18+ | Spiele mit Verantwortung | Es gelten die AGB | Glücksspiel kann süchtig machen | Wir erhalten Provisionen von den aufgeführten Wettanbietern

Kickfieber Sascha
Was macht eigentlich Tobias Rau

(IMAGO / Hübner)

Was macht eigentlich Tobias Rau?

Er stand mit Oliver Kahn und Michael Ballack in einer Kabine, war deutscher Nationalspieler und gewann mit dem FC Bayern das Double. Mit 27 Jahren beendete Tobias Rau überraschend seine Profikarriere. Heute, 17 Jahre später, hat der 44-Jährige in einer Klasse in Ostwestfalen sein Glück gefunden, welches er bis zu seiner Pension halten möchte.
Sascha Baharian Profile Image
Veröffentlicht: 30 September 2026, 15:49

Das klingt nach der glatten Variante einer „Was macht eigentlich“-Geschichte. Es ist aber die unbequemere: Rau ist nicht Trainer geworden, nicht Experte, nicht Spielerberater. Er ist Studienrat für Biologie und Sport an der Peter-August-Böckstiegel-Gesamtschule in Werther und Borgholzhausen im Kreis Gütersloh. Eine Zweidrittel-Stelle, bewusst so gewählt, damit Raum für Familie bleibt – etwas, das ihm als Profi „so gut wie gar nicht möglich“ war.

Geboren am 31. Dezember 1981 in Braunschweig, durchlief Rau die Jugend der Eintracht, spielte Regionalliga, wechselte 2001 zum VfL Wolfsburg. Innerhalb von zwei Jahren wurde aus dem flinken Linksverteidiger ein Nationalspieler. Am 1. Juni 2003, im ersten Länderspiel der DFB-Elf in Wolfsburg, traf er in der 90. Minute zum 4:1 gegen Kanada. Es blieb sein einziges Tor im Nationaltrikot – und eines der Bilder, an die er sich bis heute zuerst erinnert.

Kurz darauf holte der FC Bayern ihn. Uli Hoeneß hatte ihm ein Lehrjahr versprochen, danach sollte er Bixente Lizarazu beerben. Es kam anders: Verletzungen, Reservistenrolle, 13 Bundesligaspiele in zwei Jahren. Meister und Pokalsieger 2005 war er trotzdem, dazu drei Einsätze in der Champions League. In der Kabine der Stars fühlte er sich trotzdem fehl am Platz. Ihm sei immer wieder gesagt worden, er solle die Ellbogen ausfahren. 

Aber das bin ich nicht, so will ich nicht sein.

Die letzten 4 Jahre im Profifußball

Vier Jahre Arminia Bielefeld folgten, weiter geprägt von Verletzungen. Im Juli 2009, lief sein Vertrag aus, und der Abstieg der Arminen war besiegelt - Rau machte Schluss. Nach 93 Bundesligaspielen, sieben Länderspiele im Alter von 27 Jahren.

Am Ende habe ich den Fußball nicht mehr geliebt.

Die Begründung war damals so ungewöhnlich wie der Schnitt selbst. Rau sprach nicht nur von kaputten Sehnen, sondern von einem System, das ihm die Freude genommen hatte.

Das Fußballgeschäft ist ein Wochengeschäft. Es geht ratzfatz, dann fliegst du. Menschlichkeit”, sagte er später, “hat in dieser Branche wenig zu suchen.

Rudi Völler, sein damaliger Bundestrainer, urteilte über frühe Rücktritte einmal hart: Wer so etwas mache, habe den Fußball nie geliebt. Rau, der sich mit Völler darüber austauschte, widerspricht nur zur Hälfte. Am Ende habe er den Fußball nicht mehr geliebt. Den Kindheitstraum, das Ja. Das Geschäft, das daraus geworden war, nicht.

Wochen später schrieb er sich an der Universität Bielefeld ein: Sport, Pädagogik, Biologie. Das Abitur hatte er. Den Traum vom Lehrerberuf ebenfalls – schon vor der Bundesliga. Hätte er später angefangen, sagte er 2024, wäre der Altersunterschied zu den Kommilitonen zu groß gewesen. 

Hinter der Entscheidung stehe ich auch heute noch zu 100 Prozent.

Der Alltag danach

Referendariat ab 2016 an genau jener Gesamtschule, an der er bis heute unterrichtet. Biologie lag nahe: Leistungskurs in der Schule, dazu Anatomie, Stoffwechsel, Gesundheit – Stoff, den ein Ex-Profi mit Verletzungschronik anders erzählt als ein Lehrbuch. Sport sowieso. 

Die Schüler googeln ihn trotzdem. Die meisten haben ihn nie spielen sehen. 93 Bundesligaspiele und das Bayern-Double reichen, damit sie besser zuhören. Rau nimmt das hin, ohne es zur Show zu machen.

Was ihn am Beruf hält, formulierte er im Sommer 2025 für die Serie „Nachspielzeit“ der Bundesliga so: den ganzen Tag mit jungen Menschen arbeiten, selbst jung im Kopf bleiben, eine Schule, in der Respekt zählt. Und der Satz, der wie ein Gegenentwurf zur Kabinenhierarchie klingt: 

Hier wird man nicht nach Geld, Status oder Leistung beurteilt, sondern nur danach, was für ein Mensch man ist.

Druck kennt er anders. Als Profi war es ihm vorgekommen, als sei er „jeden Tag an eine Steckdose angeschlossen“. Dieses Gefühl habe er nicht mehr. Die Sommerpause mit Laktattests und dreimal Training am Tag sei die größte Qual gewesen. Der erste Schultag nach den Ferien? „Eine echte Wohltat.“ Auch wenn manch Kollege das anders sehe.

Zwischen Familie und Kreisliga

Während des Studiums lernte der Ex-Bayernprofi seine Frau Lara kennen, ebenfalls Lehrerin. 2018 kam Sohn Bela zur Welt; später sprach Rau von zwei Söhnen. Den Sechsjährigen beschrieb er 2025 als Kind, das Fußball noch so liebt, wie er selbst ihn einmal geliebt hat – bevor Überlastung und Druck den Spaß auffraßen. Ob der Junge in die Fußstapfen treten soll? „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.“ Unterstützen ja. Die Untiefen des Berufs kenne er zu gut.

