Joey Veerman gehört zu den profiliertesten Spielmachern, die die Eredivisie in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Der 1,85 Meter große Rechtfuß aus dem nordholländischen Purmerend hat sich vom lokalen Talent zum mehrfachen Meister und nun zum Spieler einer europäischen Topadresse entwickelt. Seine Geschichte ist eine von geduldigem Aufstieg, technischer Brillanz und einer Mentalität, die ebenso oft gelobt wie kritisiert wurde. Da der BVB ihn nun verpflichtet hat, wollen wir ihn für euch analysieren (Bild: IMAGO / DeFodi Images).
In den engen Gassen von Volendam, wo der Geruch von frischem Fisch und der Wind der Zuiderzee den Alltag prägen, wuchs ein Junge heran, der später den Spitznamen „Paling Pirlo“ tragen sollte. Joey Veerman, der 27-jährige Niederländer mit dem präzisen rechten Fuß und dem unerschütterlichen Blick für den entscheidenden Pass, hat über Jahre hinweg die Eredivisie mit seiner Spielintelligenz und seiner unnachgiebigen Art geprägt.
Bei PSV Eindhoven wurde er zum Meistermacher, zum Assist-König und zum Spieler, der mit ruhiger Hand und kühlem Kopf ganze Spiele orchestrierte. Doch während andere längst den Sprung in eine der großen europäischen Ligen wagten, wartete Veerman – geduldig, selbstbewusst und manchmal frustriert – auf den richtigen Moment respektive den richtigen Verein.
Am 16. August 2026 löste Borussia Dortmund die Ausstiegsklausel von rund 22 Millionen Euro und holte den Mann, der gesagt hatte:
„Dortmund ist ein toller Verein … eine großartige Chance für mich, auf die ich schon seit Jahren gewartet habe."
Was wie das Ende einer Ära in Eindhoven klingt, könnte der Beginn einer neuen Geschichte im Signal Iduna Park sein. Denn Veerman bringt nicht nur Tore und Vorlagen mit, sondern eine Persönlichkeit, die polarisiert, begeistert und nie versteckt, was sie denkt. Die Frage ist nicht mehr, ob er bereit für die Bundesliga ist – sondern, wie schnell er Dortmund mit seinem Spiel und seinem Charakter prägen wird. Dem gehen wir in dieser Spieleranalyse auf den Grund.
🚨🟡⚫️ Joey Veerman to Borussia Dortmund, here we go! Deal agreed for €21.5m from PSV Eindhoven.
— Fabrizio Romano (@FabrizioRomano) August 16, 2026
Five year contract and medical booked for the midfielder who’s set to leave PSV.
Veerman will undergo his medical tomorrow, as @RikElfrink reports. pic.twitter.com/2CZeCo4Uqs
Werdegang - Vom Dorfjungen zum dreifachen Meister
Veerman begann früh mit dem Fußball. Schon mit vier Jahren kickte er bei RKAV Volendam, zwei Jahre später wechselte er in die Jugend von FC Volendam. In der engen Dorfgemeinschaft, in der Handball in der Familie eine große Rolle spielte – sein Vater Richard war ein anerkannter Handballer –, entwickelte sich der Junge zu einem Spieler, der das Spiel mit dem Fuß statt der Hand dominierte.
Mit 17 Jahren debütierte er 2016 in der Eerste Divisie. In drei Spielzeiten bei Volendam zeigte er bereits die Qualitäten, die ihn später auszeichnen sollten: präzise Pässe über große Distanzen und ein ausgeprägtes Spielverständnis.
2019 holte ihn sc Heerenveen für rund 550 Tausend Euro in die Eredivisie. Dort reifte er zum Publikumsliebling und wurde 2021 zum Spieler des Jahres gewählt. Im Januar 2022 folgte der Sprung zu PSV Eindhoven für etwa sechs Millionen Euro. Bei den Eindhovenern entwickelte er sich zur zentralen Figur.
