
(IMAGO / Jan Huebner)
Mentalitäts- statt Qualitätsproblem im Nachwuchs? – eine Analyse
Vereinsverantwortliche sprechen immer häufiger über fehlende Resilienz, mangelnde Kritikfähigkeit oder eine unzureichende Einstellung. Für mich stellt sich deshalb eine andere Frage: Haben wir im deutschen Nachwuchs tatsächlich in erster Linie ein Qualitätsproblem – oder teilweise ein Mentalitätsproblem?
Eine eindeutige Antwort darauf gibt es sicherlich nicht. Meine Erfahrungen aus mehr als zehn Jahren im Scouting lassen mich jedoch vermuten, dass wir diese Diskussion deutlich differenzierter führen müssen.
Mehr als zehn Jahre im Scouting
In meiner nebenberuflichen Tätigkeit als Talentscout komme ich viel herum. Von Europapokalspielen bis hinunter zur U15-Regionalliga findet man mich regelmäßig auf verschiedenen Fußballplätzen – abhängig von meinen jeweiligen Scouting-Prioritäten.
Dieser Tätigkeit gehe ich inzwischen seit einigen Jahren nebenberuflich nach, im Scouting selbst bin ich allerdings bereits seit mehr als zehn Jahren aktiv. In dieser Zeit habe ich zahlreiche Entwicklungen im Nachwuchsfußball verfolgt, unterschiedliche Vereine beobachtet und viele junge Spieler aus nächster Nähe erlebt.
Dabei bekommt man zwangsläufig einen anderen Blick auf die Entwicklung von Talenten. Talent, Technik, Athletik und taktisches Verständnis lassen sich vergleichsweise gut beobachten. Schwieriger wird es bei den Eigenschaften, die nicht unmittelbar auf dem Spielberichtsbogen auftauchen: Wie reagiert ein Spieler auf Kritik? Wie geht er mit Rückschlägen um? Was passiert, wenn er plötzlich nicht mehr Stammspieler ist? Und wie viel Eigenmotivation bringt er mit, wenn niemand zuschaut?
Genau diese Fragen werden meiner Meinung nach künftig noch wichtiger werden.
Eine interessante Diskussion beim SPOBIS
Anfang dieses Jahres war ich zum ersten Mal auf Einladung beim SPOBIS in Hamburg. Für mich war die Veranstaltung eine hervorragende Gelegenheit, unterschiedliche Perspektiven auf die Entwicklung des deutschen Fußballs kennenzulernen.
Besonders interessant war eine Gesprächsrunde mit Marc Lenz von der DFL, Sami Khedira, DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig und Eintracht-Frankfurt-Sportvorstand Markus Krösche. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie der deutsche Fußball langfristig konkurrenzfähig bleiben kann.
Viele der dort diskutierten Punkte waren nachvollziehbar. Beim Thema Trainerausbildung gingen die Meinungen allerdings auseinander. Auch die Rahmenbedingungen der Ausbildung wurden anschließend kritisch diskutiert. Besonders aufmerksam wurde ich bei den Aussagen von Markus Krösche zur Qualität der Nachwuchsausbildung. Der Eintracht-Sportvorstand machte deutlich, dass aus seiner Sicht im deutschen Nachwuchsbereich Veränderungen notwendig sind.
Grundsätzlich kann ich diese Einschätzung nachvollziehen. Gleichzeitig habe ich gerade in den vergangenen Jahren bei der Beobachtung von Nachwuchsspielern festgestellt, dass sportliche Qualität nicht immer das entscheidende Problem darstellt. Manchmal liegt die Herausforderung an einer ganz anderen Stelle.

Wie ein Mentalitätsproblem entstehen kann
Die Trainingsbedingungen im Nachwuchsfußball sind heute vielerorts hervorragend. Moderne Leistungszentren, professionelle Trainer, Athletikprogramme, Videoanalysen und umfangreiche Daten ermöglichen eine individuelle Betreuung, wie sie früher kaum vorstellbar war. Als Spieler meiner Generation hätte ich von vielen dieser Möglichkeiten nur träumen können. Genau darin könnte allerdings auch ein Teil des Problems liegen.
Ein Spieler, der bereits mit 14 oder 15 Jahren in einem hochprofessionellen Umfeld trainiert, von Spezialisten betreut wird und regelmäßig vermittelt bekommt, dass er großes Potenzial besitzt, kann leicht den Eindruck entwickeln, bereits sehr weit zu sein. Der entscheidende Punkt ist jedoch: Talent bringt einen Spieler vielleicht bis zu einem gewissen Punkt. Danach beginnt die eigentliche Arbeit.