Den Ball hat er nicht ganz weggestellt. Von 2012 bis 2018 kickte er beim TV Neuenkirchen in der Kreisliga, 46 Spiele, 30 Tore – der Linksverteidiger als Torschütze, weit weg von der Allianz Arena. Von 2018 bis 2021 saß er im Aufsichtsrat von Eintracht Braunschweig, seinem Heimatklub. Die Vereinspolitik unterschätzte er, wie er später einräumte. 

Der DFB holt ihn gelegentlich für Projekte, die Schule und Fußball verbinden. Mehr will er davon nicht machen. Das Grundkonzept bleibe die Schule, bis zur Pension. 

Vermisst er die 50.000 im Stadion? Die Erinnerung ja. Das Gefühl nicht. 

Ich habe schon als Fußballer keine Bühne benötigt und jetzt brauche ich sie erst recht nicht.

Warum die Geschichte trägt

Raus zweites Leben ist kein Märchen vom Abstieg. Es ist eine Entscheidung gegen ein System, das Leistung über Charakter stellt – und eine für einen Beruf, in dem genau das Gegenteil gilt. Viele Ex-Profis bleiben im Fußball, weil sie nichts anderes kennen. Rau kannte etwas anderes, bevor der Fußball ihn ganz hatte: den Wunsch, Lehrer zu sein.

In Werther unterrichtet er Gelenke und Fitness, Jahrgangsturniere und Oberstufe. Manchmal fragt ein talentierter Jugendspieler um Rat. Dann rät der Mann mit den sieben Länderspielen nicht ab vom Traum – aber entschieden davon, für diesen Traum die Schule hinzuwerfen. Die Chance, wirklich Profi zu werden, sei gering. Talentierter als er seien viele gewesen. Geschafft hätten sie es trotzdem nicht.

Das ist, 17 Jahre nach dem Schnitt, keine Nostalgie. Es ist ein Mann, der den Satz „Ich bin jetzt Lehrer – und das macht mich einfach glücklich“ nicht als Pointe sagt, sondern weil er es wirklich fühlt... 

Analyse Juergen Klopp Joshua Kimmich Deutschland

(IMAGO / Sven Simon)

Nach Oranje-Remis | Das sind Klopps taktische Baustellen

Bei Jürgen Klopps Debüt gegen die Niederlande beim Nations League-Auftakt zeigte die deutsche Nationalmannschaft viele gute Ansätze, aber auch Schatten an denen es in den nächsten Wochen zu arbeiten gilt. Diese Schwachstellen wollen wir euch in dieser taktischen Analyse genauer veranschaulichen.
Sascha Baharian Profile Image
Veröffentlicht: 26 September 2026, 17:21

Klopps Taktik gegen Oranje war kein fertiges System, sondern ein Crashkurs. In Amsterdam zeigte Deutschland in der ersten Stunde das gewünschte Gesicht – hoch, lebendig, ballorientiert – und danach genau die Lücken, die nach zwei Trainingseinheiten unvermeidlich sind: fehlende Automatismen, zu wenig Kontrolle im Zentrum, eine Restverteidigung, die den Ausgleich in der Nachspielzeit nicht mehr verhindert.

Das Ergebnis 1:1 (Nmecha 32., Gakpo 90.+2) war taktisch gerechter als ein Sieg. Es waren auch die ersten wichtigen Informationen für Klopps DFB-Projekt.

Grundordnung: 4-3-3 mit Kimmich als Anker

Klopp schickte keine Dreierkette, sondern eine klassische Viererkette plus Dreier-Mittelfeld auf das heilige Grün in Amsterdam. Die Startelf nach Musialas Ausfall im Aufwärmen: ter Stegen – Treu, Tah, Schlotterbeck, Brown – Kimmich – Nmecha, Amiri – Schade, Havertz, Adeyemi.

Die Grundformation schwankte zwischen einem 4-3-3 und 4-1-4-1, je nach Phase. Praktisch war Kimmich der alleinige Sechser: Absichern, abfangen, den ersten Pass progressiv nach vorn. Nmecha und Amiri sollten davor laufen, anlaufen und zweite Bälle gewinnen. Die Flügel waren bewusst auf Tempo gesetzt: Schade rechts, Adeyemi links, Havertz als falsche Neun in der Spitze.

Das ist Liverpool-DNA ohne Reds-Personal. Klopp wollte kein “Positionsfetisch”, sondern zonen-orientiertes Spiel: Ballgewinn in einer Zone, in der der nächste Pass wehtut – dann sofort nach vorn, bevor der gegnerische Block sich wieder formieren kann.

Die Außenverteidiger - breit, und nicht invers

Ein klarer Bruch zu Nagelsmann. Die Außenverteidiger sollten klassisch breit stehen und weniger am Spielaufbau teilnehmen. Das kam Philipp Treu entgegen: Der Freiburger Debütant ackerte gegen Gakpo, stieß immer wieder nach vorne und flankte vor dem 1:0 scharf nach innen. Nathaniel Brown auf links rückte später mit auf, unter anderem bei Adeyemis Großchance.

Vorteil: Breite und Hinterlaufen ohne komplizierte Invertierung. Risiko: Wenn der erste Pressingzug scheitert, fehlt oft ein extra Mann der den Aufbau im Zentrum zusätzlich stören kann – und ter Stegen muss als Libero herhalten.

Pressing - Handzeichen, Trigger, Vokabeln

Das virale Bild des Abends war kein Zufall: Ein Wink von Klopps Hand, und die komplette Mannschaft läuft an – ausgelöst bei einem Rückpass vom Außen- auf den Innenverteidiger. Das ist Klopps Sprache: Pressingauslöser statt Mannorientierung, kollektiv statt einzeln.

In den ersten Minuten funktionierte das. Innerhalb von zwei Minuten eroberte Deutschland den Ball hoch und kam zu Chancen. Kimmich analysierte nach der intensiven Partie: 
 

Speziell am Anfang sind wir gut ins Pressing gekommen, mit starken Ballgewinnen.” Klopp selbst zählte Gegenpressing-Szenen – „ich würde gerne viel mehr sehen, aber es waren welche dabei.

Danach wurde es unruhig. Ohne eingespielte fünf-Sekunden-Reaktion nach Ballverlust kippte das Spiel vom organisierten Druck ins „zu wilde“ Nachsetzen. Genau das hatte Klopp vorab in Kauf genommen: Es dürfe wild sein, es müsse nur lebendig sein. Gegen Xavis Niederlande reichte Lebendigkeit eine Stunde – aber nicht 93 Minuten.

