Kauã Prates de Almeida steht seit diesem Sommer im Kader von Borussia Dortmund. Der 1,83 Meter große Linksverteidiger gehört zu den zahlreichen Wunderkindern von Nils Ole Book bei den Westfalen. Warum der 18-jährige Abwehrspieler als eines der größten Abwehrtalente seines Jahrgangs gilt, erklären wir euch in unserer Analyse. (Bild: IMAGO / Jan Huebner)
Aus dem Inneren Espírito Santos, einer Stadt, in der Kaffeeplantagen und Viehweiden den Alltag bestimmen und große Fußballstadien weit entfernt liegen, kommt einer der jüngsten Brasilianer, die Borussia Dortmund je verpflichtet hat. Kauã Prates de Almeida war zehn, als Cruzeiro ihn aus Montanha holte, sechzehn, als er in der Copa Sudamericana debütierte, und kaum volljährig, als er im Sommer 2026 das ehrwürdige schwarz-gelbe Trikot überstreifte.
Der Weg von der Kleinstadt in den Signal Iduna Park ist kein romantisches Märchen, sondern die Geschichte eines Jungen, der früh die Familie hinter sich ließ, in einer Jugendakademie reifte und mit einer Mischung aus Physis, Zweikampfstärke und auffälliger Ruhe schon Trainer und Mitspieler beeindruckte, lange bevor der BVB rund sieben Millionen Euro für ihn zahlte. Wer ihn heute betrachtet, sieht nicht nur einen Linksverteidiger mit Vertrag bis 2031, sondern einen Spieler mit einer Menge Potenzial.
Werdegang
Prates kam 2019 als Zehnjähriger in die U11-Jugend von Cruzeiro, nachdem er bei Probetrainings und in einem lokalen Projekt in seiner Heimatstadt aufgefallen war. Die Entfernung von rund 400 Kilometern nach Belo Horizonte war für den Jungen aus der ländlichen Region ein großer Schritt. Er durchlief die Nachwuchsabteilungen und spielte schon als 17-jähriger Teenie regelmäßig in der U20, mit der er das Finale der brasilianischen Meisterschaft dieser Altersklasse erreichte. Im September 2024 unterschrieb er seinen ersten Profivertrag über drei Jahre.
Sein Debüt in der ersten Mannschaft feierte er am 7. Mai 2025 mit 16 Jahren und neun Monaten in der Copa Sudamericana beim 1:1 gegen Mushuc Runa. Damit gehörte er zu den jüngsten Debütanten in der jüngeren Cruzeiro-Geschichte – in einer Reihe mit Größen wie Ronaldo oder Vitor Roque.
Bis zu seinem Abschied absolvierte er insgesamt 17 Pflichtspiele und erzielte am 10. Januar 2026 im Campeonato Mineiro gegen Pouso Alegre sein erstes Profitor. International gewann er 2025 mit der brasilianischen U17 die Südamerikameisterschaft und kam dort zu fünf Einsätzen; später folgten bereits zwei Partien für die U20.
Im Februar 2026 machte Dortmund den Transfer offiziell. Weil Prates noch minderjährig war, konnte er erst nach seinem 18. Geburtstag im August 2026 wechseln. Seit der Bekanntgabe kam er bei Cruzeiro kaum noch zum Einsatz, was die Vorbereitung auf den Sprung nach Europa erschwerte. Dennoch reiste er bereits im Februar nach Dortmund, absolvierte den Medizincheck und lernte Trainer Niko Kovač sowie einige Mitspieler kennen.