Mit PSV gewann er drei Meisterschaften in Folge (2024, 2025 und 2026), zwei KNVB-Pokale und dreimal die Johan-Cruijff-Schaal. In der Saison 2023/24 führte er die Assist-Liste der Liga an und steuerte in 41 Pflichtspielen sieben Tore und 19 Vorlagen bei. Auch in der Champions League setzte er Akzente: In der Spielzeit 2025/26 gehörte er zu den Spielern mit den meisten linienbrechenden Pässen.
Im August 2026, nach einer roten Karte in der Johan-Cruijff-Schaal und einem starken Auftritt gegen Excelsior, löste Borussia Dortmund seine Ausstiegsklausel für 22 Millionen Euro. Veerman unterzieht sich der medizinischen Untersuchung und soll einen Fünfjahresvertrag unterschreiben. Für ihn ist es der langersehnte Schritt in eine Top-Liga.
Spielerprofil - Der passstarke und progressive Sechser
Veermans Spiel dreht sich um Kontrolle und Progression. Er agiert bevorzugt als tiefer Spielmacher oder als Achter in einem Doppelsechs- oder Dreier-Mittelfeld. Seine größte Stärke ist die Passqualität. Kurze und lange Bälle, Steilpässe und Flanken beherrscht er auf sehr hohem Niveau. In der Champions League 2025/26 lag er bei den progressiven Pässen und den Bällen in die letzte Drittel-Zone in der europäischen Spitze.
Seine Übersicht erlaubt es ihm, unter Druck Lösungen zu finden und das Spieltempo zu diktieren. Dazu kommen starke Standards und gefährliche Fernschüsse. In der Eredivisie war er über Jahre hinweg einer der besten Vorlagengeber – in manchen Kalenderjahren sogar weltweit führend bei Assists. Seine größte Stärke ist jedoch sein Steilpass. Er kann einen Mitspieler mühelos in eine Eins-gegen-Eins-Situation mit dem Torwart bringen.
Er ist pressresistent und besitzt eine hohe Spielintelligenz kombiniert mit einer eleganten Ballführung. Sein erster Kontakt ist extrem versiert, und er kann das Spiel dank seiner Handlungsschnelligkeit mit einem einzigen Pass entscheiden. Peter Bosz lobte ihn als Spieler, mit dem man „dreimal Meister werden kann“ und der trotzdem selbstkritisch bleibt.
Darüber hinaus bringt er gleichermaßen durch seine Größe von 185 cm eine wahre Dominanz in der Luft mit. Laut Sofascore konnte er letzte Saison ganze 69 Prozent seiner Luftduelle gewinnen und gehörte damit zur Elite der höchsten niederländischen Spielklasse.
Die Entwicklungsfelder
Die Schwächen liegen vor allem im athletischen und defensiven Bereich. Sein Sprinttempo ist begrenzt und liegt mit knapp 32,6 km/h deutlich unter dem Durchschnitt eines modernen zentralen Mittelfeldspielers. Auf engen Raum fehlt ihm manchmal die Agilität, so dass er die Bälle zu lange hält und dadurch das Tempo verschleppt. In intensiveren Ligen mit weniger Zeit und Raum wird er sich anpassen müssen, sonst drohen Ballverluste.
Gegen den Ball ist er zwar in der Luft ein wahres Monster, aber am Boden solide bis schwach. Seine Zweikampfquote am Boden liegt mit 56 Prozent im soliden Bereich, doch das abfangen gegnerischer Pässe ist mit 0,9 pro Spiel eher als schwach zu bewerten. Diese Werte könnten sich in der hochwertigeren Bundesliga weiter verschlechtern, sollte er an diesen Defiziten nicht arbeiten.
Privater Hintergrund, Charakter & Mentalität
Veermans Wurzeln in Volendam prägen ihn bis heute. Das Fischerdorf, bekannt für seine enge Gemeinschaft und den direkten Umgang, hat einen Spieler hervorgebracht, der ungeschminkt sagt, was er denkt.
„Ich bin nicht jemand, der am Samstagabend bei einem Glas Wasser sitzt, wenn ich frei habe. Da bin ich ganz ehrlich“, räumte er selbst ein.
Seine Eltern, besonders der handballbegeisterte Vater, gaben ihm Stabilität, doch die Mentalität des Dorfes – genießen, ehrlich sein, nicht künstlich wirken – blieb. Jugendfreunde berichten von einem Jungen, der immer gewinnen musste und bei Niederlagen weinte, zugleich aber das Leben nicht zu ernst nahm.
