
(IMAGO / Hübner)
Was macht eigentlich Tobias Rau?
Das klingt nach der glatten Variante einer „Was macht eigentlich“-Geschichte. Es ist aber die unbequemere: Rau ist nicht Trainer geworden, nicht Experte, nicht Spielerberater. Er ist Studienrat für Biologie und Sport an der Peter-August-Böckstiegel-Gesamtschule in Werther und Borgholzhausen im Kreis Gütersloh. Eine Zweidrittel-Stelle, bewusst so gewählt, damit Raum für Familie bleibt – etwas, das ihm als Profi „so gut wie gar nicht möglich“ war.
Geboren am 31. Dezember 1981 in Braunschweig, durchlief Rau die Jugend der Eintracht, spielte Regionalliga, wechselte 2001 zum VfL Wolfsburg. Innerhalb von zwei Jahren wurde aus dem flinken Linksverteidiger ein Nationalspieler. Am 1. Juni 2003, im ersten Länderspiel der DFB-Elf in Wolfsburg, traf er in der 90. Minute zum 4:1 gegen Kanada. Es blieb sein einziges Tor im Nationaltrikot – und eines der Bilder, an die er sich bis heute zuerst erinnert.
Kurz darauf holte der FC Bayern ihn. Uli Hoeneß hatte ihm ein Lehrjahr versprochen, danach sollte er Bixente Lizarazu beerben. Es kam anders: Verletzungen, Reservistenrolle, 13 Bundesligaspiele in zwei Jahren. Meister und Pokalsieger 2005 war er trotzdem, dazu drei Einsätze in der Champions League. In der Kabine der Stars fühlte er sich trotzdem fehl am Platz. Ihm sei immer wieder gesagt worden, er solle die Ellbogen ausfahren.
Aber das bin ich nicht, so will ich nicht sein.
Happy 44th birthday, Tobias Rau! pic.twitter.com/3KIRafPJER
— Bayern Power™️ (@FCbayern688302) December 31, 2025
Die letzten 4 Jahre im Profifußball
Vier Jahre Arminia Bielefeld folgten, weiter geprägt von Verletzungen. Im Juli 2009, lief sein Vertrag aus, und der Abstieg der Arminen war besiegelt - Rau machte Schluss. Nach 93 Bundesligaspielen, sieben Länderspiele im Alter von 27 Jahren.
Am Ende habe ich den Fußball nicht mehr geliebt.
Die Begründung war damals so ungewöhnlich wie der Schnitt selbst. Rau sprach nicht nur von kaputten Sehnen, sondern von einem System, das ihm die Freude genommen hatte.
Das Fußballgeschäft ist ein Wochengeschäft. Es geht ratzfatz, dann fliegst du. Menschlichkeit”, sagte er später, “hat in dieser Branche wenig zu suchen.
Rudi Völler, sein damaliger Bundestrainer, urteilte über frühe Rücktritte einmal hart: Wer so etwas mache, habe den Fußball nie geliebt. Rau, der sich mit Völler darüber austauschte, widerspricht nur zur Hälfte. Am Ende habe er den Fußball nicht mehr geliebt. Den Kindheitstraum, das Ja. Das Geschäft, das daraus geworden war, nicht.
Wochen später schrieb er sich an der Universität Bielefeld ein: Sport, Pädagogik, Biologie. Das Abitur hatte er. Den Traum vom Lehrerberuf ebenfalls – schon vor der Bundesliga. Hätte er später angefangen, sagte er 2024, wäre der Altersunterschied zu den Kommilitonen zu groß gewesen.
Hinter der Entscheidung stehe ich auch heute noch zu 100 Prozent.
Der Alltag danach
Referendariat ab 2016 an genau jener Gesamtschule, an der er bis heute unterrichtet. Biologie lag nahe: Leistungskurs in der Schule, dazu Anatomie, Stoffwechsel, Gesundheit – Stoff, den ein Ex-Profi mit Verletzungschronik anders erzählt als ein Lehrbuch. Sport sowieso.
Die Schüler googeln ihn trotzdem. Die meisten haben ihn nie spielen sehen. 93 Bundesligaspiele und das Bayern-Double reichen, damit sie besser zuhören. Rau nimmt das hin, ohne es zur Show zu machen.
Was ihn am Beruf hält, formulierte er im Sommer 2025 für die Serie „Nachspielzeit“ der Bundesliga so: den ganzen Tag mit jungen Menschen arbeiten, selbst jung im Kopf bleiben, eine Schule, in der Respekt zählt. Und der Satz, der wie ein Gegenentwurf zur Kabinenhierarchie klingt:
Hier wird man nicht nach Geld, Status oder Leistung beurteilt, sondern nur danach, was für ein Mensch man ist.