Warum Oranje das Zentrum gewann

Xavi stellte kein reines Tiki-Taka auf. Brobbey war in Halbzeit eins der Zielspieler bei Oranje: Rücken zum Tor, abschirmen, Mitspieler aufrücken lassen. Ein abgepfiffenes Tor nach Gerangel mit ter Stegen zeigte, wie physisch Oranje den Sechzehner besetzte. Nach Brobbeys Verletzung kamen die Holländer mehr über die Halbräume und die Außen, um Deutschland aus der Kompaktheit zu ziehen.

Das gelang zunehmend nach der Pause. Das niederländische Mittelfeld (Gravenberch, Timber/Veerman, Reijnders) eroberte das mittlere Drittel durch Physis und dem Gewinn der zweiten Bälle. Deutschland verlor zu viele Zweikämpfe im Zentrum, während Tah in Boden-Duellen blass blieb. Als Klopp umstellte – Stach und Führich nach 64 Minuten, später Engelhardt und Gnabry – fehlte zwar die taktische Struktur, aber nicht der Wille.

Das 1:0 selbst war Klopp-typisch und zugleich unsauber: Kimmich findet Treu, Hereingabe, Abpraller, Nmecha aus sechs Metern. Kein kunstvolles Kombinationsspiel, sondern Zugriff plus Abschlussgier. Die großen Konter danach – vor allem Adeyemi – wurden nicht belohnt. Wer Chancen so liegen lässt, muss hinten perfekt stehen. Das tat Deutschland nicht. 22 gegnerische Abschlüsse, zehn aufs Tor: zu viel für eine Führung, die gehalten werden sollte.

Das 1:1 als Lehrstück der Restverteidigung

Gakpos Ausgleich nach "trivela-artiger" Hereingabe von Ruben van Bommel war kein Betriebsunfall, sondern die logische Konsequenz. Klopps Mannen ließen sich zu sehr hinten rein drängen, spielten zu wenig Fußball, und verschaffte sich selbst Arbeit. In der Fehlerkette steckten Ballverluste und zu spätes Verschieben – Treu war mittendrin, nachdem zuvor schon Gnabry den Ball verloren hatte. 

Klopps eigene Hierarchie ist hier eindeutig: Wer nur offensiv denkt, wird defensiv getötet. Defensive Stabilität sei das “Trampolin”. Gegen Oranje war das Netz noch nicht gespannt. Ballorientiertes Verteidigen braucht geringe Abstände, die nach zwei Einheiten nur „erlernt“ sind – wie Vokabeln am Prüfungsmorgen.

Was bleibt als Taktik-Fazit?

Sascha Baharian
Sascha Baharian

Was meiner Meinung schon Klopp war? Das Tempo über die Flügel, Kimmich als Fixpunkt im Zentrum, breite Außenverteidiger, sichtbare Pressingtrigger, eine Mannschaft, die zusammenhält und kämpft und nicht mehr mit der Aggressivität des Gegners überfordert ist.

Was Klopp noch vermitteln muss? Ein Gegenpressing als wiederkehrender Reflex statt als endende Episode, konstante positive Zweikampfquote im Mittelfeld, mehr Ruhe nach überstandenem Pressing, und die Fähigkeit, eine Führung nicht nur zu verteidigen, sondern durch Ballbesitz zu verwalten. Internationaler Fußball bestraft diese fehlenden Prozesse härter als manch Topliga.

Gegen das talentierte Griechenland in Augsburg wird sich zeigen, ob die "Vokabeln" im zweiten Anlauf besser sitzen oder erneut "nachgeschlagen" werden müssen. Die Idee hängt nicht an Havertz oder Treu, sondern daran, ob elf Spieler dieselben Auslöser sehen – auch ohne Handzeichen von der Trainerbank.

Spieleranalyse Floyd Samba Manchester City

(IMAGO / Pro Sports Images)

Floyd Samba auf den Spuren des Vaters | Das ist Deutschlands neues U19-Wunderkind

Ein Debüt mit zwei Toren im Etihad, ein Vater, der einst in Parks schlief, und ein 17-Jähriger, dem die englische Presse schon den Sternenhimmel verspricht: Floyd Samba (17) wirkt wie ein fertiger Profi, und wurde nun für die deutsche U19-Nationalmannschaft nominiert. Genau deshalb wollen wir einen Blick darauf werfen, welche Stärken er mitbringt und wo es noch Entwicklungsfelder gibt.
Sascha Baharian Profile Image
Veröffentlicht: 24 September 2026, 12:51

Floyd Samba ist gerade erst 17 Jahre alt, und schon titelt die englische Presse mit Überschriften wie „Ein neuer Star ist geboren“ über den Teenie. Beim 5:0 von Manchester City gegen Norwich City im Ligapokal am 17. September 2026 traf der Mittelfeldspieler in seinem ersten Profispiel gleich doppelt, einmal per Kopf nach 29 Minuten, einmal mit einem Schlenzer aus rund zwölf Metern.

So ein Debüt ist einfach umwerfend. Ich konnte es kaum glauben“, sagte er hinterher, um sogleich hinzuzufügen, das sei „erst der Anfang, ich habe eine große Karriere vor mir.

Vom Nachwuchs der Citizens zum Debüt unter Maresca

Geboren am 15. Januar 2009 in Macclesfield, kam Samba bereits als U9-Spieler zur Academy von Manchester City und durchlief dort fast ein Jahrzehnt lang alle Jahrgänge. In der Saison 2024/25 schnupperte er noch überwiegend als Einwechselspieler bei den U18 in die höhere Altersklasse, die den Titel in der Under-18 Premier League North holte.

Ein Jahr später war er festes Mitglied fast jeder Nachwuchself: 24 Einsätze über sechs Wettbewerbe hinweg, 17 Tore und sechs Vorlagen, darunter ein Hattrick beim 6:1 der U21 gegen Stoke in der Premier League 2 und jener Freistoß, der im Mai 2026 das FA-Youth-Cup-Finale gegen Manchester United (2:1) entschied.