Der Weg vom Nachwuchsspieler zum Profi ist lang. Selbst innerhalb eines Nachwuchsleistungszentrums gibt es enorme Unterschiede zwischen einzelnen Jahrgängen und Spielern. Verletzungen, Konkurrenzsituationen, Trainerwechsel, Nichtberücksichtigungen oder schwächere Phasen gehören zur Entwicklung dazu. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie ein Spieler mit Erfolg umgeht. Entscheidend ist vor allem, wie er mit Misserfolg umgeht.
Resilienz wird zum entscheidenden Faktor
Genau an dieser Stelle kommt der Begriff Resilienz ins Spiel. Damit meine ich nicht einfach die häufig zitierte „Mentalität“, die im Fußball gerne als Sammelbegriff für alles verwendet wird. Es geht vielmehr um konkrete Eigenschaften: Kritikfähigkeit, Frustrationstoleranz, Lernbereitschaft, Eigenmotivation, Disziplin und die Fähigkeit, nach Rückschlägen weiterzuarbeiten.
In meiner Beobachtung fällt immer wieder auf, wie unterschiedlich Spieler mit solchen Situationen umgehen. Der eine wird nach einer schlechten Leistung noch konzentrierter. Er sucht das Gespräch mit dem Trainer, analysiert seine Fehler und versucht, es beim nächsten Mal besser zu machen. Ein anderer Spieler reagiert auf dieselbe Situation mit Frustration, sucht die Verantwortung außerhalb seiner selbst oder verliert seine Motivation.
Sportlich können beide Spieler auf einem ähnlichen Niveau sein. In ihrer langfristigen Entwicklung können die Unterschiede trotzdem enorm werden. Das ist aus meiner Sicht einer der Gründe, weshalb wir bei der Bewertung junger Spieler nicht ausschließlich auf technische, taktische und athletische Fähigkeiten schauen dürfen.

Die Rolle des Umfelds
Dabei wäre es zu einfach, die Verantwortung ausschließlich beim Spieler zu suchen. Junge Fußballer sind schließlich Jugendliche. Sie befinden sich in einer Entwicklungsphase und werden maßgeblich von ihrem Umfeld geprägt. Eltern, Berater, Trainer, Mitspieler und Vereine beeinflussen, wie ein Spieler sich selbst und seine Perspektive wahrnimmt.
Wenn einem jungen Spieler permanent vermittelt wird, wie außergewöhnlich sein Talent ist, kann das positive Selbstvertrauen irgendwann in eine falsche Selbsteinschätzung umschlagen. Aus meiner Sicht ist deshalb gerade die Balance entscheidend. Ein Nachwuchsspieler sollte wissen, dass er Talent besitzt. Er sollte aber gleichzeitig verstehen, dass Talent allein nicht ausreicht.
Die Botschaft sollte daher nicht lauten: „Du bist schon gut genug.“ Sie muss vielmehr lauten: „Du hast die Voraussetzungen – jetzt musst du weiter daran arbeiten.“
Meine Erfahrungen aus dem Nachwuchsbereich
Damit komme ich zu einem Punkt, den ich bei der Beobachtung von Nachwuchsmannschaften immer wieder interessant finde. Ich habe in den vergangenen Jahren Spieler gesehen, bei denen die sportlichen Voraussetzungen zweifellos vorhanden waren. Technisch stark, athletisch interessant und taktisch gut ausgebildet. Trotzdem war die Einstellung nicht immer auf demselben Niveau.
Dazu gehören beispielsweise mangelnde Bereitschaft, zusätzliche Arbeit zu investieren, Schwierigkeiten im Umgang mit Kritik oder ein Verhalten gegenüber Trainern und Mitspielern, das nicht zu den eigenen sportlichen Ambitionen passt. Auch auf dem Platz kann sich das zeigen. Ein Spieler verfügt über die notwendigen Fähigkeiten, bringt diese aber nicht konstant ein. Er arbeitet nicht konsequent gegen den Ball, geht Zweikämpfen aus dem Weg oder zeigt nach einer misslungenen Aktion nicht die notwendige Reaktion.
Solche Situationen sind natürlich immer individuell zu betrachten. Aus einzelnen Beobachtungen lässt sich kein Urteil über eine gesamte Generation ableiten. Wenn sich bestimmte Muster allerdings bei unterschiedlichen Spielern und Vereinen wiederholen, sollte man zumindest darüber diskutieren. Und genau das möchte ich mit diesem Beitrag tun.