Druck kennt er anders. Als Profi war es ihm vorgekommen, als sei er „jeden Tag an eine Steckdose angeschlossen“. Dieses Gefühl habe er nicht mehr. Die Sommerpause mit Laktattests und dreimal Training am Tag sei die größte Qual gewesen. Der erste Schultag nach den Ferien? „Eine echte Wohltat.“ Auch wenn manch Kollege das anders sehe.
Heute vor 84 Jahren ereignete sich die Reichspogromnacht.
Wir wollen erinnern und mit aktiver Bildungsarbeit vorangehen.
Unser ehemaliger Spieler Tobias Rau war diese Woche als Lehrer mit SchülerInnen bei uns zu Gast und nahm an der "Spurensuche" teil:https://t.co/cyVhZCj2i6 pic.twitter.com/qcKK7OfXbH— DSC Arminia Bielefeld (@arminia) November 9, 2022
Zwischen Familie und Kreisliga
Während des Studiums lernte der Ex-Bayernprofi seine Frau Lara kennen, ebenfalls Lehrerin. 2018 kam Sohn Bela zur Welt; später sprach Rau von zwei Söhnen. Den Sechsjährigen beschrieb er 2025 als Kind, das Fußball noch so liebt, wie er selbst ihn einmal geliebt hat – bevor Überlastung und Druck den Spaß auffraßen. Ob der Junge in die Fußstapfen treten soll? „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.“ Unterstützen ja. Die Untiefen des Berufs kenne er zu gut.
Den Ball hat er nicht ganz weggestellt. Von 2012 bis 2018 kickte er beim TV Neuenkirchen in der Kreisliga, 46 Spiele, 30 Tore – der Linksverteidiger als Torschütze, weit weg von der Allianz Arena. Von 2018 bis 2021 saß er im Aufsichtsrat von Eintracht Braunschweig, seinem Heimatklub. Die Vereinspolitik unterschätzte er, wie er später einräumte.
Der DFB holt ihn gelegentlich für Projekte, die Schule und Fußball verbinden. Mehr will er davon nicht machen. Das Grundkonzept bleibe die Schule, bis zur Pension.
Vermisst er die 50.000 im Stadion? Die Erinnerung ja. Das Gefühl nicht.
Ich habe schon als Fußballer keine Bühne benötigt und jetzt brauche ich sie erst recht nicht.
Warum die Geschichte trägt
Raus zweites Leben ist kein Märchen vom Abstieg. Es ist eine Entscheidung gegen ein System, das Leistung über Charakter stellt – und eine für einen Beruf, in dem genau das Gegenteil gilt. Viele Ex-Profis bleiben im Fußball, weil sie nichts anderes kennen. Rau kannte etwas anderes, bevor der Fußball ihn ganz hatte: den Wunsch, Lehrer zu sein.
In Werther unterrichtet er Gelenke und Fitness, Jahrgangsturniere und Oberstufe. Manchmal fragt ein talentierter Jugendspieler um Rat. Dann rät der Mann mit den sieben Länderspielen nicht ab vom Traum – aber entschieden davon, für diesen Traum die Schule hinzuwerfen. Die Chance, wirklich Profi zu werden, sei gering. Talentierter als er seien viele gewesen. Geschafft hätten sie es trotzdem nicht.
Das ist, 17 Jahre nach dem Schnitt, keine Nostalgie. Es ist ein Mann, der den Satz „Ich bin jetzt Lehrer – und das macht mich einfach glücklich“ nicht als Pointe sagt, sondern weil er es wirklich fühlt...

Hingebungsvoller Fachmann in Bezug auf den italienischen Fußball und speziell die Serie A 🇮🇹
Wenn es um die Serie A oder im Allgemeinen den Fußball in Italien geht, ist man bei Sascha goldrichtig. Seit Jahren verfolgt er ganz genau die Entwicklungen der höchsten Spielklasse in Italien und weiß mit qualitativ hochwertigen Analysen zu glänzen. Diese könnt Ihr Euch auch jederzeit in seinem eigenen Podcast anhören. Des Weiteren weiß er auch mit seinem Wissen in Sachen Jugendfußball zu überzeugen und ist daher insgesamt ein sehr wertvoller Teil unseres Teams.
PS: Seit neuestem ist Sascha zudem auch Zertifizierter Scout & Spielanalyst nach IST.

