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Steven Gerrard und Liverpool - Rückblick auf eine Liebesgeschichte

Steven Gerrard und Liverpool - Rückblick auf eine Liebesgeschichte

„Schneide meine Venen auf und ich blute Liverpool rot. Ich liebe Liverpool mit einer brennenden Leidenschaft.“

Mit diesen Worten beschreibt Steven Gerrard zu Beginn seiner Autobiografie seine Beziehung zum Liverpool Football Club, für den er in 710 Pflichtspielen auf dem Rasen stand. An diesem Samstag wird er als Trainer von Aston Villa erstmals ein Spiel gegen seinen Herzensverein bestreiten. Grund genug, um einen Blick auf diese besondere Beziehung zu werfen. (Foto: IMAGO / Colorsport)

Steven Gerrard wurde am 30. Mai 1980 als Sohn eines glühenden Anhängers der Reds geboren. Schon in seiner Kindheit hatte er ständig einen Ball am Fuß und kickte bis zum Sonnenuntergang mit seinen Freunden, seinem Bruder Paul und seinem Cousin Jon-Paul auf den Betonplätzen und Straßen Liverpools. Im zarten Alter von acht Jahren wechselte der kleine Steven in die Jugendakademie seines Lieblingsvereins und alles sah nach einem geradlinigen Aufstieg aus.

Schicksalsschläge

Am 15. April 1989 kam es während des FA Cup Halbfinalspiels zwischen Liverpool und Nottingham Forrest im Hillsborough Stadion in Sheffield zu einer Massenpanik. Im überfüllten Block der Liverpool Anhänger verloren 97 Menschen ihr Leben. Das jüngste Opfer war der erst zehn Jahre alte Jon-Paul Gilhooley – Gerrards Cousin.

„Ein Freund der Familie nahm Jon-Paul mit. Sie fuhren an diesem Morgen aus Liverpool los, alle voller Aufregung, doch Jon-Paul kam nie zurück. Er kam nie von dem Spiel nach Hause. Diese Worte werden mich für immer verfolgen.“ Steven Gerrard

Dieses tragische Ereignis – heute bekannt als die Hillsborough Katastrophe - prägt Stadt und Verein bis zum heutigen Tage. Auch Gerrard, der seinem verstorbenen Cousin seine Biografie widmete, und darin bekannte: „Ich habe es noch nie zuvor jemanden wissen lassen, aber es ist wahr: Ich spiele für Jon Paul.

Als einen weiteren Antrieb für seine Weltkarriere bezeichnet Gerrard einen Unfall, den er im gleichen Jahr beim Spielen auf einem verlassenen Grundstück hatte. Eine rostige Grabgabel bohrte sich tief in seinen großen Zeh und es drohte die Amputation – das Ende seiner fußballerischen Ambitionen. Nur die Überzeugungskraft des Akademieleiters Steve Heighway („Nein, ihr werdet seinen Zeh nicht abnehmen!“) sowie das Geschick des Chirurgen konnten den Zeh und somit die noch junge Karriere retten.

„Ohne Fußball wäre mein Leben leer. Ich vergesse niemals diese Trostlosigkeit, von einem Ball getrennt gewesen zu sein.“ – Steven Gerrard

Zusammen mit seinem Freund Michael Owen, Europas Fußballer des Jahres 2001, durchlief Gerrard die Akademie der Reds. Im Alter von 18 Jahren bestritt Gerrard sein erstes Spiel in der Premier League gegen die Blackburn Rovers. Es sollte nicht lange dauern, bis sich der harte Zweikämpfer, der auch mit offensiven Aktionen zu brillieren wusste, einen Stammplatz im Mittelfeld seines Jugendclubs erarbeiten konnte.

„Kurz bevor ich mein Liverpool Debüt gab sagten sie [Jon-Pauls Eltern]: „Jon Paul wäre so stolz auf dich.“ Während dieses Spiels spürte ich, wie er auf mich herabsah, froh dass ich den Traum erfülle, den wir beide teilten.“ - Steven Gerrard

2003 übernahm der Englische Nationalspieler dann sogar die Kapitänsbinde seiner Reds. Ein Amt, das er erst bei seinem Abschied 2015 niederlegen sollte.

Abschiedsgedanken

Doch bereits lange davor, im Sommer 2004, stand Captain Fantastic - wie ihn seine Anhänger noch heute nennen - kurz vor einem Vereinswechsel. Liverpool beendete die Saison 2003/2004 30 Punkte hinter Meister Arsenal und Gerrard - zu diesem Zeitpunkt bereits in der Weltklasse angekommen - zweifelte an den Ambitionen seines Vereins. Vor allem das Interesse des neureichen Vizemeisters Chelsea und Trainer José Mourinho beschäftigte den Mittelfeldmann.

„Ich werde mit offenen Armen auf Steven warten.“ -José Mourinho

Der Familienrat der Gerrards tagte und schließlich kam es am 28. Juni zu einem Telefonat mit CEO Rick Parry, bei dem Gerrard verkündete: „Ich werde definitiv bleiben.“ Die Fans der Reds können bis heute dem Vater ihrer Legende dankbar sein, der damals ein Machtwort sprach: „Steven, du gehst nirgendwo hin. Ich will, dass du bleibst."