Enzo Maresca holte ihn in die Vorbereitung nach Asien, testete ihn kurz vor dem Norwich-Spiel als falscher Neuner und ließ ihn 90 Minuten durchspielen. Der Trainer betonte hinterher, Samba sei „kein Neuner“, aber jung, voller Energie, stark, abschlussstark und in der Lage, gute Entscheidungen zu treffen. Man müsse mit solchen Spielern langsam vorgehen.

Spielerprofil - Der flexible Offensiv-Achter

Samba selbst sieht sich als Box-to-Box-Spieler. Sein Idol ist Paul Pogba: 

Die Art, wie er spielt, ich versuche, so souverän zu sein wie er. Seine Qualität, die Technik, alles ist top. Und er ist auch groß, wie ich.

Mit 1,83 Metern bringt er für einen zentralen Mittelfeldspieler ungewöhnliche Größe und Körperlichkeit mit, die er schon im Jugendbereich nutzte, um Bälle zwischen den Linien anzunehmen, den Körper vor den Gegner zu stellen und unter Druck den Ball zu sichern.

Samba glänzt beim Empfangen des Balles durch eine stabile Körperhaltung, intelligente Laufwege in die Halbräume und die Fähigkeit, nach einer guten ersten Berührung scharf die Richtung zu ändern. Dazu kommt ein Auge für den Abschluss: Freistöße, Kopfballstärke und jener Schlenzer gegen Norwich, der nicht nach einem "Debütanten-Ball" aussah. 

Wenn kein Mitspieler frei ist, trägt er den Ball einfach selbst in gefährliche Zonen. Maresca und die Academy-Trainer heben zudem seine Ruhe am Ball und das Kombinationsspiel hervor, etwa die Ablage mit dem Rücken zum Tor, die gegen Norwich zum 2:0 beitrug. Darüber hinaus gehörte er über sämtliche Distanzen in Bezug auf sein Passspiel in der Premier League 2 zur Elite der Liga.

Die Entwicklungsfelder

Die Schwächen liegen weniger im sichtbaren Talent als in der noch unvollendeten Anpassung an den Seniorenfußball. Samba wächst noch, muss seinen Körper noch besser einsetzen, um Gegner wegzudrängen und den Ball gegen gleich starke Erwachsene zu schützen. Die physische Überlegenheit, die ihm gegen Gleichaltrige oft den Weg ebnet, wird auf Premier-League-Niveau schwinden; dann muss die Technik und das Entscheidungstempo noch präziser greifen.

Verletzungen durch Wachstumsschübe haben ihn in früheren Phasen schon ausgebremst, und U21-Coach Ben Wilkinson merkte an, Samba sei oft hart zu sich selbst, denn im zentralen Mittelfeld von City herrscht enorme Konkurrenz. Dass Maresca ihn gegen Norwich als Mittelstürmer aufbot, weil er dort noch nie regelmäßig gespielt hatte, zeigt zugleich seine Flexibilität. Ein einzelnes Pokalspiel gegen einen Zweitligisten mit zehn Wechseln bleibt ein Highlight, jedoch kein Beweis für Beständigkeit über 38 Liga-Spieltage.

Darüber hinaus muss er defensiv noch zu legen, denn für einen Box-to-Box-Spieler ist er im defensiven Zweikampf, sowohl in der Luft als auch am Boden noch zu schwach. Zudem fängt er noch zu wenig Pässe des Gegners ab, was selbst auf U21-Niveau noch deutlich Luft nach oben hatte.

Privater Hintergrund, Charakter & Mentalität

Der private Hintergrund erklärt viel von der Haltung, mit der Samba auf dem Platz steht. Vater Christopher Samba, in Paris geboren, kongolesischer Nationalspieler und langjähriger Premier-League-Innenverteidiger bei Blackburn und den Queens Park Rangers, verlor seine Mutter als 5-jähriges Kind. Mit 15 verließ er nach Streit mit dem Vater das Haus in Rouen, schlief Monate in Parks und auf der Tribüne des Stadions, trainierte tagsüber und tat so, als gehe er abends nach Hause.  

Später jobbte er als Lieferfahrer, brach sich das Wadenbein, wurde abgeschrieben und fand über die Nationalmannschaft der Republik Kongo den Weg zurück. Floyd sagt offen, dass sein eigener Weg „viel einfacher“ gewesen sei:

Er musste viel opfern. Es war viel härter für ihn als für uns. 

Gleichzeitig sieht er darin einen Vorteil: Der Vater wisse, wie man mit Rückschlägen umgeht. Nach dem Spiel habe Christopher ihm gesagt, er sei stolz, aber es sei nur der Anfang, er müsse jetzt stark weitermachen.

Die Mutter Theresa, Deutsche, fuhr die Söhne jahrelang täglich zum Training. Floyd nennt sie ausdrücklich: Sie habe alles geopfert, tue das noch immer für den jüngsten Bruder Emerson, zwölf Jahre alt und ebenfalls in der City-Academy, und sei „der größte Fan von uns allen“. Mit dem älteren Bruder Tyrone, der denselben Weg durch die Jugend geht, und Emerson spielte er im Garten so verbissen, dass es regelmäßig Streit gab. 

Die Familie, drei Brüder unter einem Club Dach, stützt sich gegenseitig, wenn es schlecht läuft, und gönnt sich den Erfolg. Diese Mischung aus dem Wissen um den harten Aufstieg des Vaters und der alltäglichen, unspektakulären Fürsorge der Mutter formt eine Mentalität, die weder naiv noch verbissen wirkt: 

Samba wirkte gegen Norwich nicht nervös, sobald er auf dem Platz stand. Der Druck war nur vorher da, sagte er. Die Ruhe, die Pogba-Vergleiche und die Fähigkeit, in ungewohnter Rolle zwei Tore zu machen, passen zu einem Jungen, der den Kontrast zwischen Parkbank und Etihad kennt, ohne ihn selbst durchlebt zu haben.

Potenzialeinschätzung: 8,5 / 10

Sascha Baharian
Sascha Baharian

Auf einer Skala von 1 bis 10 setze ich Floyd Sambas Potenzial bei einer 8,5 an. Das ist kein Freifahrtschein zur Weltklasse, sondern die Einschätzung eines 17-Jährigen, der Größe, Technik, Abschlussqualität und eine ungewöhnliche innere Ruhe schon jetzt so verbindet, dass der Sprung in den Profifußball nicht mehr wie ein Traum wirkt, sondern wie eine Frage der Dosierung.

