18+ | Spiele mit Verantwortung | Es gelten die AGB | Glücksspiel kann süchtig machen | Wir erhalten Provisionen von den aufgeführten Wettanbietern

Kickfieber Sascha Nach Oranje-Remis | Das sind Klopps taktische Baustellen
Juergen Klopp und Joshua Kimmich fuer Deutschland im September 2026

(IMAGO / Sven Simon)

Nach Oranje-Remis | Das sind Klopps taktische Baustellen

Bei Jürgen Klopps Debüt gegen die Niederlande beim Nations League-Auftakt zeigte die deutsche Nationalmannschaft viele gute Ansätze, aber auch Schatten an denen es in den nächsten Wochen zu arbeiten gilt. Diese Schwachstellen wollen wir euch in dieser taktischen Analyse genauer veranschaulichen.
Sascha Baharian Profile Image
Veröffentlicht: 26 September 2026, 17:21

Klopps Taktik gegen Oranje war kein fertiges System, sondern ein Crashkurs. In Amsterdam zeigte Deutschland in der ersten Stunde das gewünschte Gesicht – hoch, lebendig, ballorientiert – und danach genau die Lücken, die nach zwei Trainingseinheiten unvermeidlich sind: fehlende Automatismen, zu wenig Kontrolle im Zentrum, eine Restverteidigung, die den Ausgleich in der Nachspielzeit nicht mehr verhindert.

Das Ergebnis 1:1 (Nmecha 32., Gakpo 90.+2) war taktisch gerechter als ein Sieg. Es waren auch die ersten wichtigen Informationen für Klopps DFB-Projekt.

Grundordnung: 4-3-3 mit Kimmich als Anker

Klopp schickte keine Dreierkette, sondern eine klassische Viererkette plus Dreier-Mittelfeld auf das heilige Grün in Amsterdam. Die Startelf nach Musialas Ausfall im Aufwärmen: ter Stegen – Treu, Tah, Schlotterbeck, Brown – Kimmich – Nmecha, Amiri – Schade, Havertz, Adeyemi.

Die Grundformation schwankte zwischen einem 4-3-3 und 4-1-4-1, je nach Phase. Praktisch war Kimmich der alleinige Sechser: Absichern, abfangen, den ersten Pass progressiv nach vorn. Nmecha und Amiri sollten davor laufen, anlaufen und zweite Bälle gewinnen. Die Flügel waren bewusst auf Tempo gesetzt: Schade rechts, Adeyemi links, Havertz als falsche Neun in der Spitze.

Das ist Liverpool-DNA ohne Reds-Personal. Klopp wollte kein “Positionsfetisch”, sondern zonen-orientiertes Spiel: Ballgewinn in einer Zone, in der der nächste Pass wehtut – dann sofort nach vorn, bevor der gegnerische Block sich wieder formieren kann.

Die Außenverteidiger - breit, und nicht invers

Ein klarer Bruch zu Nagelsmann. Die Außenverteidiger sollten klassisch breit stehen und weniger am Spielaufbau teilnehmen. Das kam Philipp Treu entgegen: Der Freiburger Debütant ackerte gegen Gakpo, stieß immer wieder nach vorne und flankte vor dem 1:0 scharf nach innen. Nathaniel Brown auf links rückte später mit auf, unter anderem bei Adeyemis Großchance.

Vorteil: Breite und Hinterlaufen ohne komplizierte Invertierung. Risiko: Wenn der erste Pressingzug scheitert, fehlt oft ein extra Mann der den Aufbau im Zentrum zusätzlich stören kann – und ter Stegen muss als Libero herhalten.

Pressing - Handzeichen, Trigger, Vokabeln

Das virale Bild des Abends war kein Zufall: Ein Wink von Klopps Hand, und die komplette Mannschaft läuft an – ausgelöst bei einem Rückpass vom Außen- auf den Innenverteidiger. Das ist Klopps Sprache: Pressingauslöser statt Mannorientierung, kollektiv statt einzeln.

In den ersten Minuten funktionierte das. Innerhalb von zwei Minuten eroberte Deutschland den Ball hoch und kam zu Chancen. Kimmich analysierte nach der intensiven Partie: 
 

Speziell am Anfang sind wir gut ins Pressing gekommen, mit starken Ballgewinnen.” Klopp selbst zählte Gegenpressing-Szenen – „ich würde gerne viel mehr sehen, aber es waren welche dabei.

Danach wurde es unruhig. Ohne eingespielte fünf-Sekunden-Reaktion nach Ballverlust kippte das Spiel vom organisierten Druck ins „zu wilde“ Nachsetzen. Genau das hatte Klopp vorab in Kauf genommen: Es dürfe wild sein, es müsse nur lebendig sein. Gegen Xavis Niederlande reichte Lebendigkeit eine Stunde – aber nicht 93 Minuten.

