Teil zwei des großen WM-Checks zur Nationalmannschaft der Türkei. Nach der Abwehrreihe, die wie zuvor geschildert über gewisse Stärken, aber auch einige Schwächen verfügt, befassen wir uns heute mit dem aufregendsten Mannschaftsbereich, dem Prunkstück des türkischen Teams, dem Mittelfeld samt Flügelpositionen. Und hier liegen die größten Hoffnungen der türkischen Fußball-Fans begraben.
In unserer exklusiven Kooperation zwischen GazeteFutbol-Chefredakteur Anil P. Polat und der Kickfieber werden im wöchentlichen Rhythmus die einzelnen Mannschaftsbereiche um Tor/Abwehr, Mittelfeld und Sturm sowie das Trainerteam beleuchtet und analysiert. (Bild: IMAGO / Anadolu Agency)
Dauerbrenner mit Defensiv-Dynamo
Zweifelsfrei ruhen die größten Erwartungen auf dem qualitativ bestbesetzten Teil der Mannschaft. Ob Defensiv- oder Offensivzentrum sowie Außenbahnspieler: Hier verfügt die Türkei über das größte Potenzial und reichlich Talent. Hier muss sich die Truppe von Nationaltrainer Vincenzo Montella vor kaum einer Nation verstecken. Im vorläufigen 35-köpfigen Kader befinden sich mit Ismail Yüksek, Salih Özcan, Atakan Karazor sowie Demir Ege Tiknaz körperlich robuste, erfahrene, aber auch talentierte Akteure im Aufgebot. Wer den Cut übersteht und mit dem 26 Spieler umfassenden finalen Kader zur WM nach Nordamerika fährt, wird sich in den kommenden Wochen entscheiden. Aktuell werden vor allem Yüksek und Özcan die größten Chancen eingeräumt.
Yüksek ist der Energizer und Zweikampfmotor im defensiven Mittelfeld. Sein starkes Pressing und seine zahlreichen Balleroberungen sind ein unerlässlicher Baustein im Spielsystem von Montella. Der Fenerbahce -Profi besticht durch seine Ausdauer und unermüdlichen Einsatz, hat aber auch immer wieder überraschend starke Distanzschüsse in seinem Repertoire. Einzig sein teils überspitzter Ehrgeiz kann für Probleme sorgen und führt schnell zu Verwarnungen, die den 27-Jährigen im Zweikampfverhalten ausbremsen können.
Özcan verfügt zwar nicht über die Energie und Power von Yüksek, dafür bringt der wohl scheidende Akteur von Borussia Dortmund reichlich Ruhe, Erfahrung und Übersicht im Aufbau- und Passspiel mit. Dennoch mangelt es Özcan an der Spielpraxis, Konstanz und dem Tempo, wenn es gegen Hochgeschwindigkeitsteams im Sprint oder Passspiel geht, wie Frankreich, England oder Spanien.
Kreativität trifft Klasse
Karazor bringt indes eine große Bundesliga-Expertise mit. Der Kapitän des VfB Stuttgart spielt beständig für die Schwaben und ist eine feste sowie verlässliche Größe im Stuttgarter Spiel. Allerdings hat ihm Montella in der Vergangenheit eher selten das Vertrauen ausgesprochen und den 29-Jährigen eher sporadisch eingesetzt. Sein Zusammenspiel mit seinen Nebenmännern, insbesondere mit den festen Größen wie Hakan Calhanoglu, Arda Güler oder Orkun Kökcü, ist daher ein Fragezeichen und nur schwer einzuordnen.
Tiknaz hat in Portugal derweil einen deutlichen Entwicklungssprung nach vorne gemacht. Der 21-Jährige bringt mit seinen 1,93 Metern Körpergröße Physis ins türkische Team, kann aber auch mit seinem Ballhandling überzeugen. Dennoch mangelt es ihm an der Erfahrung, auf höchstem Niveau gegen die stärksten Spieler zu bestehen. Daher könnte ein WM Einsatz für Tiknaz noch zu früh kommen.
Jetzt wird es erst so richtig spannend, denn wenn es um die offensiven Spielmacher-Fähigkeiten der Türkei geht, schlagen die Herzen der Fußball-Fans höher. Mit Inter Mailand-Star und Türkei-Spielführer Hakan Calhanoglu sowie Besiktas-Kapitän Orkun Kökcü hat die Türkei im Zentrum zwei absolute Topspieler, die das Spiel lenken können und zusätzlich mit extremer Ballsicherheit, Passqualität, aber auch durch Torgefahr das Spiel prägen können. Beide sind Leitwölfe, die die Verantwortung nur zu gern mit Bravour schultern.
