Mit nur 7 Siegen und 11 Niederlangen in 26 Spielen schaffte es der ehemalige Brentford-Trainer Thomas Frank tatsächlich, die (den Europa-League-Titel ausgenommen) schlechteste Saison der Spurs in der Vereinsgeschichte unter Ange Postecoglu innerhalb eines halben Jahres noch einmal zu unterbieten. (Bild: IMAGO / IPS)
Nach einer weiteren 1 : 2 Niederlage gegen Newcastle United und zahlreichen Fanpfiffen war damit die Entlassung Franks die einzige logische Konsequenz.
Nun soll der ehemalige Juventus- und Lazio-Trainer Igor Tudor den Verein, der mittlerweile auf Platz 16 der Premier League nur noch 4 Punkte vor einem Abstiegsplatz steht, interimsweise übernehmen. Nach dem Sommer möchte man dann, laut Sportdirektor Thomas Lange, die Situation evaluieren und entscheiden, ob man mit Tudor weiter macht oder nach einer langfristigeren Lösung sucht.
Inwiefern die Entscheidung
richtig war, einen Trainer zu holen, der noch nie in der Premier
League trainiert hat und dessen Stationen
bei Verona,
Marseille, Lazio und Juventus auch
von wenig Erfolg gekrönt waren, das schauen wir uns nun an. Und
blicken damit zunächst einmal ein bisschen zurück.
Die goldenen Zeiten unter Pochettino
Es war die Saison 2018/2019 und der Verein Tottenham Hotspur befand sich kurz vor seinem grössten Triumph. Nur noch ein Finalsieg war man davon entfernt, das Image des ewig-titellosen Vereins loszuwerden. Damit war man kurz davor, seine jahrelange gute Arbeit unter dem heutigen US-Bundestrainer Mauricio Pochettino mit dem grösstmöglichen Sieg zu belohnen, der im Clubfussball möglich ist: Dem Gewinn der Champions-League-Trophäe.
Dass es am Ende dann doch der FC Liverpool unter Jürgen Klopp war, der sich, angeführt von seinem kongenialen Sturmtrio aus Mo Salah, Sadio Mane und Roberto Firmino, am Ende mit dem ersten Titel nach 14 Jahren belohnen konnte, mag vielleicht schon der Beginn des schleichenden Zerfalls dieses einst so grossen Vereins Tottenham Hotspur gewesen sein.
Denn ja - wenn es irgendeinen englischen Pendant zu Bayer Leverkusen vor dem Xabi-Alonso-Double im englischen Fussball gab, dann war das sicherlich Tottenham Hotspur. Nicht zuletzt hat am Ende selbst Harry Kane, der drauf und dran war für die Spurs so etwas wie der englische Francesco Totti zu werden (eine One-Club-Legende, von denen man heutzutage anderswo nicht einmal mehr zu träumen wagt) sich am Ende deswegen für den FC Bayern entschieden: Die Bayern waren für ihn die Gewissheit neben seinen vielen Einzeltrophäen (mehrmaliger Torschützenkönig der Premier-League) endlich nochmal Clubtitel, zumindest auf nationaler Ebene zu gewinnen.
Das eigentliche Problem aber war: Statt sich ueber die hervorragenden Ergebnisse unter Pochettino zu freuen (Platz 5, 4, 2, 3, und 4 in der Premier League + Einzug in Champions League Finale) frass man sich, seitens der Vereinsfuehrung, mit seinem unbedingten Willen nach Titeln am Ende selber auf. Denn statt auf die Ergebnisse stolz zu sein, versuchte man schliesslich sich, als einer zu dem Zeitpunkt 10 umsatzstaerksten Vereine der Welt, den Titel irgendwie "einzukaufen".
Vom Special One zum Unknown One
Die Antwort erschien zunächst logisch: Man holt sich einfach den Trainer ins Haus, der über Jahrzehnte einer der, was Titel angeht, erfolgreichsten Trainer der Welt war und die Champions League mit Real Madrid, Inter Mailand und sogar mit dem FC Porto gewann: The Special One - Jose Mourinho.
