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Kickfieber Sascha
Juergen Klopp und Joshua Kimmich fuer Deutschland im September 2026

(IMAGO / Sven Simon)

Nach Oranje-Remis | Das sind Klopps taktische Baustellen

Bei Jürgen Klopps Debüt gegen die Niederlande beim Nations League-Auftakt zeigte die deutsche Nationalmannschaft viele gute Ansätze, aber auch Schatten an denen es in den nächsten Wochen zu arbeiten gilt. Diese Schwachstellen wollen wir euch in dieser taktischen Analyse genauer veranschaulichen.
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Veröffentlicht: 26 September 2026, 17:21

Klopps Taktik gegen Oranje war kein fertiges System, sondern ein Crashkurs. In Amsterdam zeigte Deutschland in der ersten Stunde das gewünschte Gesicht – hoch, lebendig, ballorientiert – und danach genau die Lücken, die nach zwei Trainingseinheiten unvermeidlich sind: fehlende Automatismen, zu wenig Kontrolle im Zentrum, eine Restverteidigung, die den Ausgleich in der Nachspielzeit nicht mehr verhindert.

Das Ergebnis 1:1 (Nmecha 32., Gakpo 90.+2) war taktisch gerechter als ein Sieg. Es waren auch die ersten wichtigen Informationen für Klopps DFB-Projekt.

Grundordnung: 4-3-3 mit Kimmich als Anker

Klopp schickte keine Dreierkette, sondern eine klassische Viererkette plus Dreier-Mittelfeld auf das heilige Grün in Amsterdam. Die Startelf nach Musialas Ausfall im Aufwärmen: ter Stegen – Treu, Tah, Schlotterbeck, Brown – Kimmich – Nmecha, Amiri – Schade, Havertz, Adeyemi.

Die Grundformation schwankte zwischen einem 4-3-3 und 4-1-4-1, je nach Phase. Praktisch war Kimmich der alleinige Sechser: Absichern, abfangen, den ersten Pass progressiv nach vorn. Nmecha und Amiri sollten davor laufen, anlaufen und zweite Bälle gewinnen. Die Flügel waren bewusst auf Tempo gesetzt: Schade rechts, Adeyemi links, Havertz als falsche Neun in der Spitze.

Das ist Liverpool-DNA ohne Reds-Personal. Klopp wollte kein “Positionsfetisch”, sondern zonen-orientiertes Spiel: Ballgewinn in einer Zone, in der der nächste Pass wehtut – dann sofort nach vorn, bevor der gegnerische Block sich wieder formieren kann.

Die Außenverteidiger - breit, und nicht invers

Ein klarer Bruch zu Nagelsmann. Die Außenverteidiger sollten klassisch breit stehen und weniger am Spielaufbau teilnehmen. Das kam Philipp Treu entgegen: Der Freiburger Debütant ackerte gegen Gakpo, stieß immer wieder nach vorne und flankte vor dem 1:0 scharf nach innen. Nathaniel Brown auf links rückte später mit auf, unter anderem bei Adeyemis Großchance.

Vorteil: Breite und Hinterlaufen ohne komplizierte Invertierung. Risiko: Wenn der erste Pressingzug scheitert, fehlt oft ein extra Mann der den Aufbau im Zentrum zusätzlich stören kann – und ter Stegen muss als Libero herhalten.

Pressing - Handzeichen, Trigger, Vokabeln

Das virale Bild des Abends war kein Zufall: Ein Wink von Klopps Hand, und die komplette Mannschaft läuft an – ausgelöst bei einem Rückpass vom Außen- auf den Innenverteidiger. Das ist Klopps Sprache: Pressingauslöser statt Mannorientierung, kollektiv statt einzeln.

In den ersten Minuten funktionierte das. Innerhalb von zwei Minuten eroberte Deutschland den Ball hoch und kam zu Chancen. Kimmich analysierte nach der intensiven Partie: 
 

Speziell am Anfang sind wir gut ins Pressing gekommen, mit starken Ballgewinnen.” Klopp selbst zählte Gegenpressing-Szenen – „ich würde gerne viel mehr sehen, aber es waren welche dabei.

Danach wurde es unruhig. Ohne eingespielte fünf-Sekunden-Reaktion nach Ballverlust kippte das Spiel vom organisierten Druck ins „zu wilde“ Nachsetzen. Genau das hatte Klopp vorab in Kauf genommen: Es dürfe wild sein, es müsse nur lebendig sein. Gegen Xavis Niederlande reichte Lebendigkeit eine Stunde – aber nicht 93 Minuten.

Warum Oranje das Zentrum gewann

Xavi stellte kein reines Tiki-Taka auf. Brobbey war in Halbzeit eins der Zielspieler bei Oranje: Rücken zum Tor, abschirmen, Mitspieler aufrücken lassen. Ein abgepfiffenes Tor nach Gerangel mit ter Stegen zeigte, wie physisch Oranje den Sechzehner besetzte. Nach Brobbeys Verletzung kamen die Holländer mehr über die Halbräume und die Außen, um Deutschland aus der Kompaktheit zu ziehen.

Das gelang zunehmend nach der Pause. Das niederländische Mittelfeld (Gravenberch, Timber/Veerman, Reijnders) eroberte das mittlere Drittel durch Physis und dem Gewinn der zweiten Bälle. Deutschland verlor zu viele Zweikämpfe im Zentrum, während Tah in Boden-Duellen blass blieb. Als Klopp umstellte – Stach und Führich nach 64 Minuten, später Engelhardt und Gnabry – fehlte zwar die taktische Struktur, aber nicht der Wille.

Das 1:0 selbst war Klopp-typisch und zugleich unsauber: Kimmich findet Treu, Hereingabe, Abpraller, Nmecha aus sechs Metern. Kein kunstvolles Kombinationsspiel, sondern Zugriff plus Abschlussgier. Die großen Konter danach – vor allem Adeyemi – wurden nicht belohnt. Wer Chancen so liegen lässt, muss hinten perfekt stehen. Das tat Deutschland nicht. 22 gegnerische Abschlüsse, zehn aufs Tor: zu viel für eine Führung, die gehalten werden sollte.

Das 1:1 als Lehrstück der Restverteidigung

Gakpos Ausgleich nach "trivela-artiger" Hereingabe von Ruben van Bommel war kein Betriebsunfall, sondern die logische Konsequenz. Klopps Mannen ließen sich zu sehr hinten rein drängen, spielten zu wenig Fußball, und verschaffte sich selbst Arbeit. In der Fehlerkette steckten Ballverluste und zu spätes Verschieben – Treu war mittendrin, nachdem zuvor schon Gnabry den Ball verloren hatte. 

