Mit drei beeindruckenden Siegen in der Champions League gegen Manchester City, Atletico Madrid und Inter Mailand ist Bodo/Glimt aktuell die Spitze des Eisbergs, was den Aufschwung des norwegischen Fussballs angeht.
Ein Club, der auf die Erfolge der norwegischen Nationalmannschaft noch mal einen raufsetzt, obgleich er von den Namen her eigentlich gar nicht so viel zu tun hat mit dem Nationalteam Norwegens rund um Superstar Erling Haaland - einem neuen norwegischen Nationalteam, welches nicht nur Platz 1 in der WM-Qualifikation in ihrer Gruppe belegte, sondern mit unglaublichen 37 Toren und 5 Gegentoren in 8 Spielen (mehr als 4 Tore pro Spiel) und zwei Kantersiegen gegen Italien das wahrscheinlich offensivstaerkste Team in der Geschichte der WM-Qualifikation war.
Nun zieht also auch noch Bodo/Glimt nach, ein Club aus einer der noerdlichsten und kaeltesten Staedte auf der Welt, wo noch Menschen leben, der sich nun anschickt in der Champions League der (!!!) neue Angstgegner fuer Spitzenteams zu werden. (Bild: IMAGO / Sports Press Photo)
Daher muessen wir uns spaetestens jetzt mal die Frage stellen: Was ist eigentlich los in diesem grade mal 5,5 Millionen Einwohner Land? Warum grade dort, wo doch in Laendern wie USA (wegen der Infrastruktur), China (wegen der Menge an Menschen) oder Italien (wegen der Tradition) die Voraussetzungen fuer erfolgreichen Fussball doch eigentlich so viel besser sein sollten?
Und ist das Phaenomen Norwegen und Bodo/Glimt ueberhaupt ein reines Fussball-Phaenomen? Oder vielleicht die Folge einer generellen Schulausbildung, die ob ihrer Kernphilosophie jeder anderen in Europa aktuell um Meilen vorraus ist?
Wir blicken in die Tiefe und schauen auf den Verein und die Nation mit der vielleicht aktuell einzigartigsten Talentfoerderung der Welt:
Fussball = Geborgenheit
Wenn man sich durchliest und analysiert, worauf in Nachwuchsleistungszentren in Norwegen vor allem und bis zu einem gewissen Alter bei Kindern erstmal nur (!) geachtet wird, landet man immer wieder bei diesen zwei Worten: Geborgenheit und Spass. Fussball soll fuer Kinder eine Reise des Entdeckens sein, erstmal nicht mehr und nicht weniger.
Denn bereits 1987 wurden in Norwegen Kinderrechte durchgesetzt, die nicht nur das Schulsystem beeinflussen sollten, sondern insbesondere auch den Breitensport - Kinderrechte, die 2013, 2015 und 2019 dann noch einmal erneuert und professionalisiert wurden: Hier einmal die wichtigsten Punkte, uebrigens auch nachzulesen auf der Website des norwegischen Sportbundes:
1.) Geborgenheit, Teilnahne fuer Kinder an Aktivitaeten muessen immer frei von jeglichem Druck und Zwang sein
2.) Freundschaft und Wohlergehen, der Sport soll in erster Linie auf das Foerdern von Freundschaft und neuen spannenden Bekanntschaften fuer die Kinder ausgelegt werden
3.) Meisterung, was bedeutet erlernte Faehigkeiten mit anderen zu teilen und die daraus resultierenden Gluecksmomente gemeinsam (!) zu erleben
4.) Mitbestimmung. Teilhabe an Gestaltung und Plan von sportlichen Aktivitaeten.
5.) Verantwortung: Kinder sollen schon von frueh auf alle Rollen kennen lernen, die ein erfolgreiches Sportumfeld mitbringt und diese Rollen so kreativ wie moeglich ausleben duerfen
Das heisst kurz gesagt: Als junger norwegischer Fussballspieler bekommst du nicht aufgedrueckt, wer du sein sollst, sondern du sollst finden, wer du sein willst. Und wenn das heisst, dass du als 11Jaehriger mal selber die Mannschaft trainierst, bestimmst, welche sportlichen Uebungen durchgefuehrt werden sollen und in welcher Intensitaet, dann wird das in Norwegen nicht nur erlaubt, sondern sogar ausdruecklich erwuenscht.