Wer mit 17 im Etihad in ungewohnter Rolle doppelt trifft, Freistöße entscheidet und dabei so selbstverständlich wirkt, besitzt die Substanz für eine lange Premier-League-Karriere und für eine Nationalmannschaft, egal ob später Deutschland, Frankreich oder England.

Die fehlenden eineinhalb Punkte liegen nicht am Talent, sondern an dem, was noch unbewiesen ist: Beständigkeit gegen gleich starke Erwachsene, eine klare Stammposition im überfüllten City-Mittelfeld und der Umgang mit dem Moment, in dem die körperliche Überlegenheit gegen Jugendliche wegfällt. Wenn City ihn nicht verheizt und er seine Physis weiter aufbaut, kann aus der 8,5 auch eine glatte 9 werden.  

Analyse Juergen Klopp Deutschland Nations League 2026

(IMAGO / MIS)

Nations League | Deutschlands Gruppe Selbstläufer oder Fallstrick?

Es steht der absolute Neustart unter dem frischgebackenen Bundestrainer Jürgen Klopp an. Die ersten Duelle werden im Rahmen der Nations League geführt, weshalb wir uns die Gruppe des vierfachen Weltmeisters genauer anschauen wollen. Ist die Gruppe machbar für Klopps Mannen oder lauern in dem ein oder anderen Gegner Fallstricke?
Sascha Baharian Profile Image
Veröffentlicht: 24 September 2026, 12:36

Gruppe A2 wirkt auf den ersten Blick fair: Deutschland und die Niederlande als Favoriten, Serbien als physischer Störenfried, Griechenland als Aufsteiger in Liga A. Genau diese Sortierung verführt zum Leichtsinn. 

Nach dem frühen WM-Aus und dem Start unter Jürgen Klopp entscheidet nicht der Name auf dem Papier, sondern wer gegen drei sehr unterschiedliche Gegner Punkte holt. Die ersten beiden Plätze führen ins Viertelfinale, Platz drei in die Relegation, Platz vier in Liga B. Spielraum gibt es wenig.

Die Jungs haben alle Lust, also dementsprechend empfinden wir Aufbruchsstimmung, verriet Trainer Jürgen Klopp bei der letzten PK.

Niederlande - der direkte Konkurrent

Trainer Xavi Hernández beginnt seine Amtszeit parallel zu Klopp. 

Ich kenne mehr Spieler von Holland persönlich als Xavi. Ob das ein Vorteil ist, weiß ich nicht. ein Fakt ist es trotzdem, sagte Klopp.

Oranje bleibt defensiv um Kapitän Virgil van Dijk gebaut – Führungsspieler, Abwehrboss, Taktgeber. Daneben stehen moderne, schnelle Verteidiger wie Jurriën Timber, Jan Paul van Hecke, Jorrel Hato und Außenbahnspieler wie Denzel Dumfries oder Jeremie Frimpong. Das ist keine alte Garde, sondern eine Abwehr, die hochsteht und Umschaltmomente sucht.

Im Mittelfeld sind Tijjani Reijnders und Ryan Gravenberch die zentralen Taktgeber: Tempo, Passqualität, Pressing-Resistenz. Vorne bleibt Cody Gakpo die gefährlichste Konstante, dazu kommen Noa Lang, Brian Brobbey und je nach Verfügbarkeit weitere Flügelspieler. 

Memphis Depay fehlt im Kader, Malen und Kluivert sind angeschlagen – trotzdem bleibt die Offensive variabel genug, um Deutschland in Amsterdam und später daheim zu fordern. Wer gegen die Niederlande unentschieden spielt, hat noch nichts gewonnen. Wer verliert, spielt den Rest der Gruppe unter enormen Druck.

Worauf es ankommt: zweite Bälle gegen van Dijk, Breite gegen Dumfries/Frimpong, und im Zentrum gerade über den defensiv anfälligen Reijnders Angriffe einzuleiten.

Serbien - Physis, Standards, Zielspieler

Serbien hat die WM verpasst und wird deshalb unterschätzt. Das Team von Veljko Paunović (49) bleibt aber genau der Gegnertyp, an dem deutsche Mannschaften oft Probleme offenbaren: kompakt, zweikampfstark, physisch und ein schnörkelloses Spiel nach vorn.

In der Innenverteidigung ragen Strahinja Pavlović (AC Mailand) und Nikola Milenković heraus – groß, dominant in der Luft, unangenehm bei Standards. Auf den Außenbahnen können Filip Kostić oder jüngere Vollstrecker wie Kosta Nedeljković Breite und Flanken bringen. Im Mittelfeld bleiben Routiniers wie Sergej Milinković-Savić und Saša Lukić wichtig, dazu kommt mit Lazar Samardžić ein Spieler, der Tempo ins letzte Drittel bringt und mit einem Dribbling für Überraschungsmomente sorgen kann. 

Vorne entscheidet das physische Duo Aleksandar Mitrović und Dušan Vlahović. Mitrović ist der klassische Zielspieler: Zweikämpfe, Ablagen, Strafraumpräsenz. Vlahović ist der beweglichere Part, und dazu mit bereits 5 Ligatoren in Topform. Dazu Ex-SGE-Stürmer Luka Jović der in der letzten Saison für AEK Athen 21 Tore erzielte. Die Partie in Belgrad, ausgetragen im November wird laut, eng und physisch. Am 1. Oktober in München muss Deutschland deshalb als Pflichtsieg behandeln – nicht als Selbstverständlichkeit.

Worauf es ankommt: Ein schnelles Umschalten und das schwache Stellungsspiel von Strahinja Pavlović in der Viererkette auszunutzen. Zudem wird es auch elementar wichtig sein den physisch starken Mitrović früh vom Ball zu trennen, damit er seine Rolle als Zielspieler nicht erfüllen kann.

Griechenland - neu in Liga A, aber kein Sparringspartner

Griechenland spielt erstmals in der höchsten Nations-League-Liga. Trainer Ivan Jovanović (64) sagt offen, das Ziel sei der Klassenerhalt. Das klingt bescheiden, beschreibt aber den Spielplan: kompakt stehen, Umschalten, Standards. Genau das unangenehme Profil, mit dem Deutschland bei der WM mit Paraguay nicht klarkommen konnte.