Kaua Prates making his pro debut for Cruzeiro this night at the age of 16! 💙🦊
— 𝙁𝙪𝙩𝙪𝙧𝙚 𝘽𝙖𝙡𝙡𝙚𝙧𝙨 ❄️ (@FBallerscout) May 7, 2025
One of Brazil’s top U17 talents and a standout at the Sudamericano — a well-deserved debut!🇧🇷✨ https://t.co/CvDD4CKv5e pic.twitter.com/jd6mw8SUny
Spielerprofil - Der wilde & moderne Außenverteidiger
Prates ist ein moderner, athletischer Linksverteidiger, der auch als Innenverteidiger oder auf der linken Schiene in einer Dreierkette einsetzbar ist. Sein auffälligstes Merkmal ist die Kombination aus Tempo, Physis und Technik. Er verfügt über enormes Beschleunigungsvermögen und setzt seinen Körper in Zweikämpfen wie ein wilder Bulle aggressiv und konsequent ein. Gegnerische Flügelspieler haben daher oft Probleme, an ihm vorbeizukommen.
Sein Stellungsspiel und Timing wirken für sein Alter bereits reif, und er gewinnt viele Duelle, fängt Pässe ab oder blockt Bälle erfolgreich. Leonardo Jardim, sein Trainer bei Cruzeiro, beschrieb ihn als „ausgewogenen Außenverteidiger, den alle Trainer mögen“, der sowohl defensiv als auch offensiv Qualität mitbringe, gute Flanken schlage und Standards beherrsche.
„Er hat enormes Potenzial und eine überdurchschnittliche Reife“, so Jardim.
Auch Sebastian Kehl hob bei der Verpflichtung seine Qualitäten hervor.
„Er ist ein hoch veranlagter Spieler, der von seinem Profil sehr flexibel ist und in der Defensive in verschiedenen Systemen mehrere Positionen bekleiden kann. Mit seiner Zweikampfstärke, seiner Robustheit und seiner Mentalität wird er unsere Mannschaft in der kommenden Saison ganz sicher bereichern.“
Mit dem Ball sucht Prates vorwiegend den Weg nach vorne. Er dribbelt gerne, trägt den Ball in freie Räume und bringt sich als "Breitengeber" ein. Kurze und mittlere Pässe gelingen ihm solide, und in engen Situationen zeigt er eine gute Technik. Wenn er in den Strafraum vordringt, kann er mit dem linken Fuß abschließen. Seine Laufbereitschaft und Einsatzfreude sind hoch – denn er arbeitet unermüdlich gegen den Ball und neutralisiert Kontersituationen mit seiner Athletik.
Die Entwicklungsfelder
Schwächen liegen vor allem in der Feinheit der Ausführung. Die Genauigkeit seiner Flanken und das Passspiel unter Druck sind noch ausbaufähig; gelegentlich entstehen Ballverluste durch unsaubere Ballannahme oder zu riskante Dribblings.
Durch seine aggressive Art produziert er relativ viele Fouls, wie auch beim verschuldeten Elfer in der Vorbereitung. Im Luftzweikampf ist er trotz der Körpergröße nicht immer dominant. Die geringe Anzahl an Profi-Minuten – insgesamt nur rund 17 Pflichtspiele – bedeutet auch, dass er die Intensität und Taktik des europäischen Fußballs erst noch vollständig verinnerlichen muss, was man auch hin und wieder an seiner ausbaufähigen Positionierung gegen den Ball erkennen konnte.
Privater Hintergrund, Charakter & Mentalität
Montanha ist eine kleine Stadt mit etwa 19.000 Einwohnern, geprägt von Kaffeeanbau und Viehzucht, ohne große Fußballstrukturen. Prates stammt aus derselben Region wie Richarlison (Spurs) und wurde in einem lokalen Projekt entdeckt. Die frühe Trennung von der gewohnten Umgebung und der Umzug in die Jugendakademie formten ihn.
Seine Familie zog mit oder hielt sich in Belo Horizonte auf und unterstützte ihn eng. Er selbst betonte immer wieder, dass er für sie Tore schießen und Titel gewinnen wolle.
„Meine Familie ist sehr glücklich“, sagte er nach frühen Einsätzen und wünschte sich, sie mit einem Treffer zu ehren.
