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Kickfieber Sascha Die Gewinner und Verlierer unter Klopp
Philipp Treu vom DFB im Oktober 2026

(IMAGO / Sportfoto Rudel)

Die Gewinner und Verlierer unter Klopp

Vier Spiele, fünf Punkte, und eine offene Tabellensituation: Jürgen Klopps erste Länderspielphase hat die Hierarchie im DFB-Team ordentlich durcheinandergewirbelt. Mehrere Spieler haben sich nach vorn gespielt, andere wiederum weniger überzeugt. Daher wollen wir euch die Gewinner und Verlierer unter dem neuen Nationaltrainer präsentieren.
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Veröffentlicht: 7 Oktober 2026, 15:19

Jürgen Klopp wollte in seiner ersten Länderspielphase möglichst viele Kandidaten sehen. Herausgekommen ist eine Zwischenbilanz, die sportlich durchwachsen, jedoch personell aufschlussreich ist. Ein Remis in Amsterdam, eine Heimniederlage gegen Griechenland, der erste Sieg gegen Serbien, und ein torloses Rückspiel in Thessaloniki.

Fünf Punkte aus vier Nations-League-Partien, Platz drei in der Gruppe hinter Niederlande und Griechenland. Der 44-Mann-Kader, auf zwei Blöcke verteilt, war als Casting gedacht. Nach elf Tagen steht fest, wer die Tür aufgestoßen hat und wem sie gerade wieder zufällt.

Die Gewinner

Philipp Treu, 25, SC Freiburg

Philipp Treu ist der klarste Aufsteiger dieser zwei Wochen. Der 25-jährige Rechtsverteidiger des SC Freiburg stand als einziger Spieler aus dem 44er-Pool in drei Partien von Beginn an, jeweils über 90 Minuten in der Startelf. In Amsterdam gab er die Vorlage zum Führungstor, gegen Serbien und in Thessaloniki bestätigte er den Eindruck. 

Klopp sagte hinterher, er habe nicht den Eindruck gehabt, einen Neuling vor sich zu haben: Treu habe „hinten rechts rotzfrech rausgespielt“. Joshua Kimmich, der ihm nach dem Debüt lobte, und an die eigene Kicker-Note 5,5 bei seinem ersten Länderspiel erinnerte und freute sich, dass Treu besser gewesen sei.

Für eine Position, die seit Jahren vakant ist, war das mehr als ein nettes Debüt. Treu hat sich in den engeren Kader für November gespielt, und zwar nicht als Lückenfüller, sondern als offensiver Initiator von der Außenbahn, der mit taktischer Disziplin, Zweikampfstärke und enger Manndeckung zu überzeugen wusste.

Derry Scherhant, 23, SC Freiburg

SC-Vereinskollege Derry Scherhant kam als Überraschung und ging als Argument. Der 23-jährige Linksaußen des SC Freiburg spielte vor etwas mehr als einem Jahr noch für Hertha BSC in der 2. Liga. Gegen Serbien rückte er völlig unerwartet in die Startelf, links neben Serge Gnabry und Nick Woltemade, und behielt den Platz auch in Thessaloniki.

Im internen Duell mit Saïd El Mala setzte er sich schon im Training durch. Auf dem Platz war er der Aktivposten der deutschen Nationalelf: die meisten Torschüsse und Flanken aus dem Spiel heraus unter Klopp, Eins-gegen-eins mit Tempo, der direkte Weg zum Tor. Einen Scorerpunkt gab es leider nicht, aufgrund einer harten Entscheidung des Unparteiischen – die Vorarbeit hinterließ trotzdem ein Lächeln bei Klopp:

Gegen die Griechen spielte ihm Tom Bischof den Ball in den Lauf, Scherhant zog bis zur Grundlinie und legte perfekt auf Jonathan Burkardt ab, der das Runde über die Linie drückte. Der VAR nahm das Tor wegen eines Handspiels im Aufbau zurück. Die Szene gehörte trotzdem Scherhant.

In Freiburg stehen in dieser Saison bereits neun Torbeteiligungen in sieben Pflichtspielen auf dem Konto des gebürtigen Berliners. Klopp durfte sehen, dass Scherhant dieses geballte Selbstvertrauen mit zur Nationalmannschaft gebracht hat. Wenn der Kader im November auf 23 oder 24 Spieler schrumpft, ist der Freiburger keine Anekdote mehr, sondern eine echte Option auf der Außenbahn.