Eintracht Frankfurt ist dabei nur ein Beispiel
Auch bei Eintracht Frankfurt habe ich in den vergangenen Jahren interessante Spielerprofile gesehen. Gleichzeitig gab es Situationen, in denen aus meiner Sicht nicht die sportlichen Fähigkeiten das größte Hindernis für die weitere Entwicklung waren. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Frankfurt ein grundsätzliches Problem mit seinen Nachwuchsspielern hätte. Im Gegenteil: Der Verein hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht und zahlreiche interessante Talente entwickelt.
Die Beobachtung zeigt vielmehr ein grundsätzliches Problem des Nachwuchsfußballs: Ein Spieler kann qualitativ gut genug sein und trotzdem noch nicht bereit für den nächsten Schritt.
Das ist ein entscheidender Unterschied. Wenn ein Spieler technisch oder taktisch noch Defizite besitzt, kann ein Trainer daran arbeiten. Wenn bestimmte Verhaltensmuster oder die persönliche Einstellung die Entwicklung bremsen, ist die Aufgabe wesentlich komplexer. (Kleiner Scouting-Tipp: Der Spieler im folgenden Video wird bereits als Nachfolger von Can Uzun gehandelt.)

Auch andere Vereine beschäftigen sich mit dem Thema
Dass diese Gedanken nicht ausschließlich aus meiner persönlichen Beobachtung stammen, zeigt die aktuelle Diskussion in anderen Vereinen. So hat sich beispielsweise Marcel Schäfer von RB Leipzig in einem Interview mit Bulinews ausführlich mit der Entwicklung junger Spieler beschäftigt. Dabei betonte er die Bedeutung von Resilienz und beschrieb die Thematik als Herausforderung, die über den Fußball hinausgeht.
„Resilienz ist einer der Schlüssel. Es ist kein Fußballproblem, sondern ein Generationsproblem. Man muss für seine Träume kämpfen.“
Schäfer verwies dabei auch auf Unterschiede zwischen deutschen Nachwuchsspielern und Talenten aus dem Ausland. Aus seiner Sicht bringen einige Spieler, die erst später in deutsche Nachwuchsstrukturen kommen, teilweise Erfahrungen mit, die ihnen im Umgang mit Widerständen helfen können.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ausländische Spieler grundsätzlich resilienter oder deutsche Spieler grundsätzlich weniger belastbar sind. Es zeigt aber, dass unterschiedliche Lebens- und Ausbildungswege einen Einfluss auf die Entwicklung eines Talents haben können. Und genau dieser Faktor sollte bei der Nachwuchsausbildung stärker berücksichtigt werden.
Was Vereine verändern könnten
Wenn wir tatsächlich feststellen, dass Resilienz, Kritikfähigkeit und Eigenmotivation bei manchen Spielern zu kurz kommen, stellt sich die nächste Frage: Was können Vereine dagegen tun?
Eine mögliche Antwort besteht darin, junge Spieler wieder stärker mit Verantwortung und Konsequenzen zu konfrontieren. Nicht jede schlechte Leistung muss durch zusätzliche Unterstützung aufgefangen werden. Nicht jede schwierige Situation muss sofort von außen gelöst werden. Spieler müssen auch lernen, selbst mit Problemen umzugehen.
Dazu gehört beispielsweise, Konkurrenz auszuhalten. Nicht berücksichtigt zu werden. Kritik anzunehmen. Nach einer schlechten Leistung weiterzuarbeiten. Verantwortung für Fehler zu übernehmen. Oder sich selbstständig zusätzliche Ziele zu setzen. Das bedeutet nicht, dass Nachwuchsspieler sich selbst überlassen werden sollten. Im Gegenteil: Gute Nachwuchsarbeit bedeutet auch, jungen Menschen beizubringen, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen.
Persönlichkeitsentwicklung sollte deshalb nicht als Zusatzaufgabe betrachtet werden, die neben dem Fußball stattfindet. Sie ist ein Teil der fußballerischen Entwicklung.
Qualität und Mentalität sind kein Gegensatz
Trotz meiner Kritik möchte ich eines ausdrücklich festhalten: Die Stimmen, die im deutschen Nachwuchs ein Qualitätsproblem sehen, sollte man keinesfalls ignorieren. Natürlich müssen Trainingsmethoden weiterentwickelt werden. Natürlich müssen Trainer gut ausgebildet sein. Natürlich müssen Vereine ihre Strukturen regelmäßig hinterfragen. Aber vielleicht ist die Diskussion zu eindimensional, wenn wir ausschließlich über Qualität sprechen.
Denn was nützt einem Spieler die perfekte technische Ausbildung, wenn er nach der ersten längeren Phase auf der Ersatzbank seine Motivation verliert? Was nützt hervorragendes taktisches Verständnis, wenn ein Spieler Kritik nicht annehmen kann? Und was nützt großes Talent, wenn die Bereitschaft fehlt, über Jahre hinweg konsequent daran zu arbeiten?