Diese Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen und die Erfahrung, schon mit zehn Jahren den Schritt in die große Stadt zu wagen, scheinen eine ausgeprägte Reife und Demut gefördert zu haben. Mitspieler wie Lucas Silva und Fagner lobten seine Persönlichkeit und Lernbereitschaft: Er frage viel nach und lasse sich nicht einschüchtern. Prates ist gläubig, dankt öffentlich Jesus und beschreibt sich als Familienmenschen.
Im Gespräch mit Dedê beschrieb er, was die Fans erwarten dürfen: viel Kampfgeist und den Willen, jeden Ball zu gewinnen, dazu einen Spieler, der viel nach vorne geht, oft flankt, aufs Tor schießt und zugleich gut verteidigt. Seine Ziele benannte er ohne Umschweife: Champions League und Meisterschaft mit Dortmund gewinnen und individuell zu einem der besten Außenverteidiger der Welt reifen.
Diese Prägung spiegelt sich in seiner Mentalität wider: Entschlossenheit, Demut und der Wille, hart zu arbeiten, ohne den Kontakt zu den Wurzeln zu verlieren. Dedê diagnostizierte treffend einen „Jungen aus einer guten Familie“ und einen Spieler, der „rennt, keinen Ball verliert und sich voll und ganz einsetzt“. Die frühe Selbstständigkeit und der familiäre Rückhalt scheinen ihn widerstandsfähig und fokussiert gemacht zu haben – Eigenschaften, die beim Übergang in die Bundesliga entscheidend sein dürften.
🐝🚀 Borussia Dortmund are BUILDING a 𝗧𝗘𝗔𝗠 𝗢𝗙 𝗪𝗢𝗡𝗗𝗘𝗥𝗞𝗜𝗗𝗦.
— Rising Stars XI (@RisingStarXI) July 12, 2026
✮ Mathis Albert (17, LW) 🇺🇸
✮ Kauã Prates (17, LB) 🇧🇷
✮ Mussa Kaba (17, DM/CB) 🇩🇪
✮ Justin Lerma (18, AM) 🇪🇨
✮ Konstantinos Karetsas (18, AM) 🇬🇷
✮ Samuele Inacio (18, AM) 🇮🇹
✮ Luca Reggiani (18,… pic.twitter.com/hLQ9MjoBHV
Potenzialeinschätzung 8 / 10
Prates besitzt das Profil eines Spielers, der langfristig auf höchstem Niveau bestehen kann. Lars Ricken nannte ihn „einen extrem spannenden Spieler“ und „einen der talentiertesten Spieler Südamerikas“. Mit seiner Physis, dem Tempo und der Vielseitigkeit kann er in verschiedenen Systemen Niko Kovačs eine Rolle finden. Die Fähigkeit, sowohl offensiv Breite zu geben als auch defensiv stabil zu stehen, passt zum modernen Anforderungsprofil eines Außenverteidigers.
Ich würde daher sein Potenzial bei 8 bis 8,5 von 10 ansetzen. Das ist bewusst hoch, aber nicht maximal. Prates bringt mit 18 schon die Mischung mit, die europäische Topklubs bei Außenverteidigern suchen. Dazu kommen eine für sein Alter ungewöhnliche Reife, mentale Stabilität und die Bereitschaft, sich sprachlich und kulturell anzupassen. Das sind keine Selbstverständlichkeiten.
Eine glatte 9 oder 10 würde ich ihm noch nicht geben. Dafür sind die Stichproben noch zu klein, die Feinheiten im Passspiel, in der Flanke und unter Druck sind noch nicht auf Bundesliga-Niveau, und der Sprung von Brasilien nach Dortmund ist enorm. Ob er Stammspieler auf Champions-League-Niveau wird oder „nur“ ein sehr guter, vielseitig einsetzbarer Bundesligaspieler, entscheidet sich in den nächsten zwei bis drei Jahren.
Kurz: Das Talent reicht für eine Karriere als einer der besten Linksverteidiger seiner Generation. Ob er das auch erreicht, hängt weniger vom Körper als von der Anpassung, der Konstanz, der Entscheidungsqualität und der Förderung durch BVB-Coach Niko Kovac ab.
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