Eigentlich sollte es das perfekte Match des Jahres 2025 werden: Leverkusens Invincible-Trainer und Double-Gewinner Xabi Alonso plus der Verein, wo er bereits als Spieler eine absolute Legende war: Real Madrid.
Dennoch verdichteten sich gerade in den letzten Monaten die Zeichen, dass es doch noch an der ein oder anderen Stelle hakt, so sehr, dass spanische Medien sogar schon über ein vorzeitiges Ende Alonsos spekulierten.
Doch wo liegen derzeit die wirklichen Probleme bei den Königlichen? Ist es die Kaderplanung, die zu sehr auf Stars und zu wenig auf Teamgefüge ausgerichtet ist? Oder kam dieser nächste große Schritt des Welt- und Europameisters Alonso zu Real Madrid vielleicht doch zu früh?
(Bild: IMAGO / NurPhoto)
Sportliche Lage:
Zuallererst darf man nicht vergessen, dass die spanische Medienlandschaft, ganz vorne die Marca, dazu neigt, Dinge ein wenig überhitzt darzustellen, wenn es um den für die meisten Fußballfans sicherlich nach wie vor größten Club der Welt geht.
Denn schaut man auf das rein Sportliche ist Real Madrid immer noch absolut im Soll. Mit 4 Punkten Rückstand hinter dem FC Barcelona steht man vor der Winterpause auf Platz zwei in der LaLiga-Tabelle und hat damit immer noch alle Chancen auf den Meistertitel.
Auch im spanischen Pokal, der Copa del Rey, ist man trotz eines zuletzt grade defensiv sehr dürftigen 3 : 2 Sieges gegen den Drittligisten CF Talavera weiterhin im Wettbewerb.
Niederlagen in der Liga gab es bislang nur gegen Atletico Madrid (2 : 5) wie auch gegen Celta Vigo (0 : 2), ansonsten sorgten nur zahlreiche Remis' für Punktverlust und Fanfrust.
Auch in der Champions League steht man derzeit auf einem soliden Platz 7 und wäre damit, trotz zwei Niederlagen gegen den FC Liverpool (0 : 1) und Manchester City (1 : 2), aktuell direkt für das Achtelfinale qualifiziert.
Zwischenmenschliche Probleme:
Deutlich mehr Probleme gibt es allerdings im Zwischenmenschlichen, neudeutsch Peoples Management. Genau das, was Xabi Alonso in Leverkusen immer ausgezeichnet hat, fällt ihm als Trainer des weißen Balletts nämlich auf einmal auf die Füße: Sein extrem klares taktisches Konzept, seine fast schon Guardiola-artige Akribie, wenn es um die Umsetzung seiner taktischen Vorgaben geht, wie auch seine immer noch vorhandenen Fähigkeiten als Spieler bestimmte Abläufe auch direkt auf dem Spielfeld vormachen zu können: All dies funktionierte bei den größtenteils jungen hungrigen Leverkusen-Spielern perfekt, funktioniert bei den Real-Madrid-Superstars allerdings nur beginnt.
Alonsos größtes Kryptonit ist hierbei vor allem sein Vorgänger Carlo Ancelotti. Dessen Trainingsstil beinhaltete nämlich vor allem, den Stars zu vertrauen, ihnen maximale Freiheit zu lassen und für eine gute Grundstimmung in der Kabine zu sorgen.
Würden wir hier von einer Schulklasse reden, könnte man also von dem strengen neuen Lehrer Alonso reden, der auf den netten großmütigen Vertrauenslehrer Ancelotti folgt.
Die Folge: Viele der unter Ancelotti vielleicht etwas "verzogenen" Stars wie Vinicius Junior, Federico Valverde oder Jude Bellingham werden auf einmal mit neuen Aufgaben konfrontiert und einer Situation, die sie unter Ancelotti und auch unter Zinedine Zidane so nicht kannten. Es ist daher nicht auszuschließen, dass sich der ein oder andere zunächst dachte:
"Was ist denn hier los? Wieso steht hier auf einmal ein Coach, der mir genau sagen will, wo ich wann wem hinpassen soll? Und der mir sogar direkt vormacht, wie ich zu spielen habe?"
Viele Leser erinnern sich hier sicherlich noch an das Scheitern von Carlo Ancelotti beim FC Bayern, was ebenfalls größtenteils seinem Vorgänger Pep Guardiola geschuldet war. Während Guardiola den Bayern-Spielern nämlich in höchster Akribie Strukturen und Positionen vorgab, war es dann Ancelotti der (inklusive rauchendem Co-Trainer) die Zügel plötzlich locker ließ und den Spielern maximale Freiheit auf dem Platz einräumte.
Die Folge war, dass das Team mit diesem plötzlichen Stilbruch komplett überfordert war, was schließlich für den Rauswurf von Carlo Ancelotti nach nur einem Jahr sorgte. Ausgerechnet der FC Bayern, der Verein gegen den Ancelotti auf seinen vielen anderen Stationen noch nie verloren hatte, sollte damit der einzige Verein bleiben, wo er als Trainer keinen Erfolg hatte.
Die Frage, die man sich daher durchaus stellen darf: Erleben wir bei Real Madrid vielleicht grade das selbe Phänomen, nur umgekehrt?
Vinicius Jr. vers. Xabi Alonso:
Ich? Wirklich ich? Warum immer ich? Mir reicht's. Ich hau hier ab.
So ähnlich interpretierten Lippenleser den Wutanfall von Vinicius Junior nach seiner Auswechslung im El Classico gegen den FC Barcelona, den man trotz alledem (nicht zuletzt dank einer herausragenden Leistung von Kylian Mbappé) aber schließlich dennoch gewann.
Anders als aber z.B. bei Karim Adeyemis jüngsten Ausrastern nach Auswechslung bei Borussia Dortmund stellte sich der Verein danach jedoch nicht klar hinter den Trainer.
Vielmehr wurde mehr und mehr durchgesteckt, dass zwischen Vinicius Jr. und Xabi Alonso schon länger ein Machtkampf tobte und es auch andere Spieler gab, die vor Alonso nicht den Respekt hatten, wie vor seinem Vorgänger.
Der Grund hierfür: Vinicius Jr. und anderen Kreativspielern war das Positionsspiel von Alonso zu starr, hemmte sie in ihrer Kreativität und sorgte gerade gegen tiefstehende Gegner für Probleme, die man - laut einiger Spieler - so unter Carlo Ancelotti in der Form nicht hatte.
Auch plötzliche Positionswechsel wie die von Federico Valverde auf die Rechtsverteidigerposition wurde von Spielerseite nur äußerst widerwillig aufgenommen.
Andere Spieler wie Jude Bellingham weigerten sich währenddessen wiederholt bei Interviews zu erscheinen, während sich junge Spieler wie Franco Mastantuono oder auch der jüngst an Olympique Lyon verliehene Brasilianische Mittelstürmer Endrick über zu wenig Spielzeit beschwerten.
Kurz gesagt: Aus dem Machtkampf zwischen Vinicius und Alonso wurde ein Dominoeffekt, bei dem mehr und mehr Spieler machten, was sie wollten, ungeachtet, ob das dem Verein und dem Trainer schadet oder hilft.