Doch die Wechselgedanken waren noch nicht verschwunden, schließlich erreichte Liverpool in der folgenden Saison nur den 5. Platz. Im Gegensatz zum immer noch interessierten Meister Chelsea war man damit nicht für die Champions League qualifiziert.

Eine Nacht in Istanbul sollte dies vorerst ändern: die Reds besiegten im Finale der Champions League die übermächtige AC Mailand und waren zum fünften Mal die Könige Europas. Noch im Stadion teilte Gerrard der Welt mit: „Ich unterschreibe bei Liverpool für vier oder fünf Jahre.“

Aber die Verhandlungen kamen ins Stocken und eskalierten in einer offiziellen Transferanfrage. In den Straßen Liverpools herrschte der Ausnahmezustand, vor Anfield brannte ein Trikot des Kapitäns. Gerrard - der in dieser Zeit nach eigener Aussage Paracetamol wie Smarties zu sich nahm – setzte sich erneut mit seiner Familie zusammen.

„Lauf nicht weg. Verlasse nicht den Club, den du liebst.“ – Paul Gerrard Sr.

In seinem Buch schildert Gerrard seine Gedankengänge zu dieser Zeit. Wie er sich fragte, ob er die Stadt und den Verein, die ihn formten, verlassen kann. Ob er gegen den Kop, die Heimat der treusten Fans, spielen kann. Ob er seine Familie enttäuschen kann. Die Antwort lautete nein und so unterzeichnete er einen langfristigen Vertrag – diesmal ohne Ausstiegsklausel.

„Als ich an diesem Freitag den Vertrag unterzeichnete, war es, als würde ich einen Liebesbrief unterschreiben. Ich war froh, dass mein kurzer Flirt mit Chelsea vorbei ist.“ – Steven Gerrard

Erst 2015 folgte dann der emotionale Abschied, Steven Gerrard verließ den Liverpool Football Club nach 710 Pflichtspielen als weit über die Grenzen der Merseyside geschätzte Vereinsikone. Für ein Jahr schloss er sich LA Galaxy in der Major League Soccer an, wo er im hohen Fußballeralter von 36 Jahren aus dem zentralen Mittelfeld im Schnitt eine Torbeteiligung alle 100 Minuten beisteuern konnte.

Nach seinem Karriereende 2016 startete Gerrard sofort seine Trainerkarriere – natürlich in der Akademie des FC Liverpool, die er einst selbst durchlief. Der Weg zum Cheftrainer der Reds schien dabei schon vorgezeichnet, als er das Trikot das erste Mal gegen den Anzug tauschte. Doch ein Mann stand ihm dabei im Weg: Jürgen Klopp, der selbst für eine Vereinslegende unantastbar war und ist.

Und so verließ Gerrard seinen Verein im Sommer 2018 zu den Glasgow Rangers, nachdem er die U19 in das Viertelfinale der UEFA Youth League führte. Torschützen im Viertelfinale gegen Manchester City: Curtis Jones und Lukas Nmecha.

Doch die Verbindung zu Liverpool blieb auch über die private Ebene hinaus bestehen, so kam es während seiner Amtszeit zu vier Leihen von Liverpool zu den Rangers; sicherlich kein Zufall. Als Trainer Gerrard in der vergangenen Saison ungeschlagen die Schottische Meisterschaft ins Ibrox Stadium holte und damit endgültig bewies, dass er mehr als nur einen großen Namen mitbringt, wurden auch Teams der Premier League aufmerksam.

Das erste Mal gegen Liverpool

Als Aston Villa sich im November von Trainer Dean Smith trennte, war das die Chance für Gerrard, sich auf höchstem Level zu beweisen. Und so musste er in Kauf nehmen, zum ersten Mal gegen seinen Herzensverein anzutreten, um seine eigene Karriere voranzutreiben. Bei seiner ersten Pressekonferenz in Birmingham wimmelte er eine Frage nach Liverpool förmlich ab, seine Konzentration gelte nur Aston Villa.

Doch bedeutet das, dass wir Steven Gerrard vielleicht niemals als Coach des FC Liverpool sehen werden? Davon ist Stand jetzt nicht auszugehen! Denn in seinen ersten Wochen als Premier League Coach konnte Gerrard bereits andeuten, der Aufgabe gewachsen zu sein. Sollte er dies auch zukünftig beweisen können, wird er bei einem Abschied von Klopp ganz oben auf der Liste der Liverpooler Bosse stehen.

Dass Gerrard ein Angebot seiner Reds ablehnen würde, das erscheint mir sehr unrealistisch. Denn um seine Liebe zu Liverpool zu erkennen braucht es keinen Schnitt in die Venen – es genügen hunderte Anekdoten, von denen ich nur einen Bruchteil in diesem Artikel unterbringen konnte.

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