Jonas Urbig, 23, FC Bayern München

Jonas Urbig hat die unauffälligste und zugleich eindeutigste Bewerbung abgegeben. Der 23-jährige Bayern-Keeper, im Verein nur die Nummer zwei hinter Manuel Neuer, stand in beiden Spielen des zweiten Kaders im Tor und blieb beide Male ohne Gegentor. Gegen Serbien hatte er zugegebenermaßen wenig zu tun, ein ungenaues Zuspiel in der 56. Minute blieb unbestraft.

In Thessaloniki wurde daraus eine Leistung. Nach nicht einmal 90 Sekunden köpfte Giorgos Masouras frei am Fünfmeterraum, Urbig war da. Kurz vor Schluss rettete er erneut. Nach dem Spiel sagte er, er sei „wach in der Sekunde“ gewesen, obwohl die Partie spät gelegen habe. Klopp hatte bewusst nicht rotiert und ihn durchspielen lassen, obwohl bei Ajax Marc-André ter Stegen und bei Besiktas Alexander Nübel regelmäßig spielen.

„Bei Jonas ist das anders“, sagte der Bundestrainer, und trennte die Entscheidung ausdrücklich vom Status der Nummer eins. Die Statistik ist trotzdem selten: Laut Opta ist Urbig erst der zweite DFB-Torhüter seit 1977, der in seinen ersten beiden Länderspielen zu Null spielte. Neuer und ter Stegen schafften das nicht. Für einen Keeper, der in München kaum Pflichtspiele sieht, ist das mehr als ein gelungenes Debüt. Die Konkurrenz im deutschen Tor ist nach diesen zwei Abenden enger geworden. 

Tom Bischof, 21, FC Bayern München

Tom Bischof hat aus einem Einsatzfenster ein Argument gemacht. Der 21-Jährige vom FC Bayern traf bei seinem ersten Start in der Allianz Arena zum 1:0 gegen Serbien, nachdem Wirtz den Pfosten getroffen hatte. Drei Tage später in Griechenland dirigierte er neben Aleksandar Pavlovic das Mittelfeld und spielte den Pass, der zum aberkannten Burkardt-Tor führte.

Klopp lobte die Doppel-Sechs, Alexander Pavlovic bezeichnete er als den Maschinenraum der Mannschaft. Bischof war der andere Teil dieser Achse: abschlussbereit aus der zweiten Reihe, vertikal im Passspiel, ohne dabei die Spielkontrolle zu verlieren.

Dass Deutschland mit diesem Trio ansehnlicher aussah als mit der etablierten Zentrale der ersten beiden Spiele, ist der eigentliche Befund dieser ersten Test-Phase. Bischof hat sich nicht nur ein Tor gesichert, sondern eine Rolle, die vor zwei Wochen noch Kimmich gehörte.

Die Verlierer

Joshua Kimmich, 31, FC Bayern München

Joshua Kimmich bleibt Kapitän auf dem Papier und ist dennoch der größte Verlierer der Tage. Klopp schob ihn vom Rechtsverteidiger ins Zentrum, genau dorthin, wo der 31-Jährige sich selbst sieht. Gegen die Niederlande und in Augsburg fehlten der Mannschaft Tempo und klare Abläufe; der Ausgleich in Amsterdam fiel in der Nachspielzeit, das Gegentor in Augsburg ging über Kimmich. Danach reiste er ab, der zweite Kader spielte ohne ihn deutlich dominanter und progressiver.

Pavlovic übernahm die tiefe Sechs, Bischof und Wirtz die Räume davor, und plötzlich stimmten Pressing und Passwege. Klopp lobte Kimmichs Eindruck im Team, ließ aber durchblicken, dass auch ein großer Kopf fehlen können muss. Flapsige Sätze zur Kapitänsfrage taten das Übrige. Niemand hat Kimmich aus dem Kader geschrieben. Aber die Annahme, die Zentrale sei ohne ihn nicht zu besetzen, hat diese Länderspielphase ganz klar widerlegt!