Diese Mischung aus Siegeswillen und Lebensfreude führte zu Widersprüchen. Ronald Koeman kritisierte mehrfach Veermans „Charakter“ und bevorzugte andere Spieler. Veerman reagierte darauf scharf:
„Wenn er mich nicht aufgrund meiner Qualitäten nominiert, ist das völlig in Ordnung. Aber komm mir bloß nicht mit Charakter. Das fängt langsam an, mich zu ärgern.“
Er empfand die öffentlichen Bemerkungen als unnötig und erklärte, der Bondscoach müsse ihn nicht mehr anrufen. Gleichzeitig gilt er bei Teamkollegen und Trainern als selbstkritisch und verantwortungsbewusst. Bosz betonte, er habe „ein Top-Charakter“.
Die Familie – Partnerin Chantalle Schilder, ebenfalls aus Volendam, und die Söhne Frenkie Joe (geboren 2023) und ein weiteres Kind – gibt ihm Bodenhaftung. Nach dem Debüt in der Nationalmannschaft eilte er zur Geburt seines ersten Sohnes ins Krankenhaus.
Die Volendamer Unbekümmertheit half ihm, Druck abzubauen und kreativ zu bleiben. Sie machte ihn aber auch angreifbar für Vorwürfe, er sei zu „easy-going“ oder ein Schönwetterspieler. In Wahrheit arbeitete er hart – er lief bei Heerenveen oft die meisten Kilometer – und entwickelte sich kontinuierlich weiter. Die Enttäuschungen früherer Transferversuche (unter anderem zu Brentford und Fenerbahçe) und die Kritik von Koeman scheinen ihn eher gestärkt als gebrochen zu haben. Er blieb geduldig und wartete auf den richtigen Schritt.
🚨 JOEY VEERMAN TO BORUSSIA DORTMUND! 🟡⚫🇳🇱
— Timothy (@DailyFootyHQ) August 17, 2026
Borussia Dortmund are closing in on a deal to sign Joey Veerman from PSV. 🔥
The Dutch midfielder is set to make the move to the Bundesliga, with the deal reportedly worth around €21.5m. 💰
Dortmund continue to strengthen their… pic.twitter.com/bIEMDFlLlK
Potenzialeinschätzung: 8 / 10
Bei Borussia Dortmund trifft Veerman auf eine Mannschaft, die nach kreativer Kontrolle und progressivem Spiel aus dem Mittelfeld sucht. Sein Profil als aufbauender Sechser, der das Spiel öffnet und Assists liefert, ergänzt die dynamischeren und defensiveren Optionen im Kader. Dortmund braucht Spieler, die unter Druck ruhig bleiben und die Offensive anspielen können – genau das, was Veerman in der Eredivisie und Champions League bewiesen hat.
Die intensivere Bundesliga und die höheren Anforderungen im Zweikampf und Tempo werden ihn fordern. Sein begrenztes Sprintvermögen und Defensivverhalten könnten in manchen Spielen sichtbar werden, doch seine Übersicht und Passqualität können den Unterschied machen, besonders wenn er Partner an der Seite hat, die Absicherungsarbeit übernehmen.
Mit 27 Jahren steht er in seiner besten Phase. Sein Potenzial reicht aus, um in der Bundesliga und Champions League eine wichtige Rolle zu spielen. Wenn er sich an die höhere Intensität anpasst und defensiv noch den Feinschliff erhält, kann er zu einem stabilen Leistungsträger werden, der Dortmunds Spielkultur mit präzisen Bällen und Spielintelligenz enorm bereichert, weshalb ich sein Entwicklungspotenzial mit einer 8 bewerte.
Die Tatsache, dass er Jahre auf diesen Schritt gewartet hat und nun bewusst zum BVB geht, deutet darauf hin, dass er mental bereit ist. Für die Westfalen ist es ein erschwinglicher Transfer, der Qualität und Charakter in Form eines ehrlichen, selbstbewussten und technisch hochbegabten Mittelfeldspielers bringt.
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