Die Folge sehen wir im Fussball derzeit an allen Ecken und Enden: Nicht nur bei Bodo/Glimt, mit einem Kader, der fast nur aus norwegischen Spielern besteht. Sondern auch mit einer neuen Generation, die sich - natuerlich angeheizt vom Mega-Erfolg des aktuell neben Mbappe und Harry Kane vielleicht besten Stuermer der Welt Erling Haaland - mehr und mehr in den Top-Vereinen festspielt und das Sinnbild einer der groessten goldenen Generationen ist, die jemals aus so einem bevoelkerungskleinen Land kamen:
Sverre Nypan, Oscar Bobb, Antonio Nusa, Andreas Schjelderup, dazu noch weitere nachkommende junge Spieler wie Sindre Walle Egeli, Elias Solberg, Daniel Skaarud oder Victor Halvorsen, die mittlerweile auch weit mehr als nur Geheimtipps fuer nerdige Scouts sind.
Talente, die alle zeigen, dass die aktuelle norwegische Generation rund um Erling Haaland, Sander Berge und Martin Odegaard vielleicht noch nicht mal die Beste ist.
<a
The Norwegian Generation Next.
— Football Talent Scout - Jacek Kulig (@FTalentScout) August 17, 2022
Some of Norway's best prospects born between 2001 and 2005.
Strong generation. They are doing a phenomenal job.
🇳🇴🇳🇴🇳🇴 pic.twitter.com/21F1Unphwt
Modernes Sport-Crossover-System
Auch wird von einem norwegischen Nachwuchsspieler niemals verlangt, dass er - wenn er zum Beispiel Teil der Nachwuchsakademie von Bodo/Glimt ist, die neben denen von Viking Stavanger und Rosenborg Trondheim zu den besten des Landes zaehlt - sich unbedingt nur (!) fuer diesen einen Sport Fussball entscheiden musst. Ganz im Gegenteil: Offenheit gegenueber anderen Sportarten wird hier sogar explizit in den norwegischen Nachwuchsakademien gefoerdert und gewuenscht.
Basketball-Stars wie Nikola Jokic werden hier zum Beispiel als Vorbilder genannt: Ein Spieler, als dessen groesste Staerke immer seine Fussarbeit genannt wurde: Warum? Weil auch er, wie viele andere Basketball-Stars aus der NBA, eine Fussball-Vergangenheit hat.
Den umgekehrten Fall erleben wir derweile derzeit beim vielleicht heissesten Real-Madrid-Newcomer: Franco Mastantuono.
Was bei bei diesem jungen Argentinier, der in seiner Heimat schon mit Messi verglichen wurde, so heraussticht, sind neben seiner Fussarbeit vor allem sein Koerperschwerpunkt, die Art und Weise, wie er diesen verteilt, um andere Spieler vom Ball abzuschirmen und sein Dribbling auf ein neues Level zu hieven: Woher das kommt? Weil er im Gegensatz zu Messi, Maradona etc. in seiner Jugend fast nur Tennis gespielt hat, eine Sportart, wo Koerperschwerpunkt nochmal auf einem ganz anderen Level verlangt wird.
Liegt hier daher vielleicht sogar ein Stueck weit die Zukunft des Fussballs? Keine reine One-Way-Ausbildung mehr?
Und kleiner Side-Fact: Dies ist etwas, was man uebrigens derzeit auch in vielen Laendern in der Musik beobachten kann. Auch hier werden, insbesondere in Laendern wie China oder Suedkorea die Kinder nicht mehr nur auf einem Instrument ausgebildet, sondern auf mindestens zwei Instrumenten, um zum Beispiel das Gefuehl von Bindungen von Toenen und Melodiephrasierungen von der Geige dann direkt auf das Klavier uebertragen zu koennen.
Auch hier ist die Folge dieser neuen Crossover-Ausbildungsphilosophie zu sehen: Bereits jetzt sind China und Suedkorea neben Japan und Russland die groessten Exportlaender an hochqualitativen klassischen Instrumentalisten und wenn man sich die Preistraegerlisten der Nachwuchswettbewerbe anschaut, sollte man sich fragen, ob diese Laender europaeische Laender wie Deutschland, Frankreich oder Italien nicht sogar schon laengst komplett abgehaengt haben.
Und aber wieder zum Sport zurueck zu kommen: Die Ergebnisse dieser Offenheit in der norwegischen Ausbildung lesen sich daher nicht umsonst grade wie ein Buch, auch weit ueber den Fussball hinaus:
Hier nur ein kleiner Einblick in die Ergebnisse der letzten olympischen Spiele: 2022: Meiste gewonnene Goldmedaillen jemals (16 Stueck), plus dann zwei Jahre spaeter nochmal meiste gewonnene Medaillen insgesamt, darunter 4 mal Gold in den Sommerspielen, ein Erfolg, der weit ueber das hinaus geht, wofuer Norwegen vor zehn Jahren noch bekannt war, naemlich als ein Land, was ob seiner geografischen Lage sportlich vor allem im Wintersport herausragte.