Ein guter Nachwuchsspieler braucht beides: Qualität und die Fähigkeit, diese Qualität weiterzuentwickeln.
Ein Mentalitätsproblem ist nicht zwangsläufig ein Generationenproblem
Gleichzeitig würde ich davor warnen, die aktuelle Entwicklung pauschal als Problem einer gesamten Generation zu betrachten. Junge Spieler sind nicht automatisch weniger ehrgeizig, weniger belastbar oder weniger professionell als frühere Generationen. Die Rahmenbedingungen haben sich verändert – und damit auch die Herausforderungen.
Wer heute mit 15 Jahren in einem hochprofessionellen Nachwuchszentrum trainiert, erlebt eine andere Fußballwelt als ein Spieler vor 20 oder 30 Jahren. Die Aufgabe der Vereine besteht deshalb darin, ihre Ausbildung an diese neue Realität anzupassen. Dazu gehört nicht nur die Frage, wie wir Spieler technisch besser machen können.
Es muss auch darum gehen, wie wir Spieler darauf vorbereiten, mit Druck, Rückschlägen, Konkurrenz und hohen Erwartungen umzugehen.
Vielleicht beginnt das Problem früher als gedacht
Besonders interessant finde ich deshalb die Beobachtung, dass Spieler ohne klassische NLZ-Laufbahn manchmal einen anderen Entwicklungsweg nehmen. Wer nicht bereits mit zwölf oder dreizehn Jahren in einem professionellen Leistungszentrum landet, muss sich möglicherweise länger über andere Wege behaupten. Der Weg ist nicht automatisch besser – aber er kann andere Erfahrungen vermitteln.
Ein Spieler, der sich mehrfach zurückkämpfen musste, nach einer Absage nicht aufgegeben hat oder über kleinere Vereine seinen Weg gegangen ist, kann dadurch Eigenschaften entwickelt haben, die im späteren Profifußball wertvoll sind. Das bedeutet nicht, dass Spieler ohne NLZ-Erfahrung grundsätzlich die besseren Mentalitäten besitzen. Es bedeutet vielmehr, dass Entwicklung nicht ausschließlich auf dem Trainingsplatz stattfindet.
Manchmal entstehen wichtige Fähigkeiten gerade dort, wo ein Spieler mit Widerständen konfrontiert wird.
Das eigentliche Problem ist wahrscheinlich komplexer

Die Diskussion über den deutschen Nachwuchs sollte deshalb nicht in die Kategorien „Qualitätsproblem“ oder „Mentalitätsproblem“ aufgeteilt werden. Wahrscheinlich ist die Realität komplexer.
Wir brauchen weiterhin gute Trainer, moderne Trainingsmethoden, professionelle Strukturen und eine möglichst hochwertige sportliche Ausbildung. Gleichzeitig müssen wir uns fragen, ob wir unseren Nachwuchsspielern genügend Möglichkeiten geben, Eigenverantwortung, Resilienz und den Umgang mit Rückschlägen zu entwickeln. Denn der Profifußball wird diese Eigenschaften irgendwann einfordern.
Spätestens dann gibt es keine komfortable Trainingsumgebung mehr, in der jeder Entwicklungsschritt begleitet werden kann. Verletzungen, Konkurrenz, öffentlicher Druck, Trainerwechsel, schlechte Leistungen und persönliche Rückschläge gehören zum Geschäft. Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht nicht nur, wie gut wir junge Spieler ausbilden. Sondern auch, ob wir sie darauf vorbereiten, was passiert, wenn es einmal nicht gut läuft.
Aus meiner Sicht sollten Vereine genau diese Frage künftig noch stärker in den Mittelpunkt ihrer Nachwuchsarbeit stellen. Denn Talent kann einen Spieler bis an die Tür des Profifußballs bringen. Ob er sie anschließend auch durchschreitet, hängt von deutlich mehr ab.

Unser Experte in Sachen Talentscouting, Borussia Dortmund & Football Leaks
Wenn Ihr über die nächsten potenziellen Superstars im Vorfeld informiert sein wollt, ist Florian mit Sicherheit der richtige Ansprechpartner für Euch. In Bezug auf U23-Fußball macht ihm so schnell keiner etwas vor und auch über seinen Klub Borussia Dortmund ist er stets dank der neusten Informationen auf dem aktuellen Stand. Des Weiteren verfolgt er seit Jahren ganz genau die Lage bezüglich den brisanten Football Leaks.

