25 Punkte, 30 Tore und ein Platz 7 in der Bundesliga klingen zunächst erst einmal nach einer Okay-Session. Dagegen stehen allerdings auch 30 Gegentore in 16 Spielen in der Bundesliga (nur Heidenheim hat mehr) wie auch 16 Gegentore in 8 Spielen in der Champions-League (nur Ajax hat mehr).
Hinzu kommen ein 1 : 5 gegen Liverpool, ein 1 : 5 gegen Atletico Madrid, wie auch zuletzt ein 0 : 4 gegen RB Leipzig, drei Spiele, wo die Eintracht nicht nur verlor, sondern schlichtweg vor allem aufgrund einer desolaten Defensive vom Gegner komplett vermöbelt wurde.
(Bild: IMAGO / Kessler-Sportfotografie)
Daher
ist es verständlich, dass auch Dino Toppmöller nach der sehr
erfolgreichen letzten Saison (Platz 3) nun doch wieder in der Kritik
steht.
Wir
wollen aber die Gelegenheit nutzen und mal einen genaueren Blick auf
den Kader richten. Ist dieser Kader wirklich stark genug, um
dauerhaft um Europa und um die Champions League mit zu spielen? Und
wo müsste man eventuell nachbessern?
KEINE BALANCE:
Zunächst einmal kann man die bisherige Frankfurt-Saison in 3 Phasen unterteilen.
Phase 1:
Hier sah man zunächst einmal eine furiose Offensive aus Uzun, Burkardt, Doan und Bahoya, die sich in schon fast Barca-artiger Art und Weise die Bälle zuspielte und schwächere Gegner wie Werder Bremen (4 : 1) komplett hinten einschnürte - eine Offensive, die zunächst einmal alle Fans begeisterte und die Abgänge von Marmoush und Ekitiké vergessen ließ.
Viele sprachen hier sogar schon vom möglichen Bayern-Verfolger Nr. 1, vergaßen dabei allerdings auch, dass die Defensive (abgesehen vom Spiel gegen Leverkusen / 1 : 3) in dieser Phase noch wenig gefordert wurde und Mannschaften wie Galatasaray (5 : 1) es der Frankfurter Offensive durch individuelle Fehler auch maximal leicht machten.
Phase 2:
Eine immer noch hervorstechende Offensive, die zwar im Ballbesitz stark war, jedoch im Pressing und in Sachen Defensivarbeit durchaus mehr und mehr Luft nach oben zeigte. Dazu kam ein plötzlicher unerklärlicher Leistungsabfall von etablierten Abwehrspielern wie Robin Koch, Arthur Theate oder auch Talent Nnamdi Collins.
Das 3 : 4 gegen Union Berlin war dabei mehr oder weniger der Door-Opener für andere Teams, das Spiel wo anschließend alle anderen Gegner wussten, wie man gegen die Eintracht spielen muss: Keinen Spaß am Fußball haben lassen, längere Ballbesitzphasen durch frühes aggressives Pressing stören und die noch junge unerfahrene Defensive mit plötzlichen Kontern überrumpeln.
In diese Phase muss man sowohl die beiden Champions-League-Klatschen, als auch das 6 : 4 gegen Mönchengladbach zählen, wo man sah, dass selbst ein 0 : 6 hinten liegendes am Boden zerstörtes Gladbach noch in der Lage ist, mit der Frankfurter Defensive fertig zu werden.
Phase 3:
Hier könnte man schon fast von der Olaf-Scholz-Gedächtnisphase sprechen, im Sinne von „bevor man was falsches macht, lieber gar nichts machen.“ Denn mit einer wieder etwas stabiler stehenden Defensive verschwand auf einmal jegliche Kreativität im Spielaufbau, angefangen auf der Sechs.
Hier muss man ganz besonders das 1 : 1 gegen Heidenheim, das 1 : 1 gegen Freiburg, wie auch das jüngste Unentschieden gegen den HSV hervorheben, wo aus dem zu anfangs begeisterndem Offensivfußball biederes Ballgeschiebe wurde, und wenn (wie im 1 : 0 gegen Augsburg durch Ritsu Doan) herausragende Einzelaktionen die nötigen Punkte brachten.
Was schließen wir also daraus? Der Eintracht fehlt es vor allem an einem, nämlich Balance. Funktioniert die Offensive, funktioniert die Defensive nicht, funktioniert die Defensive hingegen halbwegs, funktioniert wiederum die Offensive nicht mehr.
Der Kader der Frankfurter ist somit zwar mittlerweile der 4teuerste der Liga, schafft es dabei jedoch nicht die beiden essenziell wichtigsten Dinge im Fußball zusammen zu bringen.