Nur war diese Entscheidung nicht wirklich logisch, weil Fussball nicht so funktioniert. Auf einen schnellen Umschaltfussball, wie man ihn noch unter Pochettino spielte, einen Trainer zu holen, der für ekliges Spiel gegen den Ball und Notfalls-Den-Bus-Hinten-Reinstellen steht, funktioniert eben nicht. Auch unter seinen Nachfolgern Antonio Conte und Nuno Espirito Santos, die nochmal für ganz anderen Fussball standen, funktionierte es nicht viel besser, zumindest selbst unter Conte nie konstant über eine ganze Saison.
Ausgerechnet Ange Postecoglu sollte es dann sein, der mit seiner rauen polarisierenden Art und einer gesunden grossen Klappe (z. B. "egal, wo ich war, am Ende habe ich immer Titel gewonnen, wenn man mir nur Zeit gab" mitten im Abstiegskampf zu sagen) wieder frischen Wind in den Club bringen sollte.
🏆 Ange Postecoglou when asked if Tottenham can win a trophy this season:
“I don’t usually win things, I always win things in my second year." pic.twitter.com/DI1WxA4AqY
— Football Tweet ⚽ (@Footballtweet) September 15, 2024
Aus Schottland von den Glasgow Rangers gekommen, sollte der Australier mit einer Truppe junger hungriger Talente, wie u.a. Archie Gray, Lucas Bergvall und Wilson Odobert, nach den teils zermürbenden Mourinho- und Conte-Jahren, wieder Fussball spielen, der spritzig ist, intensiv und die Fans begeistert.
Das Problem war nur: Innerhalb kürzester Zeit war die Mannschaft so überspielt, dass fast ein Drittel des Kaders verletzt war und der Rest defensiv teilweise so desolat verteidigte, dass Tottenham zwischenzeitlich schon fast zur Schiessbude der Liga wurde.
Zum ersten Mal ging es nicht mehr um Champions-League-Plätze, geschweige denn um Titel: Es ging darum, ob man auch künftig überhaupt noch gut genug für die erste englische Liga war oder ob es vielleicht sogar direkt runter ging. Zur Ironie des Schicksals gehörte dann aber auch schliesslich: Postecoglus letzte Amtshandlung bei Tottenham war zumindest, seinen Satz "Egal, wo ich war, am Ende habe ich immer Titel gewonnen" sogar wahr zu machen.
In einem absoluten Krisen-Finale gegen den zu dem Zeitpunkt Tabellenfünfzehnten der Premier League Manchester United konnte man sich schliesslich mit der zweitgröesten europäischen Trophäe belohnen: Dem Gewinn der Europa League.
Dennoch endete Postecoglus Zeit wenig spaeter. Denn nach der Trennung von ihm, wie auch dem jahrzehntelangen Vereinspraesidenten Daniel Lewy, wollte man es jetzt mal mit einem ganz anderen Ansatz versuchen. Man holte einen Trainer, der international noch gar keinen grossen Namen hatte, sondern stattdessen bei einem einstigen englischen Underdog-Zweitligisten namens FC Brentford 7 Jahre hervorragende Arbeit machte und diesen am Ende als neuen Premier-League-Mittelfeldclub etablierte: Thomas Frank - the unknown one".
Der dänische Horst Steffen
Schon alleine bei dieser kurzen Beschreibung kann man schon einige Parallelen zu dem ebenfalls gerade erst entlassenen Werder-Bremen-Trainer sehen. Beide kamen zu einem, vom Namen her, deutlich grösseren Verein, beide hatten vorher (Horst Steffen bei Elversberg, Thomas Frank bei Brentford) über fast ein Jahrzehnt bei einem kleineren Verein super Arbeit geleistet, beide kamen ein bisschen mit dem Image "der freundliche bescheidene Geographie-Lehrer - und beide hatten am Ende aber auch die Grösse des neuen Vereins schlichtweg unterschätzt.
Bei Thomas Frank begann es schon damit, dass er sich in die erste PK hinsetzte und gleich zu Beginn Sätze sagte wie:
"Klar sollte erst mal sein: Wir werden auch Spiele verlieren".