Warum Oranje das Zentrum gewann

Xavi stellte kein reines Tiki-Taka auf. Brobbey war in Halbzeit eins der Zielspieler bei Oranje: Rücken zum Tor, abschirmen, Mitspieler aufrücken lassen. Ein abgepfiffenes Tor nach Gerangel mit ter Stegen zeigte, wie physisch Oranje den Sechzehner besetzte. Nach Brobbeys Verletzung kamen die Holländer mehr über die Halbräume und die Außen, um Deutschland aus der Kompaktheit zu ziehen.

Das gelang zunehmend nach der Pause. Das niederländische Mittelfeld (Gravenberch, Timber/Veerman, Reijnders) eroberte das mittlere Drittel durch Physis und dem Gewinn der zweiten Bälle. Deutschland verlor zu viele Zweikämpfe im Zentrum, während Tah in Boden-Duellen blass blieb. Als Klopp umstellte – Stach und Führich nach 64 Minuten, später Engelhardt und Gnabry – fehlte zwar die taktische Struktur, aber nicht der Wille.

Das 1:0 selbst war Klopp-typisch und zugleich unsauber: Kimmich findet Treu, Hereingabe, Abpraller, Nmecha aus sechs Metern. Kein kunstvolles Kombinationsspiel, sondern Zugriff plus Abschlussgier. Die großen Konter danach – vor allem Adeyemi – wurden nicht belohnt. Wer Chancen so liegen lässt, muss hinten perfekt stehen. Das tat Deutschland nicht. 22 gegnerische Abschlüsse, zehn aufs Tor: zu viel für eine Führung, die gehalten werden sollte.

Das 1:1 als Lehrstück der Restverteidigung

Gakpos Ausgleich nach "trivela-artiger" Hereingabe von Ruben van Bommel war kein Betriebsunfall, sondern die logische Konsequenz. Klopps Mannen ließen sich zu sehr hinten rein drängen, spielten zu wenig Fußball, und verschaffte sich selbst Arbeit. In der Fehlerkette steckten Ballverluste und zu spätes Verschieben – Treu war mittendrin, nachdem zuvor schon Gnabry den Ball verloren hatte. 

Klopps eigene Hierarchie ist hier eindeutig: Wer nur offensiv denkt, wird defensiv getötet. Defensive Stabilität sei das “Trampolin”. Gegen Oranje war das Netz noch nicht gespannt. Ballorientiertes Verteidigen braucht geringe Abstände, die nach zwei Einheiten nur „erlernt“ sind – wie Vokabeln am Prüfungsmorgen.

Was bleibt als Taktik-Fazit?

Sascha Baharian
Sascha Baharian

Was meiner Meinung schon Klopp war? Das Tempo über die Flügel, Kimmich als Fixpunkt im Zentrum, breite Außenverteidiger, sichtbare Pressingtrigger, eine Mannschaft, die zusammenhält und kämpft und nicht mehr mit der Aggressivität des Gegners überfordert ist.

Was Klopp noch vermitteln muss? Ein Gegenpressing als wiederkehrender Reflex statt als endende Episode, konstante positive Zweikampfquote im Mittelfeld, mehr Ruhe nach überstandenem Pressing, und die Fähigkeit, eine Führung nicht nur zu verteidigen, sondern durch Ballbesitz zu verwalten. Internationaler Fußball bestraft diese fehlenden Prozesse härter als manch Topliga.

Gegen das talentierte Griechenland in Augsburg wird sich zeigen, ob die "Vokabeln" im zweiten Anlauf besser sitzen oder erneut "nachgeschlagen" werden müssen. Die Idee hängt nicht an Havertz oder Treu, sondern daran, ob elf Spieler dieselben Auslöser sehen – auch ohne Handzeichen von der Trainerbank.

Sascha
Sascha @sascha_baharian

Hingebungsvoller Fachmann in Bezug auf den italienischen Fußball und speziell die Serie A 🇮🇹

Wenn es um die Serie A oder im Allgemeinen den Fußball in Italien geht, ist man bei Sascha goldrichtig. Seit Jahren verfolgt er ganz genau die Entwicklungen der höchsten Spielklasse in Italien und weiß mit qualitativ hochwertigen Analysen zu glänzen. Diese könnt Ihr Euch auch jederzeit in seinem eigenen Podcast anhören. Des Weiteren weiß er auch mit seinem Wissen in Sachen Jugendfußball zu überzeugen und ist daher insgesamt ein sehr wertvoller Teil unseres Teams. 

PS: Seit neuestem ist Sascha zudem auch Zertifizierter Scout & Spielanalyst nach IST.