Insbesondere auf der rechten Seite ist man hier defensiv extrem anfällig, das Mann-gegen-Mann-Pressing funktioniert spätestens bei stärkeren Gegnern überhaupt nicht mehr und im Sturm war man die letzten Wochen komplett abhängig von einem Stürmer, der - wenn nicht verletzt - die Lebensversicherung der Adler war: "Mr. Oh Johnny - Jonathan Burkardt."
Was aber könnte man in Sachen Transfers noch tun, um die Champions League doch noch zu erreichen - oder zumindest die Europa League - mit der Aussicht 2026/27 sogar ein "finale daham" im heimischen Waldstadion zu spielen.
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Frankfurt erhält den Zuschlag: Das Finale der UEFA Europa League steigt 2027 im Stadtwald!
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TORWARTPOSITION:
Hier zeigt sich bereits die erste Baustelle in der Kaderplanung. Es fehlt derzeit eine absolut unumstrittene Nr. 1 im Tor, so wie es die diesen Sommer zum Paris FC abgewanderte Vereinslegende Kevin Trapp war.
Zwar hatte man hier mit dem brasilianischen 22jährigen Megatalent Kaua Santos schon einen höchst vielversprechenden Nachfolger in der Hinterhand, stellte sich bei seiner Integration in die Mannschaft nach seinem Kreuzbandriss allerdings maximal dösig an.
Viel zu früh und noch gar nicht wirklich fit schmiss man ihm die ganze Verantwortung in der wackelnden Defensive zu, um ihn nach nur wenigen Spielen wieder auf die Bank zu setzen und stattdessen auf Bremen-Neuzugang Michael Zetterer zu setzen, der seitdem auch noch nicht komplett überzeugt.
Hier muss man sich daher aktuell vor allem klar werden, ob man es Zetterer - der bislang eher als durchschnittlicher Bundesliga-Keeper bekannt war - zutraut, künftig auch die ganz großen Spiele, wie gegen die Bayern, Dortmund, Leverkusen oder auch größere Gegnern in der CL zu schultern.
Denn sollte dieses Vertrauen nicht bestehen, sollte man seitens der Vereinsführung schnellstmöglich die Zukunft von Kaua Santos klären, der zwar vor kurzem noch bis 2030 verlängert hat, wo aber auch klar ist, dass ein solches Torwarttalent - sollte er nicht spielen - wohl kaum über den Sommer hinaus bei der Eintracht bleiben möchte.
DEFENSIVE:
Hier ist die eine Lebensversicherung der Eintracht derzeit völlig klar Linksverteidiger Nathaniel Brown. Denn im Gegensatz zu allen anderen Defensivspielern spielte er bislang eine Saison, die zwar auch nicht immer perfekt war, in manchen Spielen, wo er beispielsweise Weltklassespieler wie Lamine Yamal oder Michael Olise komplett im Alleingang ausschaltete, aber dafür aber umso herausragender.
Bei so manchem Eintracht-Fan könnten daher nach der Winterverpflichtung des 19jährigen japanischen Linksverteidigers Keita Kosugi schon die Alarmglöckchen geläutet haben. Denn natürlich brauch man in der Defensive Verstärkung, aber ausgerechnet auf der Linksverteidigerposition? Oder war dies möglicherweise schon das Zeichen dafür, dass Brown der Eintracht-Defensive bereits so entwachsen ist, dass er vielleicht gar nicht mehr lange in Frankfurt bleiben wird?
Ansonsten muss sich das Team rund um Sportvorstand Markus Krösche mittlerweile eingestehen, den Abgang des brasilianischen Innenverteidigers Tuta doch etwas unterschätzt zu haben.
🚨🩺 Tuta is set to join Al-Duhail SC in Qatar – he is already on site for his medical.
— Florian Plettenberg (@Plettigoal) July 31, 2025
Eintracht Frankfurt will receive a fixed fee of €15 million for the 26 y/o centre-back.
Once again, a good deal for #SGE and Markus Krösche, especially considering Tuta had just one year… pic.twitter.com/2qfEMmWs2b
Denn wohingegen man in der Offensive mit Neuzugängen wie Burkardt und Doan zumindest versucht hat, die Abgänge von Ekitiké und Marmoush aufzufangen, stand das Finden eines Tuta-Nachfolgers diesen Sommer wohl nicht auf der Prioritätenliste der Kaderplaner. Ob dies diesen Winter nachgeholt wird?
Yann-Aurel Bisseck, Jeff Chabot, Diogo Leite oder auch Danilo Doekhi wären Spielerprofile über die man sich zumindest mal Gedanken machen könnte, Innenverteidiger, die schnell in eine Abwehrchef-Rolle hineinwachsen könnten, beziehungsweise dies bei ihren aktuellen Vereinen schon regelmäßig unter Beweis stellen.
