Der VFL Wolfsburg ist 2025/26 in seine 30. Bundesligasaison gegangen. Doch statt dieses Jubiläum zu feiern, muss man sich nun mit knallhartem Abstiegskampf zufrieden geben. Auf Platz 17 steht man aktuell in der Liga, die Fans haben sich groeßtenteils abgewandt und nun sind auch noch Sportdirektor Peter Christiansen und Trainer Daniel Bauer weg. (Bild: IMAGO / Darius Simka)
Einziger Trost: Mit Dieter Hecking hat man nun einen erfahrenen Trainer zurueck ins Boot geholt, einen Trainer, mit dem man bereits den DFB Pokal gewonnen hat und Vizemeister geworden ist. Hier unsere Einschaetzung der Situation in Wolfsburg:
Offensive Ineffizienz meets fehlende Mentalität
Als die Saison begann, waren die Erwartungen beim VfL Wolfsburg hoch. Intern galt ein Platz im europäischen Geschäft als realistisches Ziel, zumindest wollte man sich im oberen Tabellenmittelfeld etablieren. Doch gut zwei Monate vor Saisonende steht der Klub plötzlich auf einem Abstiegsplatz.
Dabei gehört der Wolfsburger Kader weiterhin zu den teuersten der Liga. In der Marktwert-Rangliste liegt der VfL Wolfsburg mit 250 Millionen Euro Gesamtwert auf Platz sieben der Bundesliga, das heisst - rein vom Kaderpotenzial - auf einem Europaplatz. Bei keinem anderen Bundesligaverein liegt die Diskrepanz zwischen eigentlichem Spielerpotenzial, von Christian Eriksen bis Mohamed Amoura, die beide Kapitäne oder Führungsspieler in ihren Nationalmannschaften sind, und sportlicher Realität in so einem klaren MIssverhältnis. Doch woran liegt es?
Ein Blick auf die Statistiken zeigt, wie ungewöhnlich die Lage ist. In vielen physischen und kämpferischen Kategorien gehört Wolfsburg sogar zu den stärkeren Teams der Liga. Die Mannschaft läuft viel, sprintet viel und arbeitet intensiv gegen den Ball. Dennoch fehlen häufig die entscheidenden Aktionen im letzten Drittel.
In der Passquote liegt Wolfsburg nur im Mittelfeld der Liga, beim Ballbesitz ebenfalls. Besonders auffällig ist jedoch die geringe Anzahl an Torschüssen, bei der der Klub nur auf Platz 16 steht. Gleichzeitig rangiert die Mannschaft bei Laufdistanz, intensiven Läufen und Sprints in den Top sieben der Bundesliga. Das deutet darauf hin, dass Einsatz und physische Bereitschaft grundsätzlich vorhanden sind, die Qualität im Offensivspiel jedoch fehlt.
Dem Team mit einem der teuersten Kader der Fußball-Bundesliga droht der erstmalige Abstieg in die Zweitklassigkeit: Nach der nächsten Pleite gegen den HSV greift der VfL Wolfsburg nun vehement durch. #WOBHSVhttps://t.co/9ru5wr0rql
— FAZ Sport (@FAZ_Sport) March 8, 2026
Ein besonders großes Problem ist die fehlende Torgefahr. In der gesamten Saison haben nur zwei Spieler mehr als drei Treffer erzielt. Jonas Amoura führt die interne Torschützenliste mit acht Toren an, während Wolfsburgs Youngstar Dzenan Pejcinovic immerhin fünf Treffer beigesteuert hat. Dahinter fällt die Statistik stark ab. Für einen Klub mit Ambitionen auf die obere Tabellenhälfte ist das deutlich zu wenig.
Immerhin - Dzenan Pejcinovic darf vielleicht als der eine positive Ausreißer dieser ansonten Horrorsaison beim VFL bezeichnet werden - der lebende Beweis, dass der VFL zumindest immer noch Talente ausbilden kann. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass er drei seiner fünf Tore in einem Spiel geschossen hat und die ersten Monate der Saison auch größtenteils auf der Bank sass.
Dies geschah beim 3 zu 4 gegen den SC Freiburg, ein Spiel, was man trotz des Hattricks von Pejcinovic trotzdem noch verlor: Der endgültige Beweis dafür, dass es auch mental im Team absolut nicht stimmt und selbst ein Hattrick eines eines jungen ambitionierten Stuermers die Mannschaft nicht motivieren kann, zumindest eine Niederlage zu verhindern.