Hinten organisieren Konstantinos Mavropanos (West Ham) und Konstantinos Koulierakis (AS Rom) die Zentrale, Kostas Tsimikas (Liverpool) bringt auf links Offensivdrang und Flankenqualität. Im Mittelfeld/Angriff sind die Schlüsselspieler klarer als der Außenseiterstatus vermuten lässt: 

Vangelis Pavlidis (Benfica) als Mittelstürmer mit Abschluss und stark mit Rücken zum Tor, Christos Tzolis (Arsenal) als dynamischer Flügel, Konstantinos Karetsas (BVB) als junger Kreativspieler und Dribbelkünstler.

Augsburg am 27. September darf kein „muss reichen“-Spiel werden. Thessaloniki am 4. Oktober wird enger, lauter und wahrscheinlich standardlastiger. Wer dort nur auf Ballbesitz setzt und keine Breite respektive ein schnelles Kombinationsspiel findet, verschenkt Punkte an einen Gegner, der genau darauf wartet.

Worauf es ankommt: Geduld gegen den tiefstehenden Block, Außenbahn gegen Tsimikas, und Spieler wie Tzolis und Karetsas im Umschaltmoment zu isolieren und direkt bei der Ballannahme aggressiv zu stören.

Prognose

Sascha Baharian
Sascha Baharian

Die Gruppe ist lösbar, weil Deutschland und die Niederlande die breiteste Qualität haben. Sie ist jedoch kein Selbstläufer, weil jeder Gegner eine andere Baustelle öffnet: Oranje über Tempo und Struktur, Serbien über Körper und Zielspieler, Griechenland über Kompaktheit und Konter.

Klopp hat zwei Kader nominiert und viele neue Gesichter geholt. Das hilft nur, wenn die Mannschaft die jeweiligen Schlüsselspieler der Gegner konkret zustellt. Schnelle Kombinationen und Automatismen werden sehr wahrscheinlich aufgrund der vielen neuen Gesichter schwer umzusetzen sein.

Daher gehe ich davon aus, dass die Niederlande und Deutschland um Platz 1 spielen, während Griechenland den dritten Rang belegen wird. Serbien wird aufgrund der zu schwachen Defensive auf Platz vier landen. Der erste Maßstab kommt für Klopps Mannen in Amsterdam. Danach zeigt sich schnell, ob A2 nur auf dem Papier machbar war.

Analyse Younes Ebnoutalib Eintracht Frankfurt Deutschland

(IMAGO / Contrast)

Klopps Überraschungspaar | Warum Ebnoutalib und Keidel ins DFB-Team passen

Jürgen Klopp hat seinen ersten DFB-Kader nicht als Bestenliste der etablierten Namen aufgestellt, sondern als ausführliche Sichtung. 44 Spieler, zwei Staffeln, 16 Debütanten: Nach dem frühen WM-Aus in diesem Sommer sucht der neue Bundestrainer gezielt nach Charakter, Intensität und ungewöhnlichen Biografien. In diesem Licht sind Younes Ebnoutalib (23) und Felix Keidel (23) keine Zufallstreffer. Sie stehen für denselben Gedanken – nur an unterschiedlichen Stellen des Feldes. Doch was macht sie so interessant für Klopp?
Sascha Baharian Profile Image
Veröffentlicht: 18 September 2026, 11:45

Der Stürmer, den niemand auf dem Zettel hatte

Der 23-jährige Younes Ebnoutalib kickte vor zwei Jahren noch er in der Regionalliga bei Gießen. Dazwischen lag ein gescheiterter Italien-Versuch bei Perugia, dann der Sprung zu Elversberg. In der 2. Liga explodierte er: zwölf Tore in 17 Hinrundenspielen, Torschützenkönig der ersten Saisonhälfte, physisch und mental ein Spieler, der Spiele öffnet. Im Winter 2025/26 holte ihn Eintracht Frankfurt für rund acht Millionen Euro nach Hause.

Bei der SGE ist er kein reiner Bankdrücker-Joker. Er ist Zielspieler und Tiefenläufer zugleich: bindet Innenverteidiger, arbeitet gegen den Ball, hat ein Gespür dafür, wann er sich löst. Der Dreierpack zum Saisonauftakt bei Union Berlin (3:3) war die Visitenkarte. Klopp selbst brachte es auf den Punkt: Als er Ebnoutalib zum ersten Mal im Eintracht-Trikot sah, habe er sich gefragt:

„Wo haben die den denn her?“ Im Trainerstab habe es „keine Diskussion“ gegeben. „Seine Art zu spielen, seine Bereitschaft, seine Intelligenz, immer da zu sein.“ Er sei „ein Buch, das man gerne lesen würde“.

Genau das ist der Mehrwert für die Nationalmannschaft. Deutschland hat unter Nagelsmann oft einen Stürmer vom Typ Havertz gebraucht – intelligent, verbindend, aber nicht immer die physische Spitze. Ebnoutalib bringt Größe, Tempo (Höchstwerte um 35 km/h!) und Abschlussinstinkt mit. Er kann als klassische Neun dienen, aber auch als zweiter Stürmer neben Burkardt oder Havertz Räume aufreißen.

Dazu kommt die Geschichte: ein Late Bloomer mit Hunger, der sich nach Umwegen und einer parallelen Nominierung durch Marokko bewusst für den DFB entschieden hat – nachdem Klopp persönlich im Frankfurter Trainingszentrum mit ihm gesprochen hatte. Für einen Neuaufbau ist das Gold wert: Identifikation, Demut und der Wille, nichts als selbstverständlich zu nehmen.

Der Allrounder vom Dorfclub

Felix Keidel ist die noch größere Überraschung. Nach 13 Jahren beim FC Ingolstadt wechselte der 23-jährige Mittelfeldspieler im Sommer 2025 für eine Ablöse von rund 400 Tausend Euro nach Elversberg. Mit den Saarländern stieg er sofort in die höchste deutsche Spielklasse auf. In der Bundesliga stand er in den ersten drei Spielen in der Startelf – und traf per Freistoß gegen Gladbach.

Nie ein DFB-Jugendspiel, nie auf dem großen Radar. Jetzt der erste Elversberger der Vereinsgeschichte in der A-Nationalmannschaft. 