Jamal Musiala, 23, FC Bayern München

Jamal Musiala ist Verlierer ohne eigenes Zutun, und gerade das macht die Lage unbequem. Er sollte in Amsterdam beginnen, verletzte sich beim Aufwärmen am Oberschenkel und sah die ersten Klopp-Tage nur von außen. Havertz erging es ähnlich, nur wenige Minuten später. Für einen Spieler, der nach durchwachsener WM-Phase beim FC Bayern wieder Tore schoss, war das Fenster die Gelegenheit, sich dem neuen Trainer als Fixpunkt anzubieten.

Stattdessen besetzten andere die kreativen Räume, und Scherhant demonstrierte auf der Außenbahn, dass auch Namen ohne Länderspielerfahrung Druck erzeugen können. Musiala fehlt nicht die Qualität, ihm fehlt der Nachweis unter diesem Trainer. Im November muss er sich einen Platz zurückerobern, den die Länderspielphase ohne ihn neu verteilt hat.

Jonathan Burkardt, 26, Eintracht Frankfurt

Jonathan Burkardt bekam die Minuten, die ein Stürmer braucht, und nutzte sie nicht. Der Frankfurter startete in Thessaloniki, hatte nach gut 100 Minuten in drei Spielen einen Abschluss aufs Tor und keinen Kontakt im gegnerischen Strafraum, der zählte. Das Tor, das er nach Scherhants Flanke schon gefeiert hatte, nahm der VAR wegen eines Handspiels im Aufbau zurück.

Danach blieb die Spitze harmlos, Klopp wechselte ihn in der 63. Minute aus. Younes Ebnoutalib hatte gegen Virgil van Dijk wenigstens ein Duell bestanden und gute Ansätze gezeigt, während Nick Woltemade nur eine Randfigur blieb – einzig Florian Wirtz wusste im Sturm zu überzeugen. Burkardt war als Neuner eingeplant und lieferte weder Abschlüsse, noch fungierte er als Anspielstation. In einem Kader, in dem Klopp ausdrücklich jeden gesehen haben will, ist Unsichtbarkeit die schlechteste Visitenkarte. 

Welche Erkenntnis bleibt?

Klopp wird im November auf 23 oder 24 Spieler kürzen. Die Tür, sagte er, stehe weit offen, aber nicht für alle gleich weit. Treu, Scherhant, Urbig und Bischof haben Argumente geliefert, die sich in Aufstellungen übersetzen lassen: ein Rechtsverteidiger, der nicht wie ein Debütant wirkte, ein dominanter Torhüter ohne Spielpraxis, ein selbstbewusster Linksaußen, der direkt in die Startelf sprang, und ein Mittelfeldspieler mit dem ersten Tor im eigenen Stadion.

Kimmich muss seine Rolle neu behaupten, Musiala erst wieder gesund werden, Burkardt braucht Tore auch in der Nationalelf, bevor der nächste Blick auf ihn fällt. Fünf Punkte sind zu wenig für eine Gruppe, in der Niederlande und Griechenland schon bei acht stehen, wenngleich noch alles für den vierfachen Weltmeister möglich bleibt.

Für eine Mannschaft, die sich neu aufstellen will, war die Bestandsaufnahme selbst der Ertrag. Der erste Sieg kam ohne die großen Namen. Das ist die unbequeme Nachricht für die Etablierten dieser Länderspielphase, aber die Gute für alle neuen Herausforderer. Wie Klopp betonte - die Tür der Nationalmannschaft steht weit offen und die der Positionen ebenfalls.

Sascha
Sascha @sascha_baharian

Hingebungsvoller Fachmann in Bezug auf den italienischen Fußball und speziell die Serie A 🇮🇹

Wenn es um die Serie A oder im Allgemeinen den Fußball in Italien geht, ist man bei Sascha goldrichtig. Seit Jahren verfolgt er ganz genau die Entwicklungen der höchsten Spielklasse in Italien und weiß mit qualitativ hochwertigen Analysen zu glänzen. Diese könnt Ihr Euch auch jederzeit in seinem eigenen Podcast anhören. Des Weiteren weiß er auch mit seinem Wissen in Sachen Jugendfußball zu überzeugen und ist daher insgesamt ein sehr wertvoller Teil unseres Teams. 

PS: Seit neuestem ist Sascha zudem auch Zertifizierter Scout & Spielanalyst nach IST.