Warum die Zeichen so duester erscheinen
In jeder Saison gibt es fuer gewöhnlich den einen Verein, der überraschend in den Abstiegskampf rutscht und sich auf einmal in einer Tabellenregion sieht, wo er sich selbst nie gesehen haette. Beim VFL Wolfsburg ist diese SItuation aber besonders gefährlich. Denn viele Spieler nutzen den Verein klar als Durchgangsstation, hinzu ist auch der Fansupport nicht ansatzweise in der Größe vorhanden, wie z.B. beim anderen Krisenclub Werder Bremen.
Nur zwei mal war die Volkswagen-Arena bislang ausverkauft, das war beim 30jaehrigen Jubiläum und beim Auswärtsbesuch von Borussia Dortmund, was aber vor allem den Dortmunder Auswärtsfans zu verdanken war. Ansonsten war das Stadion oft zu einem Drittel leer und gehört neben dem der TSG Hoffenheim zu einem der am wenigsten besuchtesten Stadien der beiden deutschen Top-Ligen.
Nach der jüngsten Heimniederlage gegen den Hamburger SV kam es zudem zu deutlichen Pfiffen von den Rängen sowie zu Protestplakaten gegen die Mannschaft. Gerade im Abstiegskampf kann ein solches Umfeld zusätzliche Unsicherheit erzeugen und zu einer sehr toxischen Gesamtsituation fuehren.
Denn auch wenn die Fanszene der Wölfe vielleicht etwas kleiner ist, gilt sie dennoch als sehr leidenschaftlich und sensibel, wenn das Team sich nicht für den Verein aufreibt, wie auch Neu-Trainer Dieter Hecking bei seiner Einstellung klar betonte.
#Hecking: Ich habe in den letzten Wochen immer mal wieder Diskussionsrunden gesehen, in denen sehr oberflächlich über den VfL Wolfsburg gesprochen wurde. Ich kann nur aus meiner Zeit hier sagen, dass dieser Verein eine genauso leidenschaftliche Fanbasis hat wie Klubs mit deutlich… pic.twitter.com/nKhkqTKkkn
— VfL Wolfsburg (@VfL_Wolfsburg) March 9, 2026
Der Downfall vom Mutterkonzern VW
Hinzu kommt, dass auch der Mutterkonzern des Vereins Volkswagen seit Jahren in einer handfesten Krise steckt. Ganze 60 Milliarden Euro sollen eingespart werden bis 2028, was dazu führen könnte, dass mindestens 30.000 Jobs gefährdet sind, Werke geschlossen werden und VW immer mehr zum Sinnbild der Wirtschaftskrise in Deutschland insbesondere in der Automobilindustrie wird. Dass neben der Klimapolitik in Deutschland nun auch noch die Benzinpreise aufgrund des Nahostkonflikts im Iran massiv steigen wirkt sich hier auch indirekt auf den Fussball auf. Die Sorge der Fans ist also groß, dass VW seinen Verein nach 30 Jahren Bundesliga sogar komplett fallen lassen könnte, womit klar ist:
Der VFL Wolfsburg ist definitiv kein Verein, der im Falle eines Abstiegs automatisch sofort wieder aufsteigen muss. Denn sollte sich VW als Sponsor und Geldgeber zurückziehen, würden die Woelfe zuzüglich zum fehlenden Fansupport auch noch den finanziellen Support verlieren - ihre größte Staerke, die bis bislang immer in der Bundesliga gehalten hat. Dieses Worst-Case-Szenario könnte dann sogar langfristig zu einem Totalabsturz, bzw. einem Abstieg in die 3. Liga fuehren - etwas, was man ähnlich schon mal beim 1. FC Kaiserslautern und 1860 Muenchen gesehen hat, wo die Gründe für den dauerhaften Abschied aus der Bundesliga auch vor allem auf finanzielle Fehlkalkulation der Vereinsverantwortlichen zurückzuführen war.
Auch die öffentliche Kommunikation wirkte zuletzt angeschlagen. Nach dem Spiel gegen den Hamburger SV trat Sportdirektor Pirmin Schwegler vor die Kameras und wirkte sichtbar erschüttert, fast so als wäre der VFL schon abgestiegen. Seine Aussagen klangen eher nach einer resignierten Bestandsaufnahme als nach einem kämpferischen Aufruf, währendmauch Trainer Daniel Bauer die Schuld Mal für Mal nur bei den Schiedsrichtern sah.