Klopps eigene Hierarchie ist hier eindeutig: Wer nur offensiv denkt, wird defensiv getötet. Defensive Stabilität sei das “Trampolin”. Gegen Oranje war das Netz noch nicht gespannt. Ballorientiertes Verteidigen braucht geringe Abstände, die nach zwei Einheiten nur „erlernt“ sind – wie Vokabeln am Prüfungsmorgen.

Was bleibt als Taktik-Fazit?

Sascha Baharian
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Was meiner Meinung schon Klopp war? Das Tempo über die Flügel, Kimmich als Fixpunkt im Zentrum, breite Außenverteidiger, sichtbare Pressingtrigger, eine Mannschaft, die zusammenhält und kämpft und nicht mehr mit der Aggressivität des Gegners überfordert ist.

Was Klopp noch vermitteln muss? Ein Gegenpressing als wiederkehrender Reflex statt als endende Episode, konstante positive Zweikampfquote im Mittelfeld, mehr Ruhe nach überstandenem Pressing, und die Fähigkeit, eine Führung nicht nur zu verteidigen, sondern durch Ballbesitz zu verwalten. Internationaler Fußball bestraft diese fehlenden Prozesse härter als manch Topliga.

Gegen das talentierte Griechenland in Augsburg wird sich zeigen, ob die "Vokabeln" im zweiten Anlauf besser sitzen oder erneut "nachgeschlagen" werden müssen. Die Idee hängt nicht an Havertz oder Treu, sondern daran, ob elf Spieler dieselben Auslöser sehen – auch ohne Handzeichen von der Trainerbank.

Floyd Samba von Manchester City im September 2026

(IMAGO / Pro Sports Images)

Floyd Samba auf den Spuren des Vaters | Das ist Deutschlands neues U19-Wunderkind

Ein Debüt mit zwei Toren im Etihad, ein Vater, der einst in Parks schlief, und ein 17-Jähriger, dem die englische Presse schon den Sternenhimmel verspricht: Floyd Samba (17) wirkt wie ein fertiger Profi, und wurde nun für die deutsche U19-Nationalmannschaft nominiert. Genau deshalb wollen wir einen Blick darauf werfen, welche Stärken er mitbringt und wo es noch Entwicklungsfelder gibt.
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Veröffentlicht: 24 September 2026, 12:51

Floyd Samba ist gerade erst 17 Jahre alt, und schon titelt die englische Presse mit Überschriften wie „Ein neuer Star ist geboren“ über den Teenie. Beim 5:0 von Manchester City gegen Norwich City im Ligapokal am 17. September 2026 traf der Mittelfeldspieler in seinem ersten Profispiel gleich doppelt, einmal per Kopf nach 29 Minuten, einmal mit einem Schlenzer aus rund zwölf Metern.

So ein Debüt ist einfach umwerfend. Ich konnte es kaum glauben“, sagte er hinterher, um sogleich hinzuzufügen, das sei „erst der Anfang, ich habe eine große Karriere vor mir.

Vom Nachwuchs der Citizens zum Debüt unter Maresca

Geboren am 15. Januar 2009 in Macclesfield, kam Samba bereits als U9-Spieler zur Academy von Manchester City und durchlief dort fast ein Jahrzehnt lang alle Jahrgänge. In der Saison 2024/25 schnupperte er noch überwiegend als Einwechselspieler bei den U18 in die höhere Altersklasse, die den Titel in der Under-18 Premier League North holte.

Ein Jahr später war er festes Mitglied fast jeder Nachwuchself: 24 Einsätze über sechs Wettbewerbe hinweg, 17 Tore und sechs Vorlagen, darunter ein Hattrick beim 6:1 der U21 gegen Stoke in der Premier League 2 und jener Freistoß, der im Mai 2026 das FA-Youth-Cup-Finale gegen Manchester United (2:1) entschied.

Enzo Maresca holte ihn in die Vorbereitung nach Asien, testete ihn kurz vor dem Norwich-Spiel als falscher Neuner und ließ ihn 90 Minuten durchspielen. Der Trainer betonte hinterher, Samba sei „kein Neuner“, aber jung, voller Energie, stark, abschlussstark und in der Lage, gute Entscheidungen zu treffen. Man müsse mit solchen Spielern langsam vorgehen.

Spielerprofil - Der flexible Offensiv-Achter

Samba selbst sieht sich als Box-to-Box-Spieler. Sein Idol ist Paul Pogba: 

Die Art, wie er spielt, ich versuche, so souverän zu sein wie er. Seine Qualität, die Technik, alles ist top. Und er ist auch groß, wie ich.

Mit 1,83 Metern bringt er für einen zentralen Mittelfeldspieler ungewöhnliche Größe und Körperlichkeit mit, die er schon im Jugendbereich nutzte, um Bälle zwischen den Linien anzunehmen, den Körper vor den Gegner zu stellen und unter Druck den Ball zu sichern.

Samba glänzt beim Empfangen des Balles durch eine stabile Körperhaltung, intelligente Laufwege in die Halbräume und die Fähigkeit, nach einer guten ersten Berührung scharf die Richtung zu ändern. Dazu kommt ein Auge für den Abschluss: Freistöße, Kopfballstärke und jener Schlenzer gegen Norwich, der nicht nach einem "Debütanten-Ball" aussah. 

Wenn kein Mitspieler frei ist, trägt er den Ball einfach selbst in gefährliche Zonen. Maresca und die Academy-Trainer heben zudem seine Ruhe am Ball und das Kombinationsspiel hervor, etwa die Ablage mit dem Rücken zum Tor, die gegen Norwich zum 2:0 beitrug. Darüber hinaus gehörte er über sämtliche Distanzen in Bezug auf sein Passspiel in der Premier League 2 zur Elite der Liga.

Die Entwicklungsfelder

Die Schwächen liegen weniger im sichtbaren Talent als in der noch unvollendeten Anpassung an den Seniorenfußball. Samba wächst noch, muss seinen Körper noch besser einsetzen, um Gegner wegzudrängen und den Ball gegen gleich starke Erwachsene zu schützen. Die physische Überlegenheit, die ihm gegen Gleichaltrige oft den Weg ebnet, wird auf Premier-League-Niveau schwinden; dann muss die Technik und das Entscheidungstempo noch präziser greifen.

Verletzungen durch Wachstumsschübe haben ihn in früheren Phasen schon ausgebremst, und U21-Coach Ben Wilkinson merkte an, Samba sei oft hart zu sich selbst, denn im zentralen Mittelfeld von City herrscht enorme Konkurrenz. Dass Maresca ihn gegen Norwich als Mittelstürmer aufbot, weil er dort noch nie regelmäßig gespielt hatte, zeigt zugleich seine Flexibilität. Ein einzelnes Pokalspiel gegen einen Zweitligisten mit zehn Wechseln bleibt ein Highlight, jedoch kein Beweis für Beständigkeit über 38 Liga-Spieltage.

