Vor einigen Wochen verkündete Julian Nagelsmann auf einer Trainer-Konferenz in Leipzig, dass Nationalmannschafts-Kapitän Joshua Kimmich künftig endgültig wieder im zentralen Mittelfeld und nicht als Rechtsverteidiger eingeplant sei. Die Begründung war, dass Spieler dort eingesetzt werden sollen, wo sie auch im Verein spielen. Beim FC Bayern wäre das im Falle Kimmich natürlich klar das Zentrum, beziehungsweise die Sechserposition.
Das klingt auf dem Papier erstmal logisch, die große Frage, die sich Fans aber zu Recht stellen: Was wird denn dann aus der Rechtsverteidigerposition? Hat Deutschland hier aktuell überhaupt eine Alternative? (Bild: IMAGO / Laci Perenyi)
Schwierige Wochen für den DFB
Denn eines ist klar: So wie in den letzten Spielen gegen Slowakei und Nordirland darf das künftig nicht mehr aussehen, wenn Deutschland bei der WM irgendeine Chance haben, beziehungsweise nicht sogar Gefahr laufen möchte, sich am Ende nicht einmal für das Turnier zu qualifizieren.
Denn solche großen Tempodefizite, wie auch grobe Fehler im Stellungsspiel gegen solche dann bei allem Respekt doch eher unterklassige Gegner: Auch wenn Angst nie ein guter Ratgeber ist, da sollte man es als Julian Nagelsmann es dann aber doch mal mit der Angst zu tun bekommen, wie das aussehen soll, wenn es zum Beispiel gegen Frankreich und Spanien, beziehungsweise direkte Gegner wie Kylian Mbappé oder Nico Williams auf dieser Position gehen sollte.
Hat sich der Bundestrainer daher mit der Entscheidung ein bisschen zu weit aus dem Fenster gelehnt, Kimmich so klar und endgültig wieder auf die Sechs zu befördern, beziehungsweise sogar "vercoacht?"
Deutschland und die Rechtsverteidiger: Das alte Lied
Was einem zumindest ein bisschen Trost geben sollte. Das Thema Rechtsverteidiger war schon bei der WM 2014 das (!) eine große Thema. Auch damals ging es um den Kapitän des späteren Weltmeisters Philipp Lahm, den man im Verlaufe der Vorbereitung auch am liebsten geklont und anschließend sowohl im Mittelfeld als auch auf der Rechtsverteidiger-Position eingesetzt hätte. Der damalige Bundestrainer Joachim Löw löste das Problem dann zunächst allerdings ziemlich galant in dem er einfach vier Innenverteidiger aufstellte, ganz nach dem alten Motto Defensive First.
Im Verlaufe des Turniers sah dann allerdings auch Jogi Löw irgendwann ein, dass er im Mittelfeld dann doch auf zu viele Weltklasse-Alternativen wie Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger oder Toni Kroos zurückgreifen konnte, beziehungsweise auf seinen mit Philipp Lahm einfach wichtigsten Spieler auf der Rechtsverteidigerposition dann im Kampf um den WM-Titel dann doch nicht verzichten konnte.
"Herzlichen Dank für eine wunderbare Zeit!" Philipp #Lahm über seine Entscheidung: http://t.co/YIwPySLWcD #4gefühl pic.twitter.com/4tE7qTGXst
— DFB-Team (@DFB_Team) July 18, 2014
Ein neues Anforderungsprofil bildet sich
Der Hauptgrund hierfür ist aus heutiger Sicht, dass sich bei diesem Turnier zum ersten Mal ein klarer Trend abzeichnete: Nicht mehr kantige Mittelstürmer der Marke Ruud van Nistelrooy, sondern blitzschnelle Flügelspieler, respektive falsche Neuner waren es häufig, die nicht nur Fans begeisterten, sondern in der Offensive die wichtigsten Spiele entschieden, allen voran natürlich Lionel Messi oder zu seiner Anfangszeit auch Cristiano Ronaldo.
Mit dem Durchbruch dieser beiden Jahrhundertspieler, wie auch noch vielen weiteren Weltklassespielern, die daraufhin nachkamen, veränderte sich folgerichtig auch das Anforderungsprofil an Außenverteidiger.
Die Zeit, wo man noch mit eher langsamen und defensiv denkenden Außenverteidigern der Marke Thomas Linke oder Guido Buchwald Turniere gewinnen konnte schien damit endgültig vorbei, zu fatal waren die Folgen, wenn man (wie z.B. auch in Deutschlands WM-Spiel 2018 gegen Mexiko) im Mittelfeld überspielt wurde und der Gegner dann auf einer Schiene plötzlich Raum zum Kontern bekam.