Warum es unter Daniel Bauer nicht lief
Als Daniel Bauer im Winter dauerhaft Cheftrainer wurde, war er ursprünglich als Übergangslösung gedacht. Der ehemalige Nachwuchstrainer sollte Stabilität bringen und die Mannschaft durch eine schwierige Phase führen. Doch dieses Experiment ging letztlich nicht auf.
Zum einen fehlte Bauer die Erfahrung auf diesem Niveau. Als er die Mannschaft übernahm, befand sich der VfL Wolfsburg bereits mitten im Abstiegskampf. In solchen Situationen setzen viele Vereine bewusst auf Trainer mit großer Erfahrung im Umgang mit Drucksituationen, doch ausgerechnet hier wählte Sportdirektor Peter Christiansen den ungewöhnlichen Weg, einen jungen Trainer aus dem eigenen Stall hochzuziehen.
Hinzu kam, dass es Bauer kaum gelang, eine klare Spielidee zu etablieren. Die Mannschaft wirkte taktisch häufig unsicher. Die Pressingstrukturen waren nicht immer klar abgestimmt, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen wurden teilweise zu groß und im Angriff fehlte es an Durchschlagskraft.
Dennoch sollte man Daniel Bauer in der Bundesliga noch nicht abhaken. Seine erste große Chance hat er jetzt natürlich erstmal vergeigt, dass er aber durchaus einige gute Ansätze hatte, beweist vor allem die Integration von Star-Mittelfeldspieler Christian Eriksen, der unter ihm zumindest wieder einige von den Stärken zeigen konnten, die den langjährigen Kapitaen der dänischen Nationalmannschaft einst so ausgezeichnet hatten.
JAAAAAAA! DA IST DIE FÜHRUNG! Christian Eriksen verwandelt sicher! Weitermachen!#WOBHSV 1:0
— VfL Wolfsburg (@VfL_Wolfsburg) March 7, 2026
Die Fehler von Peter Christiansen
Die größten strukturellen Probleme gehen allerdings auf die Transferpolitik von Ex-Sportdirektor Peter Christiansen zurück und das nicht nur, was seine Trainerwahl anging. Mehrere Verpflichtungen erwiesen sich als kostspielig, ohne die Qualität der Mannschaft entscheidend zu verbessern.
So zahlte der VfL Wolfsburg rund 15 Millionen Euro für den defensiven Mittelfeldspieler Vinicius Souza, dieser konnte aber die Erwartungen als Abräumer vor der Abwehr bislang kaum bis gar nicht erfüllen. Ähnliches gilt fuer den Flügelspieler Andreas Skov-Olssen, der ähnlich teuer war. aber ähnlich floppte. Auch Stürmer Jonas Amoura kostete etwa 15 Millionen Euro, wirkte aber in vielen Spielen auch phasenweise wie ein Fremdkörper, der von seinen Teamkollegen in weiten Teilen nicht mal ansatzweise richtig eingesetzt wurde. Dennoch stimmte in weiten Teilen zumindest seine Torquote, was ihn neben Torwart Kamil Grabara noch zu einem der besseren Transfers von Peter Christiansen macht.
Im Winter kamen zudem der junge Stürmer Kento Shiogai sowie Innenverteidiger Jonas Adjeteh, für die zusammen ganze 18,6 Millionen Euro investiert wurden. Besonders merkwürdig war dabei die Altersstruktur der Wintertransfers: Alle Neuzugänge waren höchstens 22 Jahre alt. In einer Phase. In der Erfahrung und Führung im Abstiegskampf gefragt gewesen wären, setzte Peter Christiansen hier ausschließlich auf junge Entwicklungsspieler, was man auch als durchaus fragwürdig bezeichnen kann.
Ein weiterer Kritikpunkt an Christiansen war sein starker Fokus auf den dänischen Markt. Zeitweise standen sechs dänische Spieler im Kader des VfL Wolfsburg. Auch Torhüter Kamil Grabara und Innenverteidiger Denis Vavro wurden vom FC Kopenhagen verpflichtet. Dadurch entstand intern und extern der Eindruck, dass sich die Transferpolitik stark an persönlichen Netzwerken orientierte und weniger an einer strukturierten Stärken-Schwaechen-Analyse des Kaders.
Dieter Hecking - Der Retter?