Daneben besitzt die Türkei mit Arda Güler über eines der wohl aktuell größten Offensivtalente der Welt. Das Real-Madrid-Juwel ragt mit seiner Schusstechnik, seinen tödlichen Pässen und seinem Abschluss heraus. Er sorgt für die Wow- und Aha-Elemente im türkischen Spiel und kann das Heft jederzeit in die Hand nehmen und eine Partie entscheiden. Ob als Zehner oder auf der rechten Außenbahn, Güler kann einer Partie aus jeder Situation heraus seinen Stempel aufdrücken. Das größte Manko des 21-Jährigen ist sicherlich seine Physis, Kondition und sein Zweikampfverhalten, wenn es gegen körperlich spielende Teams geht. Eine Option hinter Güler ist Irfan Can Kahveci, der mit seiner Schussstärke und Offensivqualität eine verlässliche Alternative im Angriff der Türken bietet.
Arda Güler passing 🎯#UCL pic.twitter.com/xn4PPOiIp9
— UEFA Champions League (@ChampionsLeague) March 23, 2026
Türkische Tugenden, Tempo und Torgefahr
Herausragende Qualität weist die Türkei auch auf den Flügeln auf. Auf der linken Außenbahn besitzt die türkische Auswahl mit Kenan Yildiz eines der größten Talente überhaupt auf dieser Position. Das Juventus-Turin-Juwel stellt jede Abwehr mit seinem Tempo, Dribblings, Zug zum Tor und seinen Abschlüssen vor gewaltige Probleme. Yildiz' Potenzial ist enorm und noch lange nicht ausgeschöpft. Der 21-Jährige wird immer stärker, das trifft auf seinen Spiel-IQ und damit auf seine Entscheidungen im laufenden Spiel zu.
Neben Yildiz befindet sich mit Kerem Aktürkoglu ein weiterer Akteur auf Topniveau (wenn er es denn abrufen kann) im Aufgebot der Türken. Aktürkoglu ist auf dem Flügel, aber auch als falsche Neun ein brandgefährlicher Spieler, der stets aufs gegnerische Tor fokussiert ist. Allerdings schwankt die Leistung von Aktürkoglu immer wieder und kann zwischen Weltklasse und absolut wirkungslos ausschlagen. Daher wird es wichtig für die Türkei sein, dass Aktürkoglu körperlich und mental komplett fit, bereit und frisch ins Turnier geht. 15 Tore in 51 Länderspielen zeigen, wie wertvoll er jedoch für die Türkei sein kann.
Joker-Jackpot, Offensiv-Optionen und außergewöhnliche Alternativen
Auf der rechten Flügelposition warten mit Baris Alper Yilmaz, Yunus Akgün und Yusuf Sari ebenfalls drei sehr spannende Namen. Montella setzt extrem häufig auf Yilmaz als falsche Neun beziehungsweise Mittelstürmer, lässt ihn im Spiel aber auch oft auf die rechte Außenbahn rotieren. Yilmaz besticht mit einem starken Körperschwerpunkt, überragender Physis und enormer Geschwindigkeit, was ihn schwer auszurechnen macht. Er attackiert die gegnerische Abwehr ohne Unterlass und bringt sie immer wieder aus der Balance, kann aber auch mit dem Rücken zum Tor ordentlich agieren. Allerdings überdreht Yilmaz häufig und rennt sich zu oft an der gegnerischen Verteidigung fest. Viele unnötige Ballverluste und zunehmender Frust sind dann oftmals die Folge, was dem türkischen Spiel entsprechend schadet.
Akgün ist Montellas Joker und einer seiner geheimen Lieblinge. Seit der gemeinsamen Zeit in Adana baut der Italiener auf Akgün, der vor allem im Eins-gegen-Eins, mit seinen Flanken sowie seinem Zug nach innen für gefährliche Akzente sorgen kann. Akgün ist zudem eine Art Spielmacher auf dem Flügel, was seine Vielseitigkeit erhöht und damit auch der Türkei mehr Optionen in der Offensive eröffnet.
Der nächste Joker ist Yusuf Sari. Den 27-Jährigen kannst Du zu jeder Zeit ins Feuer schmeißen, Sari dribbelt wenn nötig einen Gegenspieler auf einer stecknadelgroßen Fläche aus und sorgt sofort für Überzahlsituationen. Sein Fintenreichtum, seine Tempodribblings und sein Zug zum Tor sorgen für Alarmstufe Rot beim Kontrahenten. Aber wie auch Akgün fehlt es ihm an Körpergröße und Physis, was er mit seinem Tempo zu kompensieren versucht.
Dennoch bietet die Türkei im Mittelfeld extrem spannende und interessante Akteure auf, auf die die Fußball Fans weltweit bei der WM neugierig sein dürfen. Das türkische Spiel wird voraussichtlich mit der Leistung des Mittelfelds und der Flügel stehen oder fallen. Die Vorfreude auf die türkischen Hoffnungsträger ist jedoch gewaltig in der Türkei und das nicht ohne Grund.
Hinweis: Den nächsten Teil unserer kleinen Reihe lest ihr dann wieder bei unserem Partner GazeteFutbol.