Darüber hinaus muss er defensiv noch zu legen, denn für einen Box-to-Box-Spieler ist er im defensiven Zweikampf, sowohl in der Luft als auch am Boden noch zu schwach. Zudem fängt er noch zu wenig Pässe des Gegners ab, was selbst auf U21-Niveau noch deutlich Luft nach oben hatte.

Privater Hintergrund, Charakter & Mentalität

Der private Hintergrund erklärt viel von der Haltung, mit der Samba auf dem Platz steht. Vater Christopher Samba, in Paris geboren, kongolesischer Nationalspieler und langjähriger Premier-League-Innenverteidiger bei Blackburn und den Queens Park Rangers, verlor seine Mutter als 5-jähriges Kind. Mit 15 verließ er nach Streit mit dem Vater das Haus in Rouen, schlief Monate in Parks und auf der Tribüne des Stadions, trainierte tagsüber und tat so, als gehe er abends nach Hause.  

Später jobbte er als Lieferfahrer, brach sich das Wadenbein, wurde abgeschrieben und fand über die Nationalmannschaft der Republik Kongo den Weg zurück. Floyd sagt offen, dass sein eigener Weg „viel einfacher“ gewesen sei:

Er musste viel opfern. Es war viel härter für ihn als für uns. 

Gleichzeitig sieht er darin einen Vorteil: Der Vater wisse, wie man mit Rückschlägen umgeht. Nach dem Spiel habe Christopher ihm gesagt, er sei stolz, aber es sei nur der Anfang, er müsse jetzt stark weitermachen.

Die Mutter Theresa, Deutsche, fuhr die Söhne jahrelang täglich zum Training. Floyd nennt sie ausdrücklich: Sie habe alles geopfert, tue das noch immer für den jüngsten Bruder Emerson, zwölf Jahre alt und ebenfalls in der City-Academy, und sei „der größte Fan von uns allen“. Mit dem älteren Bruder Tyrone, der denselben Weg durch die Jugend geht, und Emerson spielte er im Garten so verbissen, dass es regelmäßig Streit gab. 

Die Familie, drei Brüder unter einem Club Dach, stützt sich gegenseitig, wenn es schlecht läuft, und gönnt sich den Erfolg. Diese Mischung aus dem Wissen um den harten Aufstieg des Vaters und der alltäglichen, unspektakulären Fürsorge der Mutter formt eine Mentalität, die weder naiv noch verbissen wirkt: 

Samba wirkte gegen Norwich nicht nervös, sobald er auf dem Platz stand. Der Druck war nur vorher da, sagte er. Die Ruhe, die Pogba-Vergleiche und die Fähigkeit, in ungewohnter Rolle zwei Tore zu machen, passen zu einem Jungen, der den Kontrast zwischen Parkbank und Etihad kennt, ohne ihn selbst durchlebt zu haben.

Potenzialeinschätzung: 8,5 / 10

Sascha Baharian
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Auf einer Skala von 1 bis 10 setze ich Floyd Sambas Potenzial bei einer 8,5 an. Das ist kein Freifahrtschein zur Weltklasse, sondern die Einschätzung eines 17-Jährigen, der Größe, Technik, Abschlussqualität und eine ungewöhnliche innere Ruhe schon jetzt so verbindet, dass der Sprung in den Profifußball nicht mehr wie ein Traum wirkt, sondern wie eine Frage der Dosierung.

Wer mit 17 im Etihad in ungewohnter Rolle doppelt trifft, Freistöße entscheidet und dabei so selbstverständlich wirkt, besitzt die Substanz für eine lange Premier-League-Karriere und für eine Nationalmannschaft, egal ob später Deutschland, Frankreich oder England.

Die fehlenden eineinhalb Punkte liegen nicht am Talent, sondern an dem, was noch unbewiesen ist: Beständigkeit gegen gleich starke Erwachsene, eine klare Stammposition im überfüllten City-Mittelfeld und der Umgang mit dem Moment, in dem die körperliche Überlegenheit gegen Jugendliche wegfällt. Wenn City ihn nicht verheizt und er seine Physis weiter aufbaut, kann aus der 8,5 auch eine glatte 9 werden.  

Juergen Klopp im September 2026

(IMAGO / MIS)

Nations League | Deutschlands Gruppe Selbstläufer oder Fallstrick?

Es steht der absolute Neustart unter dem frischgebackenen Bundestrainer Jürgen Klopp an. Die ersten Duelle werden im Rahmen der Nations League geführt, weshalb wir uns die Gruppe des vierfachen Weltmeisters genauer anschauen wollen. Ist die Gruppe machbar für Klopps Mannen oder lauern in dem ein oder anderen Gegner Fallstricke?
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Veröffentlicht: 24 September 2026, 12:36

Gruppe A2 wirkt auf den ersten Blick fair: Deutschland und die Niederlande als Favoriten, Serbien als physischer Störenfried, Griechenland als Aufsteiger in Liga A. Genau diese Sortierung verführt zum Leichtsinn. 

Nach dem frühen WM-Aus und dem Start unter Jürgen Klopp entscheidet nicht der Name auf dem Papier, sondern wer gegen drei sehr unterschiedliche Gegner Punkte holt. Die ersten beiden Plätze führen ins Viertelfinale, Platz drei in die Relegation, Platz vier in Liga B. Spielraum gibt es wenig.

Die Jungs haben alle Lust, also dementsprechend empfinden wir Aufbruchsstimmung, verriet Trainer Jürgen Klopp bei der letzten PK.

Niederlande - der direkte Konkurrent

Trainer Xavi Hernández beginnt seine Amtszeit parallel zu Klopp. 

Ich kenne mehr Spieler von Holland persönlich als Xavi. Ob das ein Vorteil ist, weiß ich nicht. ein Fakt ist es trotzdem, sagte Klopp.

Oranje bleibt defensiv um Kapitän Virgil van Dijk gebaut – Führungsspieler, Abwehrboss, Taktgeber. Daneben stehen moderne, schnelle Verteidiger wie Jurriën Timber, Jan Paul van Hecke, Jorrel Hato und Außenbahnspieler wie Denzel Dumfries oder Jeremie Frimpong. Das ist keine alte Garde, sondern eine Abwehr, die hochsteht und Umschaltmomente sucht.