Mit der Rückkehr von Dieter Hecking setzt der VfL Wolfsburg nun bewusst auf Erfahrung und Stabilität. Der 61-jährige Trainer kennt den Verein aus seiner erfolgreichen Zeit zwischen 2013 und 2016 sehr genau. In dieser Phase führte er den Klub nicht nur zum DFB-Pokalsieg 2015, sondern auch zur Vizemeisterschaft und in die Champions League.
Vor allem aber gilt Hecking als Trainer, der Mannschaften strukturieren und stabilisieren kann. Seine Ansprache ist klar, direkt und sachlich. Im Gegensatz zu emotional aufgeladenen Trainertypen versucht Hecking selten, über große Gesten oder öffentliche Kritik Druck aufzubauen. Stattdessen setzt er auf klare Kommunikation, feste Rollenverteilungen und eine ruhige Autorität.
Diese pragmatische Herangehensweise hat Hecking bereits bei mehreren Stationen ausgezeichnet. Beim 1. FC Nürnberg führte er den Verein Anfang der 2010er Jahre überraschend in die obere Tabellenhälfte der Bundesliga. Beim Borussia Mönchengladbach stabilisierte er eine Mannschaft, die zuvor in einer schwierigen Phase steckte. Auch beim Hamburger SV und beim FC Schalke 04 galt er als Trainer, der Ruhe in turbulente Situationen bringen kann.
Einzig und allein bei seiner letzten Station, dem VFL Bochum in der Saison 2024/25 gelang es ihm nicht, den Verein vom Abstieg zu retten. Hier muss man aber auch dazu sagen, dass er die Mannschaft übernahm, als diese mit 1 Punkt nach 9 Spielen abgeschlagen Letzter war. Hätte Hecking das Team von Anfang an gecoached, hätte der VFL Bochum laut Hecking-Tabelle und Punkteschnitt nämlich die Klasse gehalten.
Typisch für Hecking ist zudem seine klare Erwartungshaltung an Professionalität und Disziplin. Disziplinlosigkeiten und Verspätungen, wie sie in der Vergangenheit durchaus insbesondere bei Stürmer Mohamed Amoura durchaus mal vorkamen, werden unter Hecking nicht geduldet.
Dennoch ist die Hauptaufgabe von Hecking beim VFL Wolfsburg ganz klar: Die Spieler an ihrer Ehre zu packen, wenn schon nicht für den Verein (langjährige Vereinsikonen wie Kapitaen Maximilian Arnold ausgenommen), dann zumindest fuer sich selbst und fuer ihren Traum, eines Tages mal bei einem absoluten Top-Club zu spielen, der im Falle eines Abstiegs natürlich auch gefährdet wäre.
Diese Mentalität zurück ins Team zu bringen, gelang ihm zuletzt bei seinem ersten Spiel, einem 1 : 1 gegen die TSG Hoffenheim, zumindest schon mal ganz gut, einem Spiel, wo die Mannschaft deutlich stabiler stand, wesentlich besser gegen den Ball arbeitete und durchaus auch offensiv wieder Lebenszeichen sendete.
Dieter Hecking: "Zum VfL Wolfsburg zurückzukehren, bedeutet mir viel. Ich habe hier eine intensive und erfolgreiche Zeit erlebt und weiß, welche Qualität und Energie in diesem Verein steckt. Jetzt gilt es, den Fokus voll auf die kommenden Aufgaben zu richten und gemeinsam alle…
— VfL Wolfsburg (@VfL_Wolfsburg) March 8, 2026
Das Restprogramm – und ein mögliches Endspiel
Die Aufgabe bleibt dennoch sehr schwierig. Der VfL Wolfsburg hat eines der schwersten Restprogramme im Tabellenkeller. In den verbleibenden Wochen stehen mehrere Spiele gegen Mannschaften aus der oberen Tabellenhälfte an, während gleichzeitig direkte Duelle gegen Konkurrenten im Abstiegskampf warten. Hinzu kommt noch ein Spiel gegen den FC Bayern, gegen den man zuletzt ganze 8 Gegentore kassierte.
Besonders brisant könnte zudem der 34. Spieltag werden. Dann trifft der VfL Wolfsburg auf den FC St. Pauli. Sollte der Abstand zwischen beiden Teams bis dahin gering bleiben, könnte diese Partie tatsächlich zu einem direkten Endspiel um den Klassenerhalt werden.




