet. Biologie lag nahe: Leistungskurs in der Schule, dazu Anatomie, Stoffwechsel, Gesundheit – Stoff, den ein Ex-Profi mit Verletzungschronik anders erzählt als ein Lehrbuch. Sport sowieso. 

Die Schüler googeln ihn trotzdem. Die meisten haben ihn nie spielen sehen. 93 Bundesligaspiele und das Bayern-Double reichen, damit sie besser zuhören. Rau nimmt das hin, ohne es zur Show zu machen.

Was ihn am Beruf hält, formulierte er im Sommer 2025 für die Serie „Nachspielzeit“ der Bundesliga so: den ganzen Tag mit jungen Menschen arbeiten, selbst jung im Kopf bleiben, eine Schule, in der Respekt zählt. Und der Satz, der wie ein Gegenentwurf zur Kabinenhierarchie klingt: 

Hier wird man nicht nach Geld, Status oder Leistung beurteilt, sondern nur danach, was für ein Mensch man ist.

Druck kennt er anders. Als Profi war es ihm vorgekommen, als sei er „jeden Tag an eine Steckdose angeschlossen“. Dieses Gefühl habe er nicht mehr. Die Sommerpause mit Laktattests und dreimal Training am Tag sei die größte Qual gewesen. Der erste Schultag nach den Ferien? „Eine echte Wohltat.“ Auch wenn manch Kollege das anders sehe.

Zwischen Familie und Kreisliga

Während des Studiums lernte der Ex-Bayernprofi seine Frau Lara kennen, ebenfalls Lehrerin. 2018 kam Sohn Bela zur Welt; später sprach Rau von zwei Söhnen. Den Sechsjährigen beschrieb er 2025 als Kind, das Fußball noch so liebt, wie er selbst ihn einmal geliebt hat – bevor Überlastung und Druck den Spaß auffraßen. Ob der Junge in die Fußstapfen treten soll? „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.“ Unterstützen ja. Die Untiefen des Berufs kenne er zu gut.

Den Ball hat er nicht ganz weggestellt. Von 2012 bis 2018 kickte er beim TV Neuenkirchen in der Kreisliga, 46 Spiele, 30 Tore – der Linksverteidiger als Torschütze, weit weg von der Allianz Arena. Von 2018 bis 2021 saß er im Aufsichtsrat von Eintracht Braunschweig, seinem Heimatklub. Die Vereinspolitik unterschätzte er, wie er später einräumte. 

Der DFB holt ihn gelegentlich für Projekte, die Schule und Fußball verbinden. Mehr will er davon nicht machen. Das Grundkonzept bleibe die Schule, bis zur Pension. 

Vermisst er die 50.000 im Stadion? Die Erinnerung ja. Das Gefühl nicht. 

Ich habe schon als Fußballer keine Bühne benötigt und jetzt brauche ich sie erst recht nicht.

Warum die Geschichte trägt

Raus zweites Leben ist kein Märchen vom Abstieg. Es ist eine Entscheidung gegen ein System, das Leistung über Charakter stellt – und eine für einen Beruf, in dem genau das Gegenteil gilt. Viele Ex-Profis bleiben im Fußball, weil sie nichts anderes kennen. Rau kannte etwas anderes, bevor der Fußball ihn ganz hatte: den Wunsch, Lehrer zu sein.

In Werther unterrichtet er Gelenke und Fitness, Jahrgangsturniere und Oberstufe. Manchmal fragt ein talentierter Jugendspieler um Rat. Dann rät der Mann mit den sieben Länderspielen nicht ab vom Traum – aber entschieden davon, für diesen Traum die Schule hinzuwerfen. Die Chance, wirklich Profi zu werden, sei gering. Talentierter als er seien viele gewesen. Geschafft hätten sie es trotzdem nicht.

Das ist, 17 Jahre nach dem Schnitt, keine Nostalgie. Es ist ein Mann, der den Satz „Ich bin jetzt Lehrer – und das macht mich einfach glücklich“ nicht als Pointe sagt, sondern weil er es wirklich fühlt... 

Sascha

Sascha

@sascha_baharian

Hingebungsvoller Fachmann in Bezug auf den italienischen Fußball und speziell die Serie A 🇮🇹

Wenn es um die Serie A oder im Allgemeinen den Fußball in Italien geht, ist man bei Sascha goldrichtig. Seit Jahren verfolgt er ganz genau die Entwicklungen der höchsten Spielklasse in Italien und weiß mit qualitativ hochwertigen Analysen zu glänzen. Diese könnt Ihr Euch auch jederzeit in seinem eigenen Podcast anhören. Des Weiteren weiß er auch mit seinem Wissen in Sachen Jugendfußball zu überzeugen und ist daher insgesamt ein sehr wertvoller Teil unseres Teams. 

PS: Seit neuestem ist Sascha zudem auch Zertifizierter Scout & Spielanalyst nach IST.