Natürlich stimmt dieser Satz, jedes Team verliert Spiele (selbst Xabi-Alonsos Invincible-Leverkusener mussten dies am Ende im Europa-League-Finale gegen Bergamo zur Kenntnis nehmen), ob das aber ein guter Opener in einer PK eines Vereins ist, der, was "Gewinnen" angeht, ohnehin schon immer ein bisschen als "Chokerverein" verschrien ist, muss jeder selbst entscheiden.
Dazu kam noch, dass er in der Kabine und auch öffentlich extrem für den Spielstil vom FC Arsenal unter Mikel Arteta schwärmte, dem absoluten Erzrivalen der Spurs. Dies ging sogar soweit, dass ihm ein Fan nach einem Spiel gegen den AFC Bournemouth eine FC-Arsenal-Tasse in die Hand drückte, woraufhin überall im Netz Mimes entstanden, die Thomas Frank in Arsenal-Bettwäsche, mit Arsenal-Fanschal oder im Arsenal-Schlafanzug zeigte.
Tottenham boss Thomas Frank on drinking from Arsenal-branded cup:
— Chris Wheatley (@ChrisWheatley) January 7, 2026
"I definitely did not notice it. It would be completely stupid of me to take it if I knew.
"I think we're definitely going in the wrong direction if we need to worry about me having a cup with another logo of… pic.twitter.com/CJlx9OY8s3
Das grösste Problem war aber, dass Thomas Frank seine fussballerische DNA mehr und mehr verlor. Denn das, was ihn beim FC Brentford immer ausgezeichnet hat, war Arbeit gegen den Ball und Standards. Hier war er in seiner letzten Brentford-Saison, was Tore nach ruhenden Bällen angeht, sogar Platz 3 in der Liga, sowie auch Platz 7, was Expected Goals Against angeht. Mit 1,5 erwarteten Gegentoren pro 90 Minuten war er in dieser Saison hingegen nur auf Platz 16, heisst genauso schlecht wie der Tabellenplatz.
Die Fans frustrierten hinzu mehr und mehr die Versuche Thomas Franks die Situation herunter zu spielen und nie mal wirklich Tacheles zu reden.
Die toten Knie von London
Nun - ganz so dramatisch wie im Edgar-Wallace-Filmklassiker "Die Toten Augen Von London", wo aus einem Blindenheim nach und nach Leute verschwanden und blinde Hausierer von einem Gängsterbrüderpaar ausgenutzt wurden, um Millionäre in der Themse zu versenken und sich anschliessend derer Lebensversicherungssummen zu bemächtigen, ist die Lage bei Tottenham sicherlich nicht.
Dennoch ist die Anzahl der Spieler, die aufgrund von Knieverletzungen Saison für Saison aus dem Tottenham-Kader verschwanden, von der Anzahl her schon bedenklich. Hier geben einige Kritiker auch Ange Postecoglu und seinem intensiven Spielstil die Schuld, zur Wahrheit gehort aber auch, dass die Spurs Jahr für Jahr Spieler einkaufen, die schon eine gewisse Verletzungshistorie mitbringen, u.a. den letzten Sommer aus Leipzig gekommenen MIttelfeldspieler Xavi Simons.
Klar ist: Kaum ein Verein auf der Welt ist seit zwei Saisons so sehr von Verletzungen geplagt, wie die Nordlondoner. Alleine die aktuelle Verletztenliste: Ben Davies, Destiny Udogie, Pedro Porro, Rodrigo Bentancur, Lucas Bergvall, Dejan Kulusevski, James Maddison, Wilson Odobert, Mohammed Kudus und Richarlison: Alleine das ist schon eine ganze Startelf. Dazu kommen noch Langzeitverletzte, wie der erst kürzlich zurückgekehrte Stürmer Dominic Solanke, plus die Spieler, die immer wieder und regelmässsig aufgrund von kleineren Verletzungen ausfallen, darunter Cristian Romero, Micky van de Veen und bereits erwähnter Xavi Simons.