Hinzu hat man auch mit Casper Ruud (Platz 12 in der Weltrangliste) derzeit einen der besten Tennis-Spieler der Welt.
Man sieht also klar: Die Folgen der norwegischen Ausbildung sind nicht nur im Fussball zu sehen, sondern in allen Sportarten.
Erfolg kein Zufall mehr
Alles dies sind Faktoren, die endgueltig beweisen: Der Erfolg von Bodo/Glimt, wie auch der der norwegischen Nationalmannschaft sind kein Zufall mehr, sie sind viel mehr ein Produkt einer komplett neuen innovativen Leistungsfoerderung, gepusht von einer komplett neuen Leistungsphilosophie.
Es geht nicht mehr darum, zu "werden wer wir sein solln", sondern zu "lernen wer wir sind", wie es auf der Seite der Akademie Norway Foot Academy so schoen heisst.
Oder, wie es Terje Svendsen, der ehemaliger Praesident des norwegischen Fussball-Verbands und Vorgaenger von Lise Klaveness vor ein paar Jahren formuliert hat:
"Die Motivation der Kinder ist viel wichtiger als die der Eltern oder Trainer. Wir koenen es uns als kleines Land nicht leisten, dass die Kinder nicht maximal Lust auf Sport haben."
Dabei steht ueber allem aber auch die Haltung der norwegischen Politik, dass jegliche Beschaffung von Materialien, jegliche Hierarchie in der Ausbildung wie auch jegliche Chancen, fuer die U-Nationalmannschaften nominiert werden, komplett unabhaengig von der wirtschaftlichen Situation der Eltern sind.
Auch wird darauf wert gelegt, dass Tabellen und Teilnahme an Wettbewerbe fruehestens ab dem 11. Lebensjahr erlaubt ist.
Ein klarer Fingerzeig darauf, dass die Kinder erst "entdecken" sollen, um dann ihre Ziele zu formulieren und anzustreben und auch ein klarer Fingerzeig an Deutschland:
War die Reform der deutschen Nachwuchsfoerderung durch das Funino-System vielleicht schon lange ueberfaellig? Ein System, was durch die vielen kleinen Felder, zwischen denen man als Kind je nach Erfolg hin und her switchen kann und dem damit erst auf dem zweiten Blick ersichtlichen Wettbewerbsgedanken, erstmal den Spass und die Freude am Fussball hervorheben soll?
Mario Basler wuerde vielleicht sagen:
"Nein, die Goeren sollen Tore schiessen und die Klappe halten, beziehungsweise, wenn ihnen der Druck am Fussball zu gross wird, halt Maler und Lackierer werden, bei ALDI an der Kasse tippen oder was auch immer".
Aber zeigt nicht das Beispiel Norwegen, dass vielleicht genau hier die Zukunft des Fussballs liegt?
Bodo/Glimt, die Wiege des Erfolgs
Und mittendrin Bodo/Glimt, deren unfassbare Erfolge der letzten Wochen nochmal weit aus mehr sind als ein Fingerzeig. Denn ja - viele haben die WM-Qualifikation der Norweger beobachtet, ein Team, was ueber Gegner teilweise so hinweg gefegt ist, wie "Die Voegel" ueber Bodega Bay in Alfred Hitchcocks gleichnamigen Film-Klassiker.
Die wenigstens sehen aber, dass da laengst mehr hinter steckt, als ein absolutes Jahrhunderttalent im Sturm mit Namen Erling Haaland und Norwegen 2026 noch mal ein ganz anderes Phaenomen ist als EM-Halbfinalist Wales 2016, angefuehrt von ihrem einen Superstar Gareth Bale.
Und trotzdem nein: Es sind nicht etwa Haalands Nationalmannschaftskollegen, Spieler wie Martin Odegaard (FC Arsenal), Andreas Schjelderup (Benfica Lissabon), Antonio Nusa (RB Leipzig), Andreas Moller-Wolfe (Crystal Palace), Alexander Sorloth (Atletico Madrid) oder Julian Ryersson (Borussia Dortmund), die grade dafuer sorgen, dass mit Bodo/Glimt ein kleiner norwegischer Verein aus einer grade mal 53.000-Einwohner-Stadt, welcher uebrigens eine Zahnbuerste als Maskottchen hat, am Start ist, der nun kurz davor ist, ins Champions-League-Achtelfinale zu ziehen.