Auch auf der Rechtsverteidigerposition müsste man zumindest mal erwägen, Nnamdi Collins mal eine Pause zu gönnen und stattdessen Elias Baum endlich mal eine Chance zu geben, der in der letzten Saison bei Elversberg der vielleicht beste Rechtsverteidiger der zweiten Liga war. Aus Gründen, die nur der Trainer kennt, kam er bislang dennoch auf grade mal zehn Minuten Spielzeit.
Wenigstens aber hat man hier mit Rasmus Christensen noch ein weiteres Stück Erfahrung mit im Kader, der (wenn unverletzt) auch in der bisherigen Hinrunde immer noch einer der besseren Spieler in der Eintracht-Defensive war.
MITTELFELD:
Das Prunkstück der Eintracht ist aber nach wie vor das offensive Mittelfeld rund um Top-Talent Can Uzun.
Um so dramatischer ist allerdings die Situation auf der Sechs. In der tunesischen Nationalmannschaft zwar top, konnte Ellyes Shkiri bei der Eintracht bislang noch nicht an die Leistung anknüpfen, die er zuvor beim 1. FC Köln gezeigt hat. Und auch der letzte Saison noch hochgelobte Hugo Larsson war, auch aufgrund von Verletzungen, die letzten Monate ordentlich am Straucheln.
Ausgerechnet diese beiden Spieler schafften zuletzt unter Dino Topmöller bislang nicht den nächsten Entwicklungsschritt, während junge Spieler wie Noah Fenyo oder Oscar Hojlund entweder gar nicht spielen, oder wenn, dann wenig überzeugend.
Auch hier fordern Eintracht-Fans daher gerade zu Recht vehement einen Neuzugang, eine Holding Six, der die oft sehr offensiv mitarbeitenden Außenverteidiger der Eintracht irgendwie ein bisschen ausgleicht, so dass nicht bei jedem Konter sofort der Baum brennt.
Kaishu Sano von Mainz 05 wäre hier sicherlich für viele Eintracht-Fans die Wunschlösung, aber auch Daryll Bakola von Olympique Marseille, Nikola Vlasic vom FC Turin oder auch Kajetan Lenz vom VFL Bochum wären hier sicher eine interessante Wahl.
Auch über eine Leihe von Soungoutou Magassa von West Ham United könnte man nachdenken und nicht zuletzt - sollten die Bayern oder ein anderer Top-Verein nicht vorher zuschnappen - Kenneth Eichhorn zur Eintracht? Kleiner Hot-Take, aber warum nicht?
Immerhin würden hier in dem Fall das aktuell vielleicht größte deutsche Mittelfeldtalent auf den größten Bundesliga-Talentförderer und Marktwertsteigerer-Verein der letzten Jahre zusammen treffen.
Vielleicht am Ende für beide Seiten sogar das Beste, was passieren kann, auch wenn dies natürlich frühestens im Sommer realistisch wäre.
ANGRIFF:
Hier ist man bereits am meisten aktiv geworden, was aber auch bitter nötig war.
Denn mit Jonathan Burkardt ist Stammstürmer Nr. 1 (8 Tore in 10 Spielen) aktuell wieder mal verletzt, gleiches gilt für Mitchy Batshuayi und der für 26 Millionen eingekaufte Ellye Wahi ist so gefloppt, dass man ihn mittlerweile wahrscheinlich sogar ablösefrei an die Kickers Offenbach abgeben würde, einfach nur, um sich nicht mehr mit diesem leidigen Thema beschäftigen zu müssen.
Dies hatte zur Folge, dass man aufgrund der Nicht-Nominierung von Jessic Ngankam für den Champions-League-Kader, in diesem Wettbewerb zuletzt sogar komplett ohne Stürmer auflaufen musste.
Nun hat man jedoch mit dem aktuellen Zweitligatorschützenkönig Younes Ebnoutalib bereits einen hochspannenden Neuzugang im Sturm verpflichtet (HIER näheres zum neuen Eintracht-Stürmer) und auch die Verhandlungen um William Osula (von den Frankfurt-Fans bereits liebevoll mit dem Spitzname „Ursula“ versehen) von Newcastle United laufen in vollem Gange.
Trotz alledem wird es aber auch an Dino Toppmöller liegen, die Balance zwischen Defensive und Offensive auch taktisch zu meistern, arrivierte Spieler wie Theate, Koch oder Larsson wieder in die Spur zu bringen und so mit Frankfurt in wenigen Tagen in eine hoffentlich erfolgreiche Rückrunde zu starten.