Natürlich kann man Verletzungen nie planen, bei so einer Häufung, auch unter Thomas Frank, dessen Spielstil deutlich weniger auf Sprints und Intensität ausgerichtet war, ist aber auch der Blick in die medizinische Abteilung ein Muss.
Wie geht es weiter?
Dies ist nun die grosse Frage: Vielleicht damit, dass man die erste Mannschaft wird, die absteigt und gleichzeitig die Champions League gewinnt? Dort steht man aktuell nämlich auf einem hervorragenden Platz 4. Bei dieser Platzierung muss man aber etwas vorsichtig sein, da das Losglück hier auch klar auf Seiten der Spurs war. Von den Top-Teams Europas hatte man in der Ligaphase kein einziges weiteres Top 8 Team als Gegner, beziehungsweise mit Paris St. Germain und Borussia Dortmund nur zwei Teams, die in den letzten Jahren um den Titel mitgespielt haben. Dafür hatte man 4 Teams als Gegner, die sich nicht einmal mehr für die Playoffs qualifizierten.
Daher sollte (auch wenn das Achtelfinal-Los mit dem Sieger aus entweder Juventus-Galatasaray oder Atletico-Brügge es ebenfalls gut mit den Spurs meint) dieser Erfolg besser nicht zu sehr überbewertet werden.
Viel wichtiger ist nun die Aufgabe, zumindest dem Abstiegskampf zu entrinnen und vor allem seine erschreckende Heimbilanz wieder zu verbessern.
Ist Igor Tudor der Richtige?
Und damit zur entscheidenden Frage. Klar ist: Igor Tudor steht für Intensität, physische Präsenz und klare Strukturen. Seine Teams agieren meist in einer 3-4-2-1- oder 3-4-3-Formation. Das Spiel ist vertikal angelegt: schnelle Ballgewinne, direkter Weg nach vorne, hohe Laufbereitschaft
Das Problem ist allerdings, dass Tudors Stil, ähnlich wie der von Postecoglu, wieder sehr auf Intensität ausgerichtet ist, und das bei einem Kader, der ohnehin schon Verletzungen gebeutelt ist. Hinzu bemängeln Kritiker regelmässig, dass seine Teams im Ballbesitzspiel nicht immer die kreative Variabilität besitzen, um tief stehende Gegner konstant zu knacken.
Und genau das war es, was Fans wiederum an Thomas Frank am meisten kritisierten: Dass man - statt kreative Lösungen im vorderen Angriffsdrittel zu suchen, immer wieder über die Aussen kam, um einen Stürmer mit Flanken zu füttern, der (namentlich Dominic Solanke) verletzt zu Hause im Bett lag oder auf der Bank sass.
Wenn man fies ist, könnte man daher durchaus fragen: Igor Tudor = Worst of both worlds?
Was aber zumindest ein bisschen für Igor Tudor spricht, ist dass er sehr über Kontrolle durch Struktur und Kompaktheit kommt. Taktische Stabilität, gepaart mit kroatischer Mentalität, wie es aus seine Heimat kennt, das sind seine Kernattibute. Dies könnte zumindest kurzfistig helfen, das Schlimmste (Den Abstieg) zu vermeiden und gegen die Teams aus der unteren Tabellenhälfte weniger Punkte zu lassen, ob das aber die Tottenham-Fans, bei den (!) kostspieligen Investitionen, die der Verein mittlerweile für neue Spieler tätigt, langfristig zufrieden stellt, darf dann doch stark bezweifelt werden.
Hinzu hat Tottenham mittlerweile auch ein Problem, was junge Eigengewächse angeht. War Tottenham hier einst mal das Aushängeschild, gerade was junge aufstebende englische Nationalspieler wie Harry Kane, Dele Alli, Danny Rose, Kyle Walker oder Eric Dier angeht, sind hier Vereine wie Manchester City, Liverpool oder Arsenal mittlerweile, was Talententwicklung und deren Einbindung in den Profi-Kader angeht, klar vorbeigezogen.
Sollte man daher im Sommer nach einer langfristigen Lösung suchen, wäre es dringend empfohlen, einen Trainer zu suchen, der auch gut darin ist junge Spieler zu fördern.