Seine Vereinsrolle erklärt die Nominierung besser als jede Statistik. In Ingolstadt war er das Eigengewächs, das überall funktionierte: Rechtsverteidiger, Linksverteidiger, zentrales und sogar offensives Mittelfeld. Bei Elversberg begann er als Außenverteidiger, steht in dieser Saison im defensiven Mittelfeld neben Lukasz Poreba. Trainer Vincent Wagner schätzt dessen Ausdauer, Zweikampfstärke und Übersicht. Keidel selbst sagt:

Die Position ist mir egal, ich suche den Weg zum Tor! 

Freistöße, Flanken, Laufleistung – ein Spieler, der Lücken schließt, statt eine einzige Position zu besetzen. Für Klopp ist das die klassische Allzweckwaffe die bei jedem Turnier bei verletzungsbedingten Ausfällen besonders wertvoll werden und dem ehemaligen Liverpool-Coach aufgrund der taktischen Flexibilität ein besseres Ingame-Coaching ermöglichen.

Gegenpressing lebt von Spielern, die umschalten, laufen und mehrere Rollen verstehen. Deutschland hat seit Jahren eine Baustelle auf der rechten Abwehrseite: Nach Philipp Lahm und Kimmichs Verschiebung ins Zentrum experimentierten Flick und Nagelsmann mit Henrichs, Baku, Vagnoman – ohne dauerhafte Lösung.

Keidel ist kein fertiger Stammspieler auf höchstem Niveau. Er ist aber eine Option, die Klopp in der Breite testen kann: als rechter Verteidiger, als Sechser, als Flex-Spieler in einem System, das Intensität verlangt. In einem 44-Mann-Kader, der bewusst keine A- und B-Elf sein soll, ist genau diese Flexibilität der Punkt.

Was beide verbindet und was Klopp sucht

Beide Wege führen über Elversberg. Der Aufsteiger aus dem Saarland wird plötzlich zum Talentlieferanten: Ebnoutalib ging weiter nach Frankfurt, Bambasé Conté nach Hoffenheim, Nick Woltemade sogar nach Turin – und Keidel bleibt und wird trotzdem nominiert. Das ist kein romantisches Dorfclub-Märchen, sondern ein Hinweis auf Klopps Auswahlkriterium: nicht der Verein, sondern das, was der Spieler auf dem Platz macht und wie er geworden ist.

Klopp hat gesagt, er habe nicht geschaut, was fehlt, sondern was da ist.

Uns ist ganz, ganz viel Talent ins Auge gesprungen.

Ebnoutalib und Keidel stehen für den Teil dieser Sichtung, der jenseits der üblichen Bayern-, Dortmund- und Leipzig-Schiene liegt.

Der eine bringt eine physische, schlaue Mittelstürmer-Alternative und hat sich in einem Zweikampf der Verbände für Deutschland entschieden. Der andere bringt Laufbereitschaft, Variabilität und die Mentalität eines Spielers, der den Weg von der 3. Liga in drei Jahren bis zur Nationalelf gegangen ist. Beides passt zu einem Trainer, der Mannschaften über Intensität und Persönlichkeit formt – und der nach einem WM-Debakel bewusst neue Gesichter ins Training holt, statt nur die alte Hierarchie zu bestätigen.

Ob daraus Stammplätze werden, entscheidet nicht die Nominierung. Ebnoutalib muss in Frankfurt konstant treffen und darf nicht wieder zum Systemopfer werden. Keidel muss zeigen, dass Bundesliga-Startelf und Nations-League-Niveau nicht zwei verschiedene Welten sind. Aber als Signal ist die Berufung klar: Klopp will Spieler, die etwas durchgemacht haben, die mehrere Rollen können und die noch nicht glauben, sie gehörten selbstverständlich dazu. In Ebnoutalib und Keidel hat er zwei gefunden, die genau das verkörpern.

Analyse Derry Scherhant SC Freiburg Deutschland

(IMAGO / STEINSIEK.CH)

Darum nominiert Klopp Max Rosenfelder und Derry Scherhant

Unter Klopps 16 Debütanten stehen zwei Namen, die außerhalb des Breisgaus noch erklärt werden müssen: Max Rosenfelder und Derry Scherhant. Beide kommen vom aktuellen Bundesliga-Tabellenführer SC Freiburg. Beide sind erst 23 Jahre jung und haben noch kein A-Länderspiel. Und beide passen ungewöhnlich genau in das Bild, das Klopp von der Nationalmannschaft nach dem WM-Desaster zeichnen möchte.
Sascha Baharian Profile Image
Veröffentlicht: 18 September 2026, 11:45

Warum Freiburg für Klopp kein Randthema ist

Klopp hat das selbst kaum verschleiert. „Mentalität kann man nicht kaufen, aber entwickeln. Die Freiburger haben Mentalität. Das hat auch damit zu tun, wo sie herkommen“, sagte er bei der Kaderpräsentation. Vier Nominierte aus einem Verein, der weder den größten Etat noch die lautesten Namen hat, sind keine Zufallsquote. Sie sind Programm.

Der SC Freiburg steht nach drei Bundesliga-Spieltagen mit 10:1 Toren an der Tabellenspitze, hat alle sechs Pflichtspiele der Saison gewonnen und war im Frühjahr im Finale der Europa League. Julian Schuster hat den Verein nach Christian Streich nicht umgebaut, sondern weiterentwickelt: 

Intensives Anlaufen, klare Rollen, hoher Anteil selbst ausgebildeter oder gezielt integrierter Spieler. Genau das sucht Klopp. Er will Intensität, Flügelspiel im 4-3-3, defensive Stabilität als Voraussetzung für Offensive – und Spieler, die in zwei Jahren Stütze sein können, nicht nur für den nächsten Länderspielzyklus.

Freiburg liefert ihm beides: ein funktionierendes Kollektiv und Typen, die in diesem Kollektiv eine erkennbare Rolle haben. Rosenfelder und Scherhant stehen dabei für zwei unterschiedliche Bausteine derselben Idee.

Max Rosenfelder: Tempo in der Innenverteidigung

Rosenfelder ist Freiburger Eigengewächs, Rechtsfuß, rund 1,87 Meter, Innenverteidiger – und einer der schnellsten Spieler auf dieser Position in der Liga. Der Kicker maß ihn mit 35,91 km/h; schon in der U21 galt er als rasanter, ballsicherer Verteidiger mit Offensivdrang. Julian Schuster hat ihn nicht nur zentral, sondern auch rechts in der Viererkette eingesetzt. Beim 1:0 in Wolfsburg letzte Saison erzielte er dort sein erstes Bundesligator. Schuster beschrieb ihn als Spieler, der Räume überwindet, Gegner bindet und Torgefahr aus der Tiefe erzeugt.