Im Mittelfeld sind Tijjani Reijnders und Ryan Gravenberch die zentralen Taktgeber: Tempo, Passqualität, Pressing-Resistenz. Vorne bleibt Cody Gakpo die gefährlichste Konstante, dazu kommen Noa Lang, Brian Brobbey und je nach Verfügbarkeit weitere Flügelspieler. 

Memphis Depay fehlt im Kader, Malen und Kluivert sind angeschlagen – trotzdem bleibt die Offensive variabel genug, um Deutschland in Amsterdam und später daheim zu fordern. Wer gegen die Niederlande unentschieden spielt, hat noch nichts gewonnen. Wer verliert, spielt den Rest der Gruppe unter enormen Druck.

Worauf es ankommt: zweite Bälle gegen van Dijk, Breite gegen Dumfries/Frimpong, und im Zentrum gerade über den defensiv anfälligen Reijnders Angriffe einzuleiten.

Serbien - Physis, Standards, Zielspieler

Serbien hat die WM verpasst und wird deshalb unterschätzt. Das Team von Veljko Paunović (49) bleibt aber genau der Gegnertyp, an dem deutsche Mannschaften oft Probleme offenbaren: kompakt, zweikampfstark, physisch und ein schnörkelloses Spiel nach vorn.

In der Innenverteidigung ragen Strahinja Pavlović (AC Mailand) und Nikola Milenković heraus – groß, dominant in der Luft, unangenehm bei Standards. Auf den Außenbahnen können Filip Kostić oder jüngere Vollstrecker wie Kosta Nedeljković Breite und Flanken bringen. Im Mittelfeld bleiben Routiniers wie Sergej Milinković-Savić und Saša Lukić wichtig, dazu kommt mit Lazar Samardžić ein Spieler, der Tempo ins letzte Drittel bringt und mit einem Dribbling für Überraschungsmomente sorgen kann. 

Vorne entscheidet das physische Duo Aleksandar Mitrović und Dušan Vlahović. Mitrović ist der klassische Zielspieler: Zweikämpfe, Ablagen, Strafraumpräsenz. Vlahović ist der beweglichere Part, und dazu mit bereits 5 Ligatoren in Topform. Dazu Ex-SGE-Stürmer Luka Jović der in der letzten Saison für AEK Athen 21 Tore erzielte. Die Partie in Belgrad, ausgetragen im November wird laut, eng und physisch. Am 1. Oktober in München muss Deutschland deshalb als Pflichtsieg behandeln – nicht als Selbstverständlichkeit.

Worauf es ankommt: Ein schnelles Umschalten und das schwache Stellungsspiel von Strahinja Pavlović in der Viererkette auszunutzen. Zudem wird es auch elementar wichtig sein den physisch starken Mitrović früh vom Ball zu trennen, damit er seine Rolle als Zielspieler nicht erfüllen kann.

Griechenland - neu in Liga A, aber kein Sparringspartner

Griechenland spielt erstmals in der höchsten Nations-League-Liga. Trainer Ivan Jovanović (64) sagt offen, das Ziel sei der Klassenerhalt. Das klingt bescheiden, beschreibt aber den Spielplan: kompakt stehen, Umschalten, Standards. Genau das unangenehme Profil, mit dem Deutschland bei der WM mit Paraguay nicht klarkommen konnte.

Hinten organisieren Konstantinos Mavropanos (West Ham) und Konstantinos Koulierakis (AS Rom) die Zentrale, Kostas Tsimikas (Liverpool) bringt auf links Offensivdrang und Flankenqualität. Im Mittelfeld/Angriff sind die Schlüsselspieler klarer als der Außenseiterstatus vermuten lässt: 

Vangelis Pavlidis (Benfica) als Mittelstürmer mit Abschluss und stark mit Rücken zum Tor, Christos Tzolis (Arsenal) als dynamischer Flügel, Konstantinos Karetsas (BVB) als junger Kreativspieler und Dribbelkünstler.

Augsburg am 27. September darf kein „muss reichen“-Spiel werden. Thessaloniki am 4. Oktober wird enger, lauter und wahrscheinlich standardlastiger. Wer dort nur auf Ballbesitz setzt und keine Breite respektive ein schnelles Kombinationsspiel findet, verschenkt Punkte an einen Gegner, der genau darauf wartet.

Worauf es ankommt: Geduld gegen den tiefstehenden Block, Außenbahn gegen Tsimikas, und Spieler wie Tzolis und Karetsas im Umschaltmoment zu isolieren und direkt bei der Ballannahme aggressiv zu stören.

Prognose

Sascha Baharian
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Die Gruppe ist lösbar, weil Deutschland und die Niederlande die breiteste Qualität haben. Sie ist jedoch kein Selbstläufer, weil jeder Gegner eine andere Baustelle öffnet: Oranje über Tempo und Struktur, Serbien über Körper und Zielspieler, Griechenland über Kompaktheit und Konter.

Klopp hat zwei Kader nominiert und viele neue Gesichter geholt. Das hilft nur, wenn die Mannschaft die jeweiligen Schlüsselspieler der Gegner konkret zustellt. Schnelle Kombinationen und Automatismen werden sehr wahrscheinlich aufgrund der vielen neuen Gesichter schwer umzusetzen sein.

Daher gehe ich davon aus, dass die Niederlande und Deutschland um Platz 1 spielen, während Griechenland den dritten Rang belegen wird. Serbien wird aufgrund der zu schwachen Defensive auf Platz vier landen. Der erste Maßstab kommt für Klopps Mannen in Amsterdam. Danach zeigt sich schnell, ob A2 nur auf dem Papier machbar war.

Younes Ebnoutalib von Eintracht Frankfurt im August 2026

(IMAGO / Contrast)

Klopps Überraschungspaar | Warum Ebnoutalib und Keidel ins DFB-Team passen

Jürgen Klopp hat seinen ersten DFB-Kader nicht als Bestenliste der etablierten Namen aufgestellt, sondern als ausführliche Sichtung. 44 Spieler, zwei Staffeln, 16 Debütanten: Nach dem frühen WM-Aus in diesem Sommer sucht der neue Bundestrainer gezielt nach Charakter, Intensität und ungewöhnlichen Biografien. In diesem Licht sind Younes Ebnoutalib (23) und Felix Keidel (23) keine Zufallstreffer. Sie stehen für denselben Gedanken – nur an unterschiedlichen Stellen des Feldes. Doch was macht sie so interessant für Klopp?
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Veröffentlicht: 18 September 2026, 11:45

Der Stürmer, den niemand auf dem Zettel hatte

Der 23-jährige Younes Ebnoutalib kickte vor zwei Jahren noch er in der Regionalliga bei Gießen. Dazwischen lag ein gescheiterter Italien-Versuch bei Perugia, dann der Sprung zu Elversberg. In der 2. Liga explodierte er: zwölf Tore in 17 Hinrundenspielen, Torschützenkönig der ersten Saisonhälfte, physisch und mental ein Spieler, der Spiele öffnet. Im Winter 2025/26 holte ihn Eintracht Frankfurt für rund acht Millionen Euro nach Hause.