Es ist viel mehr ein Team aus Spielern, deren bekanntester Spieler Jens-Petter Haugge heisst und der bislang nur als gescheitertes Frankfurt-Talent bekannt war. Doch wer sind diese Spieler eigentlich, die uebrigens letztes Jahr schon im Halbfinale der Europa League standen und auf dem Weg dorthin u.a. Jose Mourinho und die AS Rom mit einem 5 : 1 Sieg mal ganz klar wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht haben?
DIE SPIELER:
Zunaechst einmal sind 14 der aktuellen Kaderspieler von Bodo/Glimt Norweger aus der eigenen Akademie, ein Wert, wovon Top-Clubs aktuell nicht einmal traeumen koennen.
Dazu kommen Spieler wie Patrick Berg, Ulrik Saltnes, Sondre Brunstad Fed und Sondre Auklend, die ebenfalls schon lange im Verein spielen, beziehungsweise aus der Region kommen. Hinzu wurden Spieler wie Torhueter Nikita Haikin, der sich unter anderen Umstaenden sicherlich auch fuer die russische Nationalmannschaft bei der WM 2026 empfohlen haette, wie auch der daenische Stuermer Kasper Hogh gezielt verpflichtet, um den jungen Spielern eine Achse zu geben, an die sie sich halten koennen.
Hinzu sind es junge norwegische Talente, wie Magnus Rissnaes (20), Fredriik Sjovold (22), wie auch das erst 16jaehrige Megatalent Mikkel Bro Hansen, die der gesamten Mannschaft eben diese Energie geben, die nur eins sagt: Haaland und Odegard haben uns vielleicht motiviert und stehen jetzt schon eine Stufe ueber uns. Aber jetzt wollen wir es wissen.
DER ARCHITEKT DES ERFOLGES:
Und nicht zuletzt darf man natuerlich ihn nicht vergessen: Kjetil Knutsen, jemand, der nicht nur Taktikgeber, sondern auch Philosophieverfolger des Vereins ist und nicht zuletzt auch bei Eintracht Frankfurt kuerzlichst als Nachfolger von Dino Toppmoeller hoch im Kurs stand.
Knutsens Spielidee basiert dabei auf extrem hoher Intensität, aber nicht chaotisch, sondern strukturiert. Sein Team presst früh, aggressiv und vor allem koordiniert. Die vorderste Linie läuft nicht blind an, sondern lenkt den Gegner gezielt in Pressingfallen. Besonders auffällig: Bodø/Glimt verteidigt oft mannorientiert im Mittelfeld, schiebt mutig nach und versucht Ballgewinne in hohen Zonen zu erzwingen.
Im Ballbesitz setzt Knutsen dabei auf ein klares 4-3-3 mit enormer Breite. Die Flügelspieler bleiben hoch und breit, die Achter schieben dynamisch in die Halbräume, der Sechser (oft Patrick Berg) leitet dabei strukturiert das Spiel. Auffällig ist die permanente Bewegung ohne Ball: Dreiecksbildung, ständiges Freilaufen, klare Passwinkel.
New #FM24 Tactic KJETIL KNUTSEN'S BODO GLIMT MASTERCLASS WON THE DOUBLE IN NORWAY, WON ENGLISH PREMIER LEAGUE WITH MANUTD available in our Tactics Section
— Sort It Out SI.net (@sortitoutsi) September 6, 2025
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Der aber wohl am meisten unterschätzte Faktor ist dabei allerdings Knutsens mentale Arbeit. Bodø/Glimt spielt gegen Topteams ohne Ehrfurcht. Das ist kein Zufall. Knutsen vermittelt eine klare Botschaft:
Wir passen unser Spiel nicht an – wir zwingen den Gegner, sich uns anzupassen.
Auch eine Einstellung, mit der man als vermeintlicher Underdog erstmal in ein Spiel gegen Manchester City gehen muss, eine Einstellung, die aber perfekt funktioniert.
Und die noch einmal mehr mehr beweist: Die Philosophie, wie man in Norwegen den Fussball sieht, ist laengst ueber die Nationalmannschaft hinaus gewachsen. Es ist eine Aufgabe, der sich alle verpflichtet fuehlen, Erfolg, ja aber nicht um des Erfolgs willen. Gemeinschaft dafuer umsomehr, und wenn als Zeichen an die Welt, dass es eben auch so geht.
Mit dem Wissen, dass Fussball am Ende einfach das ist: 22 verschwitzte Menschen, die sich um einen Ball kloppen und dabei einfach Freude empfinden.