Genau das macht ihn für Klopp interessant. Die DFB-Abwehr nach Neuer und Rüdiger braucht nicht nur Zweikämpfer, sondern Innenverteidiger, die im Aufbau mitspielen und gegen schnelle Konter Schritt halten. Rosenfelder ist kein klassischer Abräumer vom Typ Ginter, den Klopp bewusst nicht nominiert hat. Er ist jünger, schneller, offensiver – und noch formbar. Dass er zuletzt hinter Lienhart und Ginter oft auf der Bank saß, relativiert die Berufung nur auf den ersten Blick. Klopp nominiert nicht die aktuelle Startelf der Liga, sondern Profile mit Zukunft.

Die Einschränkung ist bekannt: Rosenfelders Körper. Patellasehne, Oberschenkel, immer wieder Wochen und Monate ohne Pflichtspiel. In der Saison 2023/24 fiel er komplett aus, 2025/26 bremsten ihn erneut muskuläre Probleme. Nagelsmann hätte ihn nach der U21-EM schon früher berufen wollen. Klopp holt ihn trotzdem – als Wette auf Potenzial und als Signal, dass Belastung, Regeneration und Entwicklung Teil des neuen DFB-Alltags sein sollen. Im ersten Kaderblock gegen die Niederlande und Griechenland bekommt Rosenfelder die Chance, sich im direkten Vergleich mit Tah, Schlotterbeck und Bisseck zu zeigen.

Derry Scherhant - der inverse Flügel, den Klopp sucht

Scherhant kommt den umgekehrten Weg. Geboren in Berlin, ausgebildet bei Hertha BSC, 2025 für rund zwei Millionen Euro nach Freiburg gewechselt. Linksaußen, Rechtsfuß, 1,85 Meter. Ein inverser Flügelstürmer: Er zieht nach innen auf den starken Fuß, sucht das Eins-gegen-eins, hat Zug zum Tor. Tempo, Dribbling und Flair sind seine Stärken, Entscheidungsfindung und Flanken die Entwicklungsfelder. Schuster wollte genau das:

Er kann eben auch diese Intensität gehen, die wichtig für unser Spiel ist.

Der Saisonstart 2026/27 hat die Berufung erzwungen. In sechs Pflichtspielen ein Tor und sechs Vorlagen, Höhepunkt das Conference-League-Hinspiel gegen Motherwell: ein Treffer, zwei Standards, die zu Toren führten. Lucas Höler sagte danach:

Sein feines Füßchen ist gut eingestellt. Er ist supergut drauf und hilft uns gerade brutal.

Scherhant teilt sich die linke Seite weiter mit Vincenzo Grifo, kann aber auch rechts spielen. Das macht ihn für Klopp doppelt nutzbar.

Hinzu kommt die Geschichte, die zum neuen DFB-Narrativ passt. Scherhant hatte erst vor wenigen Tagen im FAZ-Fragebogen Jürgen Klopp als Wunschtrainer genannt: 

Es wäre ein großer Traum, irgendwann einmal unter dem Bundestrainer spielen zu dürfen. 

Wenige Tage später war der Traum da. Klopp hat öffentlich betont, wie sehr den Debütanten die Nominierung bedeutet. Bei Scherhant ist das kein Marketing. Es ist dokumentiert.

Klopp bekommt nicht nur einen motivierten Debütanten, sondern darüber hinaus ein Flügelspieler mit Tempo und Abschlussdrang für das 4-3-3, das der neue Nationaltrainer angekündigt hat. Während etablierte Namen wie Sané und Leweling außen vor bleiben, bringt Scherhant Frische, Laufbereitschaft und eine gewisse defensive Arbeit gegen den Ball – statistisch eine seiner stärkeren Kategorien im Vergleich zu anderen Offensivspielern. 

Er steht im zweiten Kaderblock neben Wirtz, Adeyemi und El Mala. Das ist kein Stammplatz. Es ist ein offener Kampf auf der Position, auf der Deutschland seit Jahren zwischen Genie und Unzuverlässigkeit schwankt. 

Zwei Rollen, eine Botschaft

Rosenfelder und Scherhant sind keine fertigen Nationalspieler. Der eine kämpft mit dem eigenen Körper, der andere muss auf höchstem Niveau noch Konstanz nachweisen. Klopp weiß das. Sein erster Kader ist ausdrücklich kein Endzustand, sondern eine Bestandsaufnahme: 

„Wir haben nicht geguckt, was haben wir nicht, sondern was haben wir." Was er in Freiburg gefunden hat? Beide tragen, genau wie der dritte nominierte Breisgauer Yannik Engelhardt, die Freiburger Alltagsmentalität mit: wenig Starallüren, hohe Trainingsintensität, Bereitschaft, Rollen zu teilen.Ob daraus Länderspiele werden, entscheidet die Nations League. 

Klopp hat den beiden die Tür geöffnet, weil sie in einem funktionierenden Verein klare Aufgaben erfüllen – und weil er nach der WM nicht mehr auf Namen setzen will, sondern auf Charakter und Entwicklungsspielraum. In Freiburg hat er beides gefunden. Die Nominierung erinnert an seine Transferpolitik im ersten Jahr beim BVB, als er aus vielen No-Names eine intensive Meistermannschaft formte.

Sascha

Sascha

@sascha_baharian

Hingebungsvoller Fachmann in Bezug auf den italienischen Fußball und speziell die Serie A 🇮🇹

Wenn es um die Serie A oder im Allgemeinen den Fußball in Italien geht, ist man bei Sascha goldrichtig. Seit Jahren verfolgt er ganz genau die Entwicklungen der höchsten Spielklasse in Italien und weiß mit qualitativ hochwertigen Analysen zu glänzen. Diese könnt Ihr Euch auch jederzeit in seinem eigenen Podcast anhören. Des Weiteren weiß er auch mit seinem Wissen in Sachen Jugendfußball zu überzeugen und ist daher insgesamt ein sehr wertvoller Teil unseres Teams. 

PS: Seit neuestem ist Sascha zudem auch Zertifizierter Scout & Spielanalyst nach IST.