Bei der SGE ist er kein reiner Bankdrücker-Joker. Er ist Zielspieler und Tiefenläufer zugleich: bindet Innenverteidiger, arbeitet gegen den Ball, hat ein Gespür dafür, wann er sich löst. Der Dreierpack zum Saisonauftakt bei Union Berlin (3:3) war die Visitenkarte. Klopp selbst brachte es auf den Punkt: Als er Ebnoutalib zum ersten Mal im Eintracht-Trikot sah, habe er sich gefragt:

„Wo haben die den denn her?“ Im Trainerstab habe es „keine Diskussion“ gegeben. „Seine Art zu spielen, seine Bereitschaft, seine Intelligenz, immer da zu sein.“ Er sei „ein Buch, das man gerne lesen würde“.

Genau das ist der Mehrwert für die Nationalmannschaft. Deutschland hat unter Nagelsmann oft einen Stürmer vom Typ Havertz gebraucht – intelligent, verbindend, aber nicht immer die physische Spitze. Ebnoutalib bringt Größe, Tempo (Höchstwerte um 35 km/h!) und Abschlussinstinkt mit. Er kann als klassische Neun dienen, aber auch als zweiter Stürmer neben Burkardt oder Havertz Räume aufreißen.

Dazu kommt die Geschichte: ein Late Bloomer mit Hunger, der sich nach Umwegen und einer parallelen Nominierung durch Marokko bewusst für den DFB entschieden hat – nachdem Klopp persönlich im Frankfurter Trainingszentrum mit ihm gesprochen hatte. Für einen Neuaufbau ist das Gold wert: Identifikation, Demut und der Wille, nichts als selbstverständlich zu nehmen.

Der Allrounder vom Dorfclub

Felix Keidel ist die noch größere Überraschung. Nach 13 Jahren beim FC Ingolstadt wechselte der 23-jährige Mittelfeldspieler im Sommer 2025 für eine Ablöse von rund 400 Tausend Euro nach Elversberg. Mit den Saarländern stieg er sofort in die höchste deutsche Spielklasse auf. In der Bundesliga stand er in den ersten drei Spielen in der Startelf – und traf per Freistoß gegen Gladbach.

Nie ein DFB-Jugendspiel, nie auf dem großen Radar. Jetzt der erste Elversberger der Vereinsgeschichte in der A-Nationalmannschaft. 

Seine Vereinsrolle erklärt die Nominierung besser als jede Statistik. In Ingolstadt war er das Eigengewächs, das überall funktionierte: Rechtsverteidiger, Linksverteidiger, zentrales und sogar offensives Mittelfeld. Bei Elversberg begann er als Außenverteidiger, steht in dieser Saison im defensiven Mittelfeld neben Lukasz Poreba. Trainer Vincent Wagner schätzt dessen Ausdauer, Zweikampfstärke und Übersicht. Keidel selbst sagt:

Die Position ist mir egal, ich suche den Weg zum Tor! 

Freistöße, Flanken, Laufleistung – ein Spieler, der Lücken schließt, statt eine einzige Position zu besetzen. Für Klopp ist das die klassische Allzweckwaffe die bei jedem Turnier bei verletzungsbedingten Ausfällen besonders wertvoll werden und dem ehemaligen Liverpool-Coach aufgrund der taktischen Flexibilität ein besseres Ingame-Coaching ermöglichen.

Gegenpressing lebt von Spielern, die umschalten, laufen und mehrere Rollen verstehen. Deutschland hat seit Jahren eine Baustelle auf der rechten Abwehrseite: Nach Philipp Lahm und Kimmichs Verschiebung ins Zentrum experimentierten Flick und Nagelsmann mit Henrichs, Baku, Vagnoman – ohne dauerhafte Lösung.

Keidel ist kein fertiger Stammspieler auf höchstem Niveau. Er ist aber eine Option, die Klopp in der Breite testen kann: als rechter Verteidiger, als Sechser, als Flex-Spieler in einem System, das Intensität verlangt. In einem 44-Mann-Kader, der bewusst keine A- und B-Elf sein soll, ist genau diese Flexibilität der Punkt.

Was beide verbindet und was Klopp sucht

Beide Wege führen über Elversberg. Der Aufsteiger aus dem Saarland wird plötzlich zum Talentlieferanten: Ebnoutalib ging weiter nach Frankfurt, Bambasé Conté nach Hoffenheim, Nick Woltemade sogar nach Turin – und Keidel bleibt und wird trotzdem nominiert. Das ist kein romantisches Dorfclub-Märchen, sondern ein Hinweis auf Klopps Auswahlkriterium: nicht der Verein, sondern das, was der Spieler auf dem Platz macht und wie er geworden ist.

Klopp hat gesagt, er habe nicht geschaut, was fehlt, sondern was da ist.

Uns ist ganz, ganz viel Talent ins Auge gesprungen.

Ebnoutalib und Keidel stehen für den Teil dieser Sichtung, der jenseits der üblichen Bayern-, Dortmund- und Leipzig-Schiene liegt.

Der eine bringt eine physische, schlaue Mittelstürmer-Alternative und hat sich in einem Zweikampf der Verbände für Deutschland entschieden. Der andere bringt Laufbereitschaft, Variabilität und die Mentalität eines Spielers, der den Weg von der 3. Liga in drei Jahren bis zur Nationalelf gegangen ist. Beides passt zu einem Trainer, der Mannschaften über Intensität und Persönlichkeit formt – und der nach einem WM-Debakel bewusst neue Gesichter ins Training holt, statt nur die alte Hierarchie zu bestätigen.

Ob daraus Stammplätze werden, entscheidet nicht die Nominierung. Ebnoutalib muss in Frankfurt konstant treffen und darf nicht wieder zum Systemopfer werden. Keidel muss zeigen, dass Bundesliga-Startelf und Nations-League-Niveau nicht zwei verschiedene Welten sind. Aber als Signal ist die Berufung klar: Klopp will Spieler, die etwas durchgemacht haben, die mehrere Rollen können und die noch nicht glauben, sie gehörten selbstverständlich dazu. In Ebnoutalib und Keidel hat er zwei gefunden, die genau das verkörpern.

Derry Scherhant vom SC Freiburg im August 2026

(IMAGO / STEINSIEK.CH)

Darum nominiert Klopp Max Rosenfelder und Derry Scherhant

Unter Klopps 16 Debütanten stehen zwei Namen, die außerhalb des Breisgaus noch erklärt werden müssen: Max Rosenfelder und Derry Scherhant. Beide kommen vom aktuellen Bundesliga-Tabellenführer SC Freiburg. Beide sind erst 23 Jahre jung und haben noch kein A-Länderspiel. Und beide passen ungewöhnlich genau in das Bild, das Klopp von der Nationalmannschaft nach dem WM-Desaster zeichnen möchte.
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Veröffentlicht: 18 September 2026, 11:45

Warum Freiburg für Klopp kein Randthema ist

Klopp hat das selbst kaum verschleiert. „Mentalität kann man nicht kaufen, aber entwickeln. Die Freiburger haben Mentalität. Das hat auch damit zu tun, wo sie herkommen“, sagte er bei der Kaderpräsentation. Vier Nominierte aus einem Verein, der weder den größten Etat noch die lautesten Namen hat, sind keine Zufallsquote. Sie sind Programm.

Der SC Freiburg steht nach drei Bundesliga-Spieltagen mit 10:1 Toren an der Tabellenspitze, hat alle sechs Pflichtspiele der Saison gewonnen und war im Frühjahr im Finale der Europa League. Julian Schuster hat den Verein nach Christian Streich nicht umgebaut, sondern weiterentwickelt: 

Intensives Anlaufen, klare Rollen, hoher Anteil selbst ausgebildeter oder gezielt integrierter Spieler. Genau das sucht Klopp. Er will Intensität, Flügelspiel im 4-3-3, defensive Stabilität als Voraussetzung für Offensive – und Spieler, die in zwei Jahren Stütze sein können, nicht nur für den nächsten Länderspielzyklus.

Freiburg liefert ihm beides: ein funktionierendes Kollektiv und Typen, die in diesem Kollektiv eine erkennbare Rolle haben. Rosenfelder und Scherhant stehen dabei für zwei unterschiedliche Bausteine derselben Idee.

Max Rosenfelder: Tempo in der Innenverteidigung

Rosenfelder ist Freiburger Eigengewächs, Rechtsfuß, rund 1,87 Meter, Innenverteidiger – und einer der schnellsten Spieler auf dieser Position in der Liga. Der Kicker maß ihn mit 35,91 km/h; schon in der U21 galt er als rasanter, ballsicherer Verteidiger mit Offensivdrang. Julian Schuster hat ihn nicht nur zentral, sondern auch rechts in der Viererkette eingesetzt. Beim 1:0 in Wolfsburg letzte Saison erzielte er dort sein erstes Bundesligator. Schuster beschrieb ihn als Spieler, der Räume überwindet, Gegner bindet und Torgefahr aus der Tiefe erzeugt.

Genau das macht ihn für Klopp interessant. Die DFB-Abwehr nach Neuer und Rüdiger braucht nicht nur Zweikämpfer, sondern Innenverteidiger, die im Aufbau mitspielen und gegen schnelle Konter Schritt halten. Rosenfelder ist kein klassischer Abräumer vom Typ Ginter, den Klopp bewusst nicht nominiert hat. Er ist jünger, schneller, offensiver – und noch formbar. Dass er zuletzt hinter Lienhart und Ginter oft auf der Bank saß, relativiert die Berufung nur auf den ersten Blick. Klopp nominiert nicht die aktuelle Startelf der Liga, sondern Profile mit Zukunft.

Die Einschränkung ist bekannt: Rosenfelders Körper. Patellasehne, Oberschenkel, immer wieder Wochen und Monate ohne Pflichtspiel. In der Saison 2023/24 fiel er komplett aus, 2025/26 bremsten ihn erneut muskuläre Probleme. Nagelsmann hätte ihn nach der U21-EM schon früher berufen wollen. Klopp holt ihn trotzdem – als Wette auf Potenzial und als Signal, dass Belastung, Regeneration und Entwicklung Teil des neuen DFB-Alltags sein sollen. Im ersten Kaderblock gegen die Niederlande und Griechenland bekommt Rosenfelder die Chance, sich im direkten Vergleich mit Tah, Schlotterbeck und Bisseck zu zeigen.

Derry Scherhant - der inverse Flügel, den Klopp sucht

Scherhant kommt den umgekehrten Weg. Geboren in Berlin, ausgebildet bei Hertha BSC, 2025 für rund zwei Millionen Euro nach Freiburg gewechselt. Linksaußen, Rechtsfuß, 1,85 Meter. Ein inverser Flügelstürmer: Er zieht nach innen auf den starken Fuß, sucht das Eins-gegen-eins, hat Zug zum Tor. Tempo, Dribbling und Flair sind seine Stärken, Entscheidungsfindung und Flanken die Entwicklungsfelder. Schuster wollte genau das:

Er kann eben auch diese Intensität gehen, die wichtig für unser Spiel ist.

Der Saisonstart 2026/27 hat die Berufung erzwungen. In sechs Pflichtspielen ein Tor und sechs Vorlagen, Höhepunkt das Conference-League-Hinspiel gegen Motherwell: ein Treffer, zwei Standards, die zu Toren führten. Lucas Höler sagte danach:

Sein feines Füßchen ist gut eingestellt. Er ist supergut drauf und hilft uns gerade brutal.

Scherhant teilt sich die linke Seite weiter mit Vincenzo Grifo, kann aber auch rechts spielen. Das macht ihn für Klopp doppelt nutzbar.

Hinzu kommt die Geschichte, die zum neuen DFB-Narrativ passt. Scherhant hatte erst vor wenigen Tagen im FAZ-Fragebogen Jürgen Klopp als Wunschtrainer genannt: 

Es wäre ein großer Traum, irgendwann einmal unter dem Bundestrainer spielen zu dürfen. 

Wenige Tage später war der Traum da. Klopp hat öffentlich betont, wie sehr den Debütanten die Nominierung bedeutet. Bei Scherhant ist das kein Marketing. Es ist dokumentiert.

Klopp bekommt nicht nur einen motivierten Debütanten, sondern darüber hinaus ein Flügelspieler mit Tempo und Abschlussdrang für das 4-3-3, das der neue Nationaltrainer angekündigt hat. Während etablierte Namen wie Sané und Leweling außen vor bleiben, bringt Scherhant Frische, Laufbereitschaft und eine gewisse defensive Arbeit gegen den Ball – statistisch eine seiner stärkeren Kategorien im Vergleich zu anderen Offensivspielern. 

Er steht im zweiten Kaderblock neben Wirtz, Adeyemi und El Mala. Das ist kein Stammplatz. Es ist ein offener Kampf auf der Position, auf der Deutschland seit Jahren zwischen Genie und Unzuverlässigkeit schwankt. 

Zwei Rollen, eine Botschaft

Rosenfelder und Scherhant sind keine fertigen Nationalspieler. Der eine kämpft mit dem eigenen Körper, der andere muss auf höchstem Niveau noch Konstanz nachweisen. Klopp weiß das. Sein erster Kader ist ausdrücklich kein Endzustand, sondern eine Bestandsaufnahme: 

„Wir haben nicht geguckt, was haben wir nicht, sondern was haben wir." Was er in Freiburg gefunden hat? Beide tragen, genau wie der dritte nominierte Breisgauer Yannik Engelhardt, die Freiburger Alltagsmentalität mit: wenig Starallüren, hohe Trainingsintensität, Bereitschaft, Rollen zu teilen.Ob daraus Länderspiele werden, entscheidet die Nations League. 

Klopp hat den beiden die Tür geöffnet, weil sie in einem funktionierenden Verein klare Aufgaben erfüllen – und weil er nach der WM nicht mehr auf Namen setzen will, sondern auf Charakter und Entwicklungsspielraum. In Freiburg hat er beides gefunden. Die Nominierung erinnert an seine Transferpolitik im ersten Jahr beim BVB, als er aus vielen No-Names eine intensive Meistermannschaft formte.

Alessandro Vogt vom 1 FC Heidenheim im September 2026

( IMAGO / Eibner)

Ein Holzfuß mit Torriecher | Alessandro Vogt in der Analyse

Alessandro Vogt wirkt wie ein Stürmer, der seinen Weg nicht über feine Technik, sondern über Körper, Torriecher und einen Charakter gefunden hat, der Rückschläge nicht als Ende nimmt – und genau daraus speist sich die Frage, wie weit dieser Weg in der Bundesliga tragen kann. Genau diese Frage haben wir uns für euch in unserer Analyse zum Anlass genommen.
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Veröffentlicht: 17 September 2026, 14:08

Alessandro Vogt ist einer jener Spieler, deren Aufstieg so rasch und geradlinig wirkt, dass er fast schon unwirklich anmutet. Der am 3. Februar 2005 im Aargau geborene Mittelstürmer wechselte diesen Sommer von St. Gallen zur TSG Hoffenheim und wurde Ende August auf Leihbasis an den Zweitligisten 1. FC Heidenheim abgegeben.

In seiner ersten vollständigen Profisaison in der Super League hatte er 15 Tore und drei Vorlagen in 35 Ligaspielen erzielt, dazu kamen weitere Treffer im Pokal. Mit 1,88 Metern, einem kräftigen Körperbau und einem unbedingten Willen zum Abschluss verkörpert er den Typus des klassischen Neuners, der sich seinen Weg weniger über Eleganz als über Präsenz und Instinkt gebahnt hat.

Werdegang - Vom Freiämter Talent zum Shootingstar

Vogt begann mit sieben Jahren beim FC Wohlen, dem Verein, für den schon sein Vater Roland als Innenverteidiger gespielt hatte. Stationen bei Baden und Aarau folgten, doch mit 16 Jahren wurde er in Aarau aussortiert. Technische Mängel seien der Grund gewesen. Er kehrte nach Wohlen zurück, spielte in der vierthöchsten Schweizer Spielklasse und machte im November 2022 mit einem Pokal-Tor gegen Servette auf sich aufmerksam.

2023 holte ihn St. Gallen in die U21, wo er in der Saison 2024/25 in 25 Spielen 13 Tore schoss. Im Sommer 2025 wurde er fest in die erste Mannschaft hochgezogen und unterschrieb einen Profivertrag bis 2029. Was folgte, war ein Durchbruch, den selbst im Verein kaum jemand in diesem Tempo erwartet hatte: fünf Tore in den ersten fünf Super-League-Spielen, am Ende 15 Ligatreffer bei einem xG-Wert von rund 12,12.

Vogt übertraf damit seine erwarteten Tore deutlich und gehörte zu den produktivsten Angreifern der Liga. Hoffenheim aktivierte im März 2026 die Ausstiegsklausel von etwa 2,7 Millionen Franken und band ihn langfristig. Andreas Schicker, Sportgeschäftsführer der TSG, nannte ihn «einen kraftvollen, athletischen Mittelstürmer mit gutem Torriecher und hoher Trefferquote.

Spielerprofil – Ein Mittelstürmer alter Schule

Seine größte Stärke sitzt zwischen Sechzehner Linie und Torlinie. In der Super League 2025/26 kam er auf etwa 0,58 Tore pro 90 Minuten und lag damit in der Liga ganz oben. Er schoss rund 3,6-mal pro Spiel, davon knapp 1,5 Schüsse aufs Tor. Die meisten Abschlüsse entstanden im Strafraum, Weitschüsse waren die Ausnahme. 

Das ist kein Zufall: Vogt sucht nicht den schönen Winkel von 25 Metern, sondern den Kontaktpunkt nah am Tor. Görtler hat das einmal so beschrieben, dass man ihn kaum zum Abspiel bewegen kann, sobald er den Ball hat.

Wenn Vogt den Ball hat, sieht er nur das Tor. 

Genau dieser Zug erklärt, warum er seine xG-Werte oft übertraf. Er traf aus unmöglichen Winkeln, so dass die Quote bei rund einem Tor alle sechs Schüsse lag. Das ist kein schlechtes Profil, aber auch kein eiskalter Vollstrecker mit 30 Prozent Genauigkeit. Daher muss er gefüttert werden. Wenn Bälle in den Sechzehner kommen, ist er gefährlich. Wenn das Spiel vor dem Strafraum stehen bleibt, verschwindet er wie ein Chamäleon im heiligen Grün.

Mit 1,88 Metern und rund 88 Kilo kann er sich festsetzen. Bereits in seiner Wohlen-Zeit war er früh für seine Wucht, Robustheit und Pressing bekannt. In St. Gallen passte er ins physische Konzept neben anderen großen Spielern. Er kann einen Innenverteidiger wegdrücken, den Ball abschirmen und zweite Bälle aufnehmen. Im Training verdiente er sich Respekt, weil Zweikämpfe bei ihm nicht zimperlich enden. Das ist die Stärke eines klassischen Zielspielers: Er bietet der Offensive eine Anspielstation.

Gleichzeitig gewinnt er zu wenige Duelle, um als dominanter “Target-Man” zu gelten. In der Super League lag die Zweikampfquote teils unter 30 Prozent, Kopfballduelle oft nur um die 27 bis 33 Prozent. Das klingt paradox bei dieser Größe, erklärt sich aber über Timing und Sprungtechnik. Er ist präsent, aber nicht automatisch Herr der Lüfte. In Heidenheim deutete sich nach zwei Einsätzen etwas mehr Kopfballbeteiligung an – vier von sieben Abschlüssen per Kopf –, die Verwertung fehlte noch. Physisch ist er also eher ein Störer und Platzhalter als ein Luftkönig.

Laufwege, Tempo und Arbeit gegen den Ball

Vogt ist kein Sprinter des Typen Erling Haaland. Das Tempo liegt bei ihm mit 30,8 km/h im mittleren Bereich, die Beschleunigung reicht für den Strafraum, nicht für lange Gegenstöße über 40 Meter. Seine Qualität liegt eher in den Laufwegen: Er startet in die Schnittstelle, greift den ersten Pfosten an, bleibt im Strafraum, wenn andere schon drehen.

Defensiv war er kein Ausputzer, aber auch kein Zuschauer wie ein Rafa Leao. In der Super League bewegte sich sein defensiver Beitrag um den Ligadurchschnitt der Stürmer. Er läuft mit, stellt Passwege zu, gewinnt nicht viele Bälle durch Grätschen, sondern wie ein Füllkrug durch Präsenz. Für ein Team, das hoch presst, ist das brauchbar. Für ein Team, das den Stürmer als ersten Verteidiger mit vielen erfolgreichen Tackles braucht, reicht es (noch) nicht.

Alex Frei, der Rekordtorschütze der Schweizer Nati, sprach von «interessanten Anlagen» und freute sich, «wieder mal einen Schweizer Stürmer zu haben, der das Tor trifft».

Die Entwicklungsfelder

Die Schwächen liegen dort, wo der Weg nicht der übliche war. Vogt ist kein Edeltechniker. Teamkollegen nannten ihn gar «Stolperi», weil er im Training den Ball kaum sechs Mal hintereinander jonglieren konnte. Feinste Kombinationen, enge Räume und das letzte Zusammenspiel sind nicht seine große Stärke. Die Chancenkreation lag in der Super League nur im unteren Drittel im Vergleich zu anderen Stürmern, Kopfballduelle gewann er ebenfalls nicht überdurchschnittlich oft.

Sein Spiel wirkt mitunter roh und ungeschliffen: Er jagt jedem Ball hinterher und drischt ihn, sobald es irgendwie geht, aufs Tor. Das feine Kombinationsspiel ist nicht seine Sache. Genau diese Direktheit macht ihn gefährlich, begrenzt aber auch sein Repertoire, wenn der Gegner tiefer steht oder sich auf seine Spielweise eingestellt hat.

Herkunft, Lehre und ein Charakter, der nicht hadert

Vogts Mentalität lässt sich ohne seinen Hintergrund kaum erklären. Der Vater Roland Vogt, Kriminalpolizist in Zürich und politisch in Wohlen aktiv, war selbst kein Techniker, sondern ein Verteidiger, der über Einstellung funktionierte.

Du musst nicht 1000-mal jonglieren können", soll er dem Sohn gesagt haben. "In erster Linie musst du marschieren können, die Einstellung ist wichtig, der Charakter.

Der Rückschlag in Aarau mit 16 Jahren, das vorübergehende Ausbleiben von Toren in der U21, die kaufmännische Lehre beim Kanton Aargau, die er vier Monate vor dem ersten Profivertrag abschloss – all das formte einen Spieler, der nicht hadert. Sportchef Roger Stilz betonte, Vogt lasse sich nicht unterkriegen. Er blieb demütig, auch als 19 000 Zuschauer ihm stehend Beifall spendeten.

Schüchtern geht er nach solchen Momenten vom Platz, meidet lange Interviews und wirkt neben dem Rasen zurückhaltend. Die Lehre, die er trotz Fußball-Fokus durchzog, und die Nähe zur Familie – die kurze Distanz nach Hause sprach für Hoffenheim – geben ihm eine Bodenhaftung, die bei jungen Torjägern selten ist.

Ich bin auch ein Familienmensch", sagte er nach dem Transfer. Dass er den Schritt nach Deutschland wagte, obwohl Maassen und andere mehr Geduld in St. Gallen empfohlen hatten, passt zu einem Charakter, der Chancen nimmt, wenn sie da sind: "Niemand weiß, was morgen ist.

Potenzialeinschätzung: 7 /10

Sascha Baharian
Sascha Baharian

Auf einer Skala von 1 bis 10, schätze ich das Bundesliga-Potenzial von Alessandro Vogt bei einer 7 ein. Er kann ein belastbarer, physischer Neuner der ersten Liga werden, der in guten Phasen 8 bis 12 Tore schießt und einem Team Präsenz im Strafraum gibt. 

Keine 8 oder 9, weil ihm dafür die technische Bandbreite, die Spielintelligenz auf engem Raum und die Konstanz gegen Topverteidiger noch fehlen. Keine 6, weil Torriecher, Körper und Mentalität schon jetzt über dem Durchschnitt liegen und er in der Super League seine erwarteten Tore klar übertroffen hat.

Die 7 setzt voraus, dass die Leihe in Heidenheim funktioniert: regelmäßige Minuten, Tore gegen eine defensiv kompakte zweite Liga, Fortschritte bei der Ballannahme und dem Kombinationsspiel. Gelingt das, ist er in ein bis zwei Jahren ein ernsthafter Kandidat für Hoffenheims Rotation oder sogar die Startelf. 

Scheitert die Anpassung an Tempo, Technik und Zweikampfhärte, bleibt er eher ein solider Zweitliga- oder Super-League-Stürmer. Die Mentalität spricht für die höhere Variante, das technische Fundament begrenzt jedoch das Potenzial.

Sascha

Sascha

@sascha_baharian

Hingebungsvoller Fachmann in Bezug auf den italienischen Fußball und speziell die Serie A 🇮🇹

Wenn es um die Serie A oder im Allgemeinen den Fußball in Italien geht, ist man bei Sascha goldrichtig. Seit Jahren verfolgt er ganz genau die Entwicklungen der höchsten Spielklasse in Italien und weiß mit qualitativ hochwertigen Analysen zu glänzen. Diese könnt Ihr Euch auch jederzeit in seinem eigenen Podcast anhören. Des Weiteren weiß er auch mit seinem Wissen in Sachen Jugendfußball zu überzeugen und ist daher insgesamt ein sehr wertvoller Teil unseres Teams. 

PS: Seit neuestem ist Sascha zudem auch Zertifizierter Scout & Spielanalyst nach IST.