Ein Außenverteidiger, der hier lediglich mit Körperlichkeit und Stellungsspiel etwas entgegen zu setzen wusste, reichte hier schlicht und einfach schon alleine von der Geschwindigkeit nicht mehr aus, was bei der WM 2018 für Deutschland schließlich mit dem Vorrunden-Aus endete, nachdem man auf diese Weise von den Mexikanern einmal komplett überrumpelt wurde:
Heute, elf Jahre später, hat sich das Anforderungsprofil an Außenverteidiger noch einmal verändert. Nicht nur, dass einige Weltklasse-Flügelspieler wie Kylian Mbappé nochmal weitaus schneller geworden sind als die Generation Messi & Co., ein Außenverteidiger muss heutzutage dazu noch in der Lage sein bei erfolgreichem Ballgewinn Gegenangriffe mit einzuleiten und Flanken zu schlagen.
Einige Außenverteidiger wie Bayern-Linksverteidiger Alphonso Davies oder auch der langjährige ManCity-Rechtsverteidiger Kyle Walker perfektionierten diese Skills dann noch einmal mehr, in dem sie nicht nur in Sachen Geschwindigkeit komplett neue Weltrekorde für Verteidiger aufstellten, sondern häufig selbst fast schon als Flügelspieler agierten, wenn sie einmal Wiese vor sich hatten und die Chance bekamen einen schnellen Gegenangriff einzuleiten.
Außenverteidiger im Jahr 2025
Auf seine ganz eigene Art und Weise hat dann schließlich der Marokkaner und Paris St. Germain-Außenverteidiger Achraf Hakimi das Rechtsverteidigerspiel noch einmal revolutioniert, ein Spieler, dem man zu seiner Zeit bei Borussia Dortmund zunächst defensive Schwächen unterstellte. Was man damals aber noch nicht erkannt hat: Für Hakimi war es schon immer die gesamte Schiene, die er als sein Aufgabengebiet definierte. Damit war er einer der ersten Außenverteidiger, die in Sachen Raumverständnis nicht mehr vertikal sondern horizontal dachte.
Oder um es mit einfacheren Worten zu erklären: Viele Außenverteidiger neigen dazu auch gerne mal ins defensive Mittelfeld oder in die Innenverteidigung abzukippen, weil sie ihren Raum immer noch als ein bestimmten Abschnitt in der eigenen Hälfte definieren, der in der Regel da endet, wo die nächste Kette das Spiel übernimmt.
Bei Hakimi und anderen modernen Außenverteidigern hingegen ist es schon immer vielmehr ein bestimmter Abschnitt neben der Seitenlinie gewesen, den der Spieler klar als seinen Aufgabenbereich definiert hat, ob im Angriff oder als Verteidiger.
Nicht zuletzt war es damit auch Hakimi's Rolle, die das Spiel der Pariser unter Luis Enrique in der vergangenen Saison für Gegner so unausrechenbar machte und am Ende mit einem Champions-League-Titel und einem Top-6-Platz unter den Ballon-d'or-Siegern 2025 belohnt wurde.
Auch Rechtsverteidiger, wie die beiden Niederländer Jeremie Frimpong und Denzel Dumfries sind weitere Beispiele dafür, inwieweit sich die Rolle des Außenverteidigers auch in der taktischen Denkweise in den letzten Jahren nochmal verändert hat.
Deutschlands Optionen auf der RV-Position
Was aber kann man aus Seiten des DFBs tun, um auch auf dieser Position für das kommende WM-Turnier irgendwie gerüstet zu sein? Den Österreichischen Rechtsverteidiger Konrad Laimer kann man (aus deutscher Sicht leider:) schlecht einbürgern. Dennoch ist auch er ein weiterer Prototyp für das moderne Anforderungsprofil an Rechtsverteidiger. Denn ist er ursprünglich mal als gelernter Mittelfeldspieler von RB Leipzig zu den Bayern gewechselt, sagt er mittlerweile von sich selbst, dass er mittlerweile so viele Spiele als Rechtsverteidiger bestritten hat, dass er sich nun klar auch selbst als gelernter Rechtsverteidiger sieht.
Aktuell ist er auf dieser Position einer der wichtigsten und besten Spieler im Kader des FC Bayern. Man sieht also auch hier, die Rolle des Rechtsverteidigers ist mittlerweile weit aus mehr als die eines Verteidigers und oft sind es grade diese spielerischen Skills eines defensiven Mittelfeldspielers, die auch auf dieser Position in brenzligen Situationen entscheidend sind.
Fassen wir also zusammen: Deutschland brauchte auf dieser Position eigentlich einen Spieler, der spielstark ist, flexibel ist, anführen kann, aber auch genug Erfahrung hat um Spielszenen lesen zu können, um dann bei Bedarf auch mal die Position zu halten.
Die naheliegendsten Möglichkeiten wären